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...nehmt uns nicht auf mit dieser diebischen und korrupten Regierung!“
Ein aktueller Bericht von Cordula Binder / September 2006

Heute ist schon der 18. September, ich bin also schon seit 7 Wochen hier in Dacia. Der Grund für die kleine Verspätung meines zweiten Monatsberichtes, war ein unglaubliches und überraschendes Angebot von Gabi und Steffen für Anne und mich: ein Kurztrip ans Schwarze Meer!
auf diesem Weg noch mal multumesc foarte mult für diese schöne und interessante Rundreise! -
Rumänien hat zwar für uns nicht immer seine Schokoladenseite präsentiert, aber dafür sein wahres Gesicht. Viele Leute versuchen eben aus jeder Gelegenheit noch etwas mehr herauszuschlagen, besonders in der Gastronomie: da öffnet man eben sein Restaurant, auch wenn die Speisekammer so gut wie leer ist, denn mit doppelten Portionen und ein bisschen unauffälligem Preisaufschlag lohnt sich das schon . . .
Dazu passten auch die Transparente gegenüber dem Ceausescu-Palast, von denen einige den Spruch trugen: „Europa, nehmt uns nicht auf mit dieser diebischen und korrupten Regierung!“. Andere erinnerten an die Revolution vor 16 Jahren, oder riefen „Rumänien wach auf!“. Diese Schriftzüge haben mich ziemlich berührt, besonders vor der Kulisse des monströsen und irrsinnig überdimensionierten Parlamentsgebäudes. Denn sonst bin ich noch nicht sehr mit politischen Äußerungen oder Gedanken konfrontiert worden. Einige Rumänen meinten, dass es zu Ceausescu-Zeiten besser war, sie haben sich sicherer gefühlt, andere loben die Zeit unter König Mihai. Das kann ich nicht wirklich beurteilen und ist natürlich Ansichtssache, aber dass die Welt hier oft nicht in Ordnung ist, liegt bestimmt nicht nur an den Bürgern. Man versucht einfach mit aller Macht, aber eben sehr hastig, westeuropäischen oder am besten amerikanischen Standard zu erreichen. Ein Synonym für diesen übereilten Fortschritt, der bedauerlicherweise unsere Fehler (auch Ansichtssache) großteils wiederholen wird, stellen für mich die riesigen Werbeplakate dar, mit denen die Straßen gesäumt sind und ganze Häuser verhängt.
Sie wirken mit beeindruckender Wucht, locken in gigantische Einkaufszentren und Großmärkte, um den Konsum anzutreiben. Auch die vielen Baustellen bezeugen das rasche Streben nach mehr in Menge und Größe. Naja, warten wir’s ab, genug Politik.

Landschaftlich war die Fahrt ein echter Traum! Erst durch die Berge, dann Flachland, das Donaudelta (das bestimmt sehr schön ist, dessen Besichtigung per Boot aber unsere Reisekasse gesprengt hätte) und schließlich das Meer. Rumänien hat wirklich von allem etwas zu bieten. Spannend waren auch die vielen Dörfer und Städte, die wir passierten, da sie auch bei flüchtiger Betrachtung etwas vom Leben ihrer Bewohner erzählen konnten.

Schön war auch, dass sich bei dem Gedanken an Dacia und Michas Hof, ein Gefühl von Zuhause einstellte, besonders bei dem Gedanken an die freudige Begrüßung durch Charla und ihren kleinen Welpen.
Seit 2 Wochen wohne ich nämlich alleine in der Nummer 303, zusammen mit den Hunden und wahrscheinlich ein paar Mäusen J. Ich bin also nicht wirklich allein und ich fühle mich sehr wohl so. Denn Gesellschaft finde ich ja gleich gegenüber auf Franks Hof und habe trotzdem meinen Rückzugsraum. Somit habe ich auch die Aufgabe übernommen für den Hof und die Hunde zu sorgen, was ich gut finde, da mein Verantwortungsbewusstsein gefordert wird.

Auch was die Projektarbeit betrifft, bin ich im Moment ziemlich auf mich allein gestellt, da Ricarda und Alex seit 2 Wochen nicht mehr da sind und Tina den September über in Deutschland verbringt.
Das alleine arbeiten an sich stört mich nicht so sehr, doch das Problem ist, dass ich alleine einfach nicht so viel auf die Reihe kriege. Ein Hindernis ist auf jeden Fall die Sprache, da ich zwar schon viel verstehe, aber mein Wortschatz zu klein ist, um ein richtiges Gespräch führen zu können, das nicht nur vom nötigsten handelt.
Jetzt ärgert es mich richtig, dass nicht noch in Deutschland mehr gelernt hab, doch das nützt jetzt auch nichts mehr, muss ich halt hier schneller sein und einige Fortschritte hab ich schon gemacht.
Die Besuche und Gespräche, die ich bisher alleine geführt habe, waren immer ein kleines Abenteuer. Ob ich das nun wirklich verstanden habe? Lieber noch mal wiederholen lassen. Und wie kann ich mit meinen wenigen rumänischen Worten, mein Anliegen klarmachen? Aber es hat bisher immer irgendwie funktioniert, sogar per Telefon.
Ein anderer Punkt ist, dass ich noch nicht viel Praxiserfahrung habe, besonders nicht unter den hiesigen Umständen. Die Arbeit zu viert fand ich sehr produktiv und angenehm. Wir konnten uns gut austauschen und ergänzen, so dass mir diese Phase jetzt wie Stillstand erscheint, obwohl ich die wichtigen Sachen auf jeden Fall erledige. Und die Theorie zur Praxis (Fachliteratur, Internetrecherchen etc.)ist ebenso wichtig, nur sieht man deren Ergebnisse eben nur indirekt.

Nun ein bisschen zum Spätsommer und seinen Früchten . . .
Anne und ich haben schon aus selbstgepflückten Zwetschgen, Pflaumen und Mirabellen Marmelade gemacht! Mmh, lecker! Von Anne gab’s dann noch Holundergelee und regelmäßig Apfelmus. Der Pfarrgarten gibt da einiges her (wenn man sich beeilt…). Der Wein auf Michas Hof ist auch bald reif und duftet schon, wenn man drunter sitzt.
Wir haben auch schon 2 Lagerfeuer gemacht mit dem abgesägten Gestrüpp aus dem Pfarrgarten. Es gab Feurkartoffeln, mal ohne Alufolie und dann doch lieber mit, geröstetes Brot und die guten Cabanossi am Stock gegrillt. Da mussten wir nur noch versuchen, unseren Festschmaus gegen schnorrende Hunde und Katzen zu verteidigen…

Mit dem Wetter haben wir echt Glück und tagsüber sind sommerliche Temperaturen und viel Sonne. Für anstrengende Arbeiten, wie Bäume im Pfarrgarten mit 2 mickrigen Sägen fällen, den Abwassergraben wieder abflussfähig machen, oder Franks Hof von Unkraut befreien, sogar manchmal zu viel.
Aber ich beschwere mich nicht, denn es ist sehr praktisch, wenn man Dinge wie Wäsche waschen, sich waschen oder abspülen immer noch draußen erledigen kann. Das wird wohl bald vorbei sein und ich werde zum ersten Mal den Kachelofen anwerfen müssen. Ein bisschen freu ich mich schon auf ein knisterndes wärmendes Feuer in der Stube.

Ob ich die immer gut warm krieg, dann im nächsten Bericht.
Bis dahin ist auch Tina wieder da, Anne und ich haben hoffentlich Sakuska gemacht und vielleicht krieg ich das mit dem Wein ja irgendwie hin…

 
 
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