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Der erste und der letzte Monat...
Ein
aktueller Bericht von Cordula Binder / Januar 2007
Nun hat schon wieder ein neues Jahr begonnen,
das uns mit seinen Ereignissen und Überraschungen erwartet.
Es war schön zwischen Weihnachten und Neujahr ein bisschen
ruhige Zeit zu verbringen und das vergangene Revue passieren
zu lassen.
Ich hatte Besuch von Micha und seinen Freunden, was mir eine
angenehme Abwechslung bescherte. Überhaupt waren die Feiertage
gefüllt mit netten Menschen, gemeinsamen Essen und Unternehmungen.
Mit Anne und Martin machte ich mich am 30. Dezember um 8 Uhr
morgens auf, um querfeldein nach Apold zu wandern. Wir waren
ausgerüstet mit Essen und Stöcken (wichtig!!!) und
auch einer Karte der Umgebung. Leider hatten wir keinen Kompass,
und es waren nur wenige Wege eingezeichnet. Nach 3 Stunden Wanderung
und der ersten überstandenen Hirtenhundattacke traten wir
aus dem Wald und erblickten unten im Tal zu unserer rechten
Seite ein Dorf. Wir freuten uns, da wir demnach schon ein gutes
Stück zurückgelegt haben mussten, denn wir kannten
das Dorf nicht. Als wir nun versuchten uns auf der Karte zu
orten und dabei immer wieder Blicke auf das Dorf warfen, mit
seiner großen Kirche, den erkennbaren Straßenzügen
und Häusern beschlich uns ein unangenehmer Verdacht. Diese
Stina am Ortseingang, die Anordnung der Häuser, besonders
die beiden auffälligen, knallig rot gestrichenen –
das kam uns irgendwie bekannt vor…
Es sah verdächtig nach Jibert aus. (Für Ortsunkundige:
Jibert ist das Nachbardorf von Dacia, liegt 7 km westlich und
hätte nicht unbedingt auf unsrer Route gelegen…)
Aber wir hatten es doch zu unserer Rechten erblickt, das hätte
bedeutet, dass wir geradewegs in die falsche Richtung marschiert
waren! Zurück auf Dacia zu! Ja, und so war es dann auch.
Irgendwie hatten wir ohne die Orientierungshilfe der Sonne,
die ausgerechnet heute hinter dicken Wolken verborgen blieb,
im Wald nicht bemerkt, dass der Weg, dem wir folgten, sich allmählich
wieder Richtung Heimat wendete.
Tja, nun standen wir da, etwas niedergeschlagen, zutiefst verstört
über diesen Irrtum und beratschlagten was wir tun sollten.
Wäre plötzlich Dacia vor uns aufgetaucht, wäre
ich vor lauter Wut und Enttäuschung wieder nach Hause gegangen,
doch so beschlossen wir weiter zu wandern. Auch wenn wir nicht
zu Fuß in Apold ankommen sollten, wir wollten so weit
wie möglich laufen. Von hier an lief es dann auch ganz
gut, da wir uns von ortskundigen Schäfern den Weg ins jeweils
nächste Dorf beschreiben ließen. So stiefelten wir
den ganzen Tag über Berg und Tal, zugefrorene Bäche,
mal auf Wegen, mal quer über die Weiden. Wir erklommen
Hügel auf denen es merklich kälter war und die vertrockneten
Grashalme und Disteln mit Eiskristallen überzogen waren.
Insgesamt legten wir ungefähr 30 km zurück in denen
wir, außer zwei Dörfer zu passieren, nicht wirklich
mit der Zivilisation in Berührung kamen.
Freilich waren da noch die Schafherden… und verlassene
Stinas. Eigentlich ein sehr idyllischer Anblick, die hellen
Wollknäule, die über die braungrünen, steppenartigen
Weiden ziehen, Silhouetten der Schäfer irgendwo und leise
dringt das Gebimmel der Glöckchen zu uns…Doch dann
taucht auf der Hügelkuppe plötzlich ein Hirtenhund
auf, nicht zu verkennen mit dem vom Hals baumelnden Stöckchen
– und schon ist es vorbei mit der malerischen Idylle.
