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Der
goldene Oktober – Halbzeit....
Ein
aktueller Bericht von Cordula Binder / Oktober 2006
Heute Morgen war das Gras im Hof zum ersten
Mal mit Rauhreif bedeckt. Die bewaldeten Hänge färben
sich langsam bunt und die Herbstfrüchte beginnen zu reifen.
Es wird also Zeit für die Weinernte… Die Auswahl
der ‚piata’ in Rupea ändert sich, doch ebenso
farbenfroh ist das Spektrum. Es gibt jetzt auch so Sachen, wie
Rote Beete und bald wahrscheinlich Kürbisse.Wir werden
die Früchte des Sommers für den Winter auf die hier
übliche Art konservieren: Gurken und Kraut einlegen, gemischtes
Gemüse, Sakuska haben Anne und ich schon gemacht und das
Obst ist zu Marmelade oder Gelee verarbeitet. Abends muss ich
jetzt heizen, um noch sitzen und arbeiten oder lesen zu können.
Kerzen machen’s gemütlicher und wärmer. In Viscri
wird’ ich mich noch mit Wollsachen eindecken, denn ich
habe bewusst auf Schal, Mütze und Handschuhe aus meinem
Kleiderschrank in D verzichtet, um die Vorzüge der hiesigen
Schafwolle und Handarbeit zu genießen und somit auch die
Leute zu unterstützen. Noch aber wärmt die Sonne tagsüber
ganz gut, ich hoffe sehr, dass das bis November anhält.
Vor zwei Wochen habe ich einen ersten Herbststreifzug
auf die Hügel hinter Dacia unternommen. Erst durch den
Wald, der hier abwechslungsreich ist. Mal hell und mit Gras
bedecktem Boden, dann dunkel, weil das dichte Blätterdach
kaum Licht durchlässt. Es gibt viele Eichen, was ich ganz
gern mag. Man kann auf dem Hügelkamm ziemlich parallel
zur Straße Richtung Reps laufen und absolute Stille genießen
– oder in ihr nach Geräuschen lauschen, die sich
nach Hunden oder anderen imaginäre Gefahren anhören.
Sobald man den Wald verlässt, überquert man abgeweidete
Grassteppe, hügelig und mit Hecken, toten Bäumen und
Tümpeln besetzt. Kurz nach Aufbruch zu meinem Spaziergang
habe ich mich auf Grund der garstigen Geschichten über
Hirtenhunde und meines doch schneller pochenden Herzens bewaffnet.
Der kleine handliche Stock wuchs dann zu einem stattlichen Knüppel
heran, den ich in Gedanken schon mit verschiedenen Techniken
gegen die vielleicht hinter der nächsten Kuppe auftauchenden,
zähnefletschenden Bestien schwang…
Die Tatsache, dass man sich bei diesen Hunden nie sicher sein
kann, trübt die Schönheit der Landschaft leider etwas,
aber es war trotzdem ein schöner Ausflug.
Mein Aufenthalt hier ist schon bald zur Hälfte
rum, denn ich bin vor zweieinhalb Monaten angekommen. Ganz schön
erschreckend irgendwie. Einerseits ist die Zeit so schnell vergangen,
dass ich mich manchmal frage, was ich hier eigentlich die ganze
Zeit gemacht hab. Andererseits ist viel passiert, ich hab Menschen
kennengelernt, die Gegend und einige Ortschaften ein bisschen
erkundet. Die Tage waren gefüllt mit Arbeit und Spaß,
sodass mir nie langweilig war und ich auch die Zeit für
mich allein sehr genießen konnte. Obwohl ich ja in D noch
die Befürchtung hatte, unter dem ruhigen und einsamen Dorfleben
etwas zu leiden… na ja, so kann man sich täuschen.
Langsam komm ich hier an, als Teil des Dorfes. Es wird immer
selbstverständlicher die Straßen langzugehen, Wasser
zu holen, im magazin einzukaufen. Auf dem Freitagsmarkt in Rupea
treffe ich schon bekannte Gesichter aus Dacia, die mich grüßen.
Letztens hat sich sogar einen witzigen Vorfall Kontakt zu meinen
Nachbarinnen ergeben:
Eines Morgens befand sich ein weißes, aufgeregt gackerndes
Huhn auf meinem Hof, das die kleinen Welpen als Eindringling
empfanden und wie verrückt anbellten. Zunächst hoffte
ich, es würde von selbst wieder den Weg finden, den es
gekommen war, doch das tat es nicht. Also traute ich mich dann
irgendwann – von Franks Rat ermutigt – zur Doamna
Vecina und fragte sie, ob sie ein Huhn vermisse. (Die Wörter
musste ich natürlich erst nachschlagen)
Die meinte dann aber, es sei nicht von ihr und ich solle die
nächste Nachbarin fragen. Also betrat ich zum ersten Mal
auch deren Hof. Wie sich heraus stellte, war ihr das Huhn entwischt,
wie wusste sie nicht, aber sie kam dann rüber, um es einzufangen.
Ich glaube beide Frauen fanden es gut, dass ich Initiative gezeigt
und sie gefragt habe, statt das Huhn einfach bei mir zu lassen.
Aber auf das Gegacker konnte ich ohnehin gut verzichten.
Unser Projektteam ist jetzt wieder voll (…)
besetzt, also mit Tina und mir. Und wir haben gleich schon mit
Besuchen und der Konzeption der Beratungsstelle losgelegt.
Dabei hat sich eine Situation ergeben, die es verdient hier
näher beschrieben zu werden.
