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Zu
spaet stellt man fest: "Eigentlich haette ich alles anders
machen sollen"
Abschlussbericht von Bettina Becker
/ September 2004
Meine Aufgabe war die Altenbetreuung
in der evang. A.B. Kirchgemeinde in Kronstadt, eine schrumpfende
deutschsprachige Gemeinde, da die Nachfolgegenerationen fehlen.
Denn die, denen es moeglich war, haben spaetestens nach der
sog Revolution ihre 7 Sachen gepackt und sind nach Deutschland
ausgewandert. Die Zurueckgelassenen bleiben mit einem Gefuehll
der Einsamkeit und der Verlassenheit. Bei meinen Altenbesuchen
bekam ich das oft zu spüren. Ich betreute 6 ältere
sächsische Damen im Alter zwischen 57 und 94 Jahren. Ich
half beim Kochen, Einkaufen, Hausputz, Fuettern und Waschen.
Desweiteren begleitete ich einige zum Arzt oder half bei anderen
Besorgungen. Oft steht die Hilfe im Haushalt eher im Hintergrund
wichtiger sind die kleinen Gespräche, fuer kurze Zeit koennen
sie ihre Einsamkeit vergessen. Ich freue mich, wenn ich schwere
Minuten rosig machen konnte. In dem Jahr habe ich viel über
das Alter gelernt. Und ich ueberlege mir, wie man gluecklich,
in Gesellschaft alt werden kann. Wie will ich leben, dass ich
nicht am Ende sagen muss: " Eigentlich haette ich alles
anders machen muessen!" 6 Lebensgeschichten mit ihren Hoehen
und Tiefen kenne ich jetzt. Deportiert in Russland, Zwangsarbeit
im Schacht, Diskrimminierung- menschenunwuerdige Verhaeltnisse.
Dann gibt's auch wieder freudige Geschichten: die ertste Liebe,
von Freundschaft, Reisen,... ui, da gabs manchmal viieel zu
hoeren. Und oft fehlt ein offenes Ohr. Und wie oft musste ich
zusehen, wie entsetzt in den leeren Geldbeutel geschaut wurde,
in jede Ecke, und trotzdem nichts gefunden. Aber bei einer Rente
von vielleicht 2,9 mio. Lei (also 70 euro) aber Ausgaben von
200000Lei fuer Strom, 100000Lei fuer Wasser, 2000000Lei fuer
Gas im Winter, vielleicht noch fuers Telefon 300000, die Muellabfuhr
muss bezahlt werden und auuserdem noch Fernsehgebuehren, da
bleibt fuer Lebensmittel nicht mehr so viel uebrig. Aber wo
soll man sparen? Lieber auf den Fernseher verzichten und ohne
Unterhaltung den Tag absitzen?
Faszinieren, wie sich
mein Blick auf die aelteren Menschen geaendert hat. Zuerst sah
ich die verkruemmte Gestalt und die faltige und fleckige Haut.
Jetzt nehme ich die Person selbst wahr. Die Freude und die Trauer
die sie durchlebt haben, sehe ich in ihrem faltigen Gesicht.
Neben den Siebenbuerger
Sachsen gibt's noch mehr als ein Dutzend andererer Minderheiten:
Roma, Ungarn, Juden, Polen, Tschechen, Tuerken,... Die vielen
unterschiedlichen Kulturen machen Rumaenien interessant. Auch
wenns Ihnen vielleicht nicht bewusst ist, denn das Zusammenleben
ist gekennzeichnet durch feindliche Auseinandersetzungen aber
auch durch friedliche Koexistenz. Mir faellt die nationalistische
Einstellung und Abgrenzung auf. Als Aussenstehender wundert
man sich. Warum grenzen sie sich voneinander ab, bauen die Barrieren
nicht ab und beharren so stark auf ihre nationale Zugehoerigkeit?
Warum ist ein Miteinander, ein Austausch so schwierig? Jede
Minderheit schrumpft fuer sich. Sind die kulurellen Unterschiede
so gravierend? In erster Linie ist man doch einfach nur "Mensch",
das muesste doch schon ungemein verbindend sein!
In diesem Jahr ist es
mir gelungen ein Stueckchen mehr ueber den Tellerrand zu schauen.
Es war eine gute Lebensschule. Und ich kann es nur jedem empfehlen.
Haltet mal inne und richtet euren Blick in eine ganz andere
Richtung! Ihr werdet viel entdecken und euer Leben und vielleicht
auch das von anderen bereichern. Zu spaet stellt man fest: "Eigentlich
haette ich alles anders machen sollen" |