Das Bellen klingt bedrohlich in unseren Ohren, Adrenalinschübe
wallen durch meinen Körper und lassen ihn anspannen, jede
Sehne, obwohl ich eigentlich keine Angst vor Hunden habe. Man
ist irgendwie in der ungewohnten Position der unterlegenen Beute,
weiß aber, dass man bloß nicht fliehen darf! Wir
können nie einschätzen, ob es sich um erzogene, oder
wahllos aggressive Hunde handelt. Unsere ganze Aufmerksamkeit
gilt dem böse knurrenden, zähnefletschenden Leithund,
der immer näher kommt, nun gefolgt von seinen 5 oder 6
„Kollegen“. Äußerlich Ruhe bewahrend,
versuchend den Herzschlag zu zügeln und mit sanften Stimmen
auf die Hunde einzureden, bewegen wir uns weg von der Herde,
um den Hunden zu signalisieren: „Wir interessieren uns
nicht die Bohne für Eure dämlichen Schafe!!! Sehen
wir vielleicht aus wie Bären oder Wölfe, oder hungrige
Rumänen, die sich gern ein Schaf zum Abend braten würden?!“
Sie scheinen es langsam zu kapieren, auch wenn einige heftige
Stockbewegungen diese Botschaft unterstreichen müssen.
Vier solcher Zwischenfälle, mal weniger, mal mehr bedrohlich,
säumen unsere Wanderung, die in dem Dorf Retis, 10 km vor
Apold endet, da bereits die Dunkelheit einbricht. Wir haben
außerdem schon ziemlich schmerzende Füße und
nehmen gern den Luxus eines Taxis in Anspruch, das kurioserweise
durch dieses abgelegene Örtchen fährt.
Dies war also mein Abenteuer zum Abschluss des Jahres.
Mit dem 1. Januar hat dann mein letzter Monat hier in Rumänien
begonnen. In nicht mal 4 Wochen reise ich ab. Es ist mir glücklicherweise
schon bewusst und ich setze mich eigentlich täglich damit
auseinander, sodass ich hoffe gut mit dem Abschied klarzukommen.
Wie schon im letzten Monatsbericht muss ich wieder sagen, dass
es mich nicht zurückzieht. Ich könnte ja auch schon
vor lauter Vorfreude kaum Schlaf finden, auf duschen, auf riesige
Supermärkte um die Ecke, Busse und Straßenbahnen,
eine Waschmaschine und wenn ich Durst hab, brauch ich nur den
Kopf unter den Hahn zu halten. Aber so ist es nicht.
Jeder, der hier mal längere Zeit gewohnt hat, wird wissen
wovon ich spreche. Man verzichtet gerne auf etwas Bequemlichkeit,
wenn man dafür der Ordnung und Sauberkeit, Pingeligkeit
und blassen Sterilität deutscher Städte und teilweise
auch der Menschen, entkommen kann. Nach meinen Beschreibungen
sollte Euch klar sein, dass ich damit nicht die rumänische
Gesellschaft loben will, oder die Lebensumstände der Menschen
hier beschönigen. Aber für mich ist das Leben in diesem
rumänischen Dorf echter, natürlicher und näher
an der harten Wirklichkeit, als jenes was ich bisher kannte.
Naja, und wenn’s am schönsten ist soll man ja bekanntlich
aufhören. Deshalb muss ich mich damit abfinden, dass ich
eben nur begonnen haben werde, die rumänische Sprache zu
verinnerlichen, Dorfkontakte zu knüpfen, mir rumänische
Gewohnheiten anzueignen. Immerhin war ich zweimal auf dem Ball
hier im Saal und habe ein bisschen rumänisch Tanzen gelernt
J
Von der Arbeit muss ich mich auch langsam verabschieden. Ich
möchte jede von uns betreute Familie noch einmal besuchen,
bevor ich abreise. Leider gibt es für mich noch keine NachfolgerIn,
und Tina wird so eine Weile alleine weitermachen müssen.
Dafür gibt es jetzt wieder Unterstützung in Brasov,
die neue rumänische Koordinatorin, die uns besonders bei
Amtsangelegenheiten eine große Hilfe sein wird.
Da ja in einigen Tagen schon mein Abschlussbericht ansteht,
werde ich es hierbei belassen und dann etwas mehr von der Arbeit
berichten.
Bis dann…
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