Wir fuhren mit einer Klientin zur Primarie nach Jibert, um dort
die ersten Schritte ihrer Ummeldung zu erledigen. Wir hatten
uns vorher sowohl dort, als auch in Rupea erkundigt, wie diese
Angelegenheit geregelt wird. Schon dabei mussten wir feststellen,
dass 2 Primarien dazu erstmal auch 2 Meinungen hatten. Der letzte
gesicherte Stand war jedoch, dass in Jibert die Polizei dafür
zuständig ist, also suchten wir an einem Donnerstag Vormittag,
so gegen halb elf, den diensthabenden Polizisten in seinem Büro.
Doch die Tür war verschlossen. Als wir in einem anderen
Büro nachfragten, sagten sie, wir sollte doch bei ihm zu
Hause nachsehen. Falls das Polizeiauto vor dem Haus stünde,
wäre er dort, falls nicht, wahrscheinlich nach Rupea gefahren.
Also machten wir zu dritt einen kleinen Spaziergang zu dem Haus
des Polizisten, vor dem wir tatsächlich das Auto vorfanden,
er jedoch war nicht zu Hause. Nachbarn gaben uns dann den Tip,
er sei bestimmt einen Kaffee trinken, im Bufett visavi der Primarie
– Treffer! Netterweise fühlte er sich nicht in seiner
Pause gestört, sondern ging dann mit uns rüber, nachdem
er mitten auf der Straße erstmal sehr interessierte Fragen
gestellt hatte, wie „Wer ist das?“ - über die
Klientin, „Wo ist der Ausweis?“.
Natürlich wollte er nicht dafür zuständig sein
und musste sich selbst noch einmal per Telefon vergewissern,
wie so ein bürokratischer Akt von statten geht. Er wurde
jedoch sehr geschäftig und tat sein Bestes, zusammen mit
allen anderen in dem Bürgermeisteramt. Dies soll kurz skizziert
werden: es gibt 5 Tische, ein Fax, ein Telefon, einen PC sogar
mit Flachbildschirm und einen Kopierer. Eine Doppelflügeltür
führt noch mal in ein kleineres Zimmer mit einem Schreibtisch,
auf dem sich eine ziemlich alte Schreibmaschine und ein Telefon
befinden. Im ganzen Büro wird geraucht, die Luft war also
entsprechend. Ca. 5 Menschen, die dort arbeiteten, hielten sich
mehr oder weniger zeitgleich dort auf, teilweise noch andere
Bürger mit Anliegen. Von Diskretion konnte keine Rede sein.
Es gab jeder ein bisschen seinen Senf dazu, man ward auch sehr
neugierig gemustert. Warum kommt denn eine offensichtlich rumänische
Frau mit zwei offensichtlich nicht rumänischen Frauen in
so eine „Amtsstube“?
Plötzlich war eine Angestellte der festen Überzeugung,
dass der Besitzer des Hauses, in dem unsere Klientin zur Miete
wohnt und dies auch mit einer notariell beglaubigten Urkunde
samt den obligatorischen Stempeln und Signaturen bestätigen
konnte, erst kürzlich sein Haus verkauft hätte.
Nicht einmal der Eintrag im Grundbuch inklusive des Kaufvertrags
konnten sie ernsthaft vom Gegenteil überzeugen. Doch es
blieb ihr ja nichts anderes übrig…
Und so kam unsere Klientin nach langem hin und her zu dem ersten
wichtigen Dokument, welches sie berechtigt, in Rupea ihren neuen
Ausweis zu beantragen. Ein erster Schritt von vielen, zu einem
offiziellen neuen Wohnsitz. Und dann kommen noch die Kinder…
Erwähnenswert ist noch, dass sämtliche Akten, die
über diese Familie am alten Wohnsitz existierten, wie das
Dossar für Sozialhilfe, nicht einfach weitergeleitet werden,
sondern ganz neu beantragt werden müssen. Und ausgerechnet
hier, wo Stempel und Bestätigungen so wichtig und gefragt
sind, muss man bei der Beantragung eines neuen Ausweises seinen
alten abgeben und erhält nicht mal einen vorläufigen
Ersatz. Man läuft also bestimmt 2 Wochen ohne Papiere umher
und wenn bspw. die Polizei fragt, soll man einfach sagen, der
neue ist in Arbeit. Naja…
Ehrlich, bei so viel Rennerei auf Grund nicht einheitlicher
Information, wenn sogar die Beamten selbst in Verwirrung geraten,
weil alles auf mündlicher Überlieferung basiert, die
man doch ganz leicht in ein hilfreiches Handblatt fassen könnte.
Der einfache Bürger kommt noch zurecht, sozial schwache
Menschen mit wenig Erfahrung in solchen Angelegenheiten jedoch,
die vielleicht ein schwaches Rückgrat haben, sich einschüchtern
lassen oder einfach nicht so viel Geld haben sich diese Wege
zu leisten, diese Menschen werden leichter aufgeben. Und in
nicht wenigen Fällen wird dies, so fürchte ich, ein
unüberwindbares Hindernis darstellen auf dem Weg zu benötigtem
und berechtigtem Geld. Was den Primarien wiederum auch ganz
recht sein wird, da das Budget ja nicht mal für die beantragten
Gelder reicht…
So, um den Bericht jetzt nicht in so einer
pessimistischen Stimmung enden zu lassen füge ich noch
rasch hinzu, dass es mir immer noch gut geht und ich mich trotz
der langsam ankriechenden Kälte auf den Winter freue. Auf
noch drei produktive Wintermonate, in denen hoffentlich die
Beratungsstelle eröffnet wird(?) und wir uns bemühen
alle potentiellen Klienten aus dem Kerngebiet zu erreichen.
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