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Somit
ist jeder Moment ein Abschied von der Vergangenheit und jede
Sekunde ein Neubeginn...
Abschlussbericht von David Shields
/ August 2004
Ein sicherlich nicht nur
für mich sehr wichtiges Jahr geht nun zu Ende. Ich habe
dieses Jahr in Rumänien verbracht und arbeitete für
die Sozialstation der Diakonie in Bukarest, die zur Aufgabe
hat sich um ältere Menschen - in erster Linie der deutschen
Minderheit - zu kümmern, ihnen das Leben zu erleichtern,
oder erst möglich zu machen. Diese Menschen leiden wie
die meisten anderen in diesem Land an den wirtschaftlichen Mißständen
dieses Landes und erhalten Renten, die nicht einmal für
das nötigste reichen. Daneben ergibt sich für viele
alten der deutschen Minderheit das große Problem keine
Angehörigen zu haben, die sich um sie kümmern könnten,
da nach dem Ende des diktatorischen Regimes Ceausescus (und
zum Teil auch schon vorher) viele dieser, die die Möglichkeit
hatten dazu entschieden das Land zu verlassen. Einige haben
auch durch ihr hohes Alter einfach die meisten (oder alle) ihrer
Bekannten und Verwandten bereits überlebt.
Da ich der erste Freiwillige in dieser Stelle war (aber vielleicht
nicht nur aus diesem Grund) gestaltete der Anfang sich sehr
schwer. Weder ich noch meine Chefin wussten genau, was ich tun
sollte oder tun könnte und aufgrund der Tatsache, dass
ich noch neu in diesem Land war und weder die Sprache noch die
Stadt gut kannte, war mein Handlungsspielraum auch noch etwas
begrenzt - wenn auch die Sprache im Umgang mit den betreuten
älteren Menschen und meinen Arbeitskollegen kein Problem
darstellte, da diese zum Großteil Deutsch konnten. Da
meine Chefin von mir aber nicht wünschte, dass ich Pflege
oder nur intensive Betreuung Einzelner betreibe stellte es sich
auch bald heraus, dass ich nicht sehr viel tun konnte, wenn
ich nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den oftmals
sehr weit weg und weit auseinander gelegenen Betreuten fuhr
- zumal ich auf diese Weise kaum etwas (wie z.B. Essen) transportieren
konnte. Das die Probleme der Sprache und des Sich-Nicht-Auskennens
verschinden oder zumindest kleiner werden würden war klar,
aber überraschenderweise löste sich auch das andere
Problem und durch die Unterstützung einer deutschen Firma
erhielt die Diakonie einen zweiten Dienstwagen, der es mir ermöglichte
die Arbeit so zu verrichten, wie ich es bis jetzt getan habe.
Von jenem Moment an begann sich meine Tätigkeit dahingehend
zu entwickeln, dass ich sehr viel Zeit im Auto verbrachte um
Lebensmittelpakete, warmes oder gefrorenes Essen, Holz und Briketts,
Kleidung und anderes zu den Betreuten zu bringen, Einkäufe
für genannte Lebensmittelpakete zu erledigen, oder diverse
andere Sachen zu transportieren. Einen anderen Teil der Zeit
verbrachte ich in der Sozialstation, wo ich Inventuren von Kleider-
oder Medikamentenspenden schrieb, Lebensmittelpakete zusammenstellte
oder verschiedene andere Tätigkeiten (z.B. Gartenarbeit)
verrichtete. Die Zeit, die mir zwischen diesen Arbeiten blieb
versuchte ich mit den Betreuten zu verbringen in dem ich einfach
mit ihnen redete oder spazieren ging um irgendwie das größte
ihrer Probleme (neben der Armut) zu bekämpfen: die Einsamkeit.
Dieser Teil der Arbeit war für mich immer der erfüllende,
wenn aber auch nicht der einfachste, da er viel Geduld und Aufmerksamkeit
fordert und durch die Trostlosigkeit der Menschen oft auch sehr
hoffnungslos erscheint.
Es hat auch immer ein Wenