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...eine Art Auszeit von den ganzen Reizen des deutschen Großstadtlebens
Ein aktueller Bericht von Cordula Binder / August 2006

Dies ist mein erster Monatsbericht, obwohl ich erst 2 Wochen da bin. Aber ich hätte trotzdem schon eine Menge zu erzählen, sodass ich erstmal einschränken muss, was sowohl für mich, als auch für Euch Leser von Bedeutung sein könnte.

Vielleicht erstmal eine kleine Vorstellung:
Ich bin Cordula, 24, komme eigentlich aus Nürnberg und leb’ seit 4 Jahren in Potsdam, wo ich mittlerweile Soziale Arbeit studiere. Das kommende Wintersemester ist mein Praxissemester und aus diesem Grund befinde ich mich nun hier in Dacia, um bei dem Projekt „Gemeinsam lernen – würdevoll miteinander das Leben gestalten“ ein 6monatiges Praktikum zu machen.

Warum ich ausgerechnet nach Rumänien gekommen bin, hat zwei Hauptgründe. Einer davon ist, dass meine Familie ursprünglich aus Siebenbürgen kommt, zufälligerweise sogar aus der Gegend um Rupea, und ich mir damit einen lang gehegten Wunsch erfülle, auch einmal in diesem Land zu leben. So kann ich Erzählungen mit konkreten Bildern und eigenen Erfahrungen verbinden und die rumänische Sprache lernen.

Der andere Grund ist, dass Rumänien ein Land ist, in dem es wirklich was zu tun gibt. Das mit seinem Gesundheits- und Sozialwesen teilweise weit hinter dem aus Deutschland gewohnten Standard zurückliegt, in dem die Einstellungen der Gesellschaft zu menschlichem Leben, zu Fragen der Erziehung, zum Umgang mit Minderheiten mitunter sehr gewöhnungsbedürftig sind, oder so, dass man sich eigentlich nie dran gewöhnen dürfte.

Da habe ich für mich entschieden, auf den fachlichen Fortschritt im Arbeitsfeld zu verzichten, den ich bei einem Praktikum in Deutschland gehabt hätte, und lieber meine Energie, Neugier und mein Wissen in dieses Projekt zu stecken und hoffe nun, dass es klappt, hiermit die betroffenen Menschen und die gesellschaftlichen Strukturen vor Ort ein Stück voran zu bringen.

Das Abenteuer auf das ich mich da eingelassen habe, wird mir unter Garantie einige „Lerneffekte“, wie Frank zu sagen pflegt, bieten. Seit einer Woche wohne ich im renovierten Pfarrhaus, das auch schon seine ersten Gäste beherbergt hat, und genieße den Luxus eines anständigen Bades. Vorher musste ich mich irgendwie mit Brunnenwasser, Eimer und Blechtasse arrangieren, was bei sonnigem, warmem Sommerwetter draußen ja ganz angenehm ist, doch ich bleibe nun mal bis Ende Januar und da muss ich wohl noch ne andere Methode finden bis dahin. Denn das Praktikantenzimmer im Pfarrhaus nur vorübergehend mein zu Hause, außerdem würden die Leitungen eh einfrieren bei zu erwartenden -20 Grad…

Ich würde sagen, dass das Leben hier generell anstrengender ist, und alltägliche Tätigkeiten, wie Waschen, Kochen mehr Zeit in Anspruch nehmen, als gewohnt. Das liegt nicht nur an Rumänien, das natürlich nicht allen westlichen Komfort zu bieten hat, sondern auch an der großen Kluft zwischen städtischem und ländlichem Lebensraum. Auf dem Dorf muss man beim Lebensstandard teilweise noch Jahrzehnte abziehen und fragt sich dann manchmal immer noch, warum gewisse Dinge nicht einfach verbessert, repariert, optimiert werden.

Nur als kleines Beispiel: Gefällt es den Rumänen etwa in ihren Dacien umhergebeutelt zu werden und 1x pro Woche zur Vulcanizare (Reifenflicker) zu müssen? In dieser Gegend gibt es haufenweise Schotter, aber keiner ist in der Lage die Straßenkrater damit auch nur provisorisch aufzufüllen. Da braucht man für 10 km schon mal eine ¾ Stunde. Also Zeit mitbringen und Geduld.

Das hat natürlich auch sehr viel Charme. Gerade das Provisorische und Urige macht das Leben hier in dieser Gegend, in dieser wunderschönen Wald-Wiesen-Hügellandschaft sehr idyllisch. Die Pferdewägen, die vielen Tiere, diese gewisse Gemächlichkeit. All das ist ideal für einen Sommerurlaub, jedoch für das tägliche harte Leben der Dorfbewohner bedeutet das zusätzliche Anstrengungen und Zeitverluste.

Mich stört das aber nicht, noch nicht zumindest. Natürlich ist es schade, dass dadurch auch für unsere Vereins- und Projektarbeit bestimmte Dinge viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen, doch das lässt sich momentan nicht so leicht ändern. Und mein Aufenthalt ist begrenzt, für mich ist das so eine Art Auszeit von den ganzen Reizen des deutschen Großstadtlebens.

Hinzu kommt, dass ich hier wunderbar aufgehoben bin in einer Gemeinschaft von Menschen, bei denen ich mich wohl fühlen kann.
Ricarda und Alex auf dem einen Hof, die mich zusammen mit Tina in die Projektarbeit einführen und mich den Rest der Zeit mit ihrem wahnsinnig niveauvollen Humor so zum Lachen bringen, dass ich mich fast in Tränen auflöse…, allerdings meistens auf meine Kosten.

Auf dem anderen Hof sind Frank und Rica, die meistens ziemlich beschäftigt sind, z.B. mit rumänischen Ämtern und Sägewerken, oder mit der kleinen Cora; Anne, vor der ich echt den Hut ziehe, weil sie ne ganze Pizza in Sighisoara geschafft hat J und weil sie so alt ist wie mein kleiner Bruder, aber wohl um einiges reifer, und hier ganz schön zu tun hat; und natürlich die liebe Elvira mit ihren Kindern, die noch mal eine ganz andere Atmosphäre auf den Hof bringen. Und obwohl es da manchmal Komplikationen gibt, empfinde ich das Leben mit ihnen, besonders auch die Kommunikation mit den taubstummen Mädchen als Bereicherung und mag die Familie sehr gern.

Dann gibt’s ja noch Gäste von Zeit zu Zeit, grad ist Micha da, (der z.B. diese Berichte ins Netz stellt und für sein Alter ganz schön frech ist!), mit seiner Familie, das Pfarrhaus ist voll mit deutschen und rumänischen Jugendlichen. Immer was los also, obwohl hier ja eigentlich sonst nix los ist.
Der einzige Nachteil ist, dass ich nicht gezwungen bin Rumänisch zu sprechen und mir deshalb meine Sprachfortschritte zu langsam gehen.

Ab Ende Oktober spätestens wird das jedoch besser, da die deutschen Sommersteiner und Praktikanten dann wohl alle abgereist sind…

Aber bis dahin wird sich noch einiges tun und ein paar der Geschichten gibt’s nächsten Monat.

 
 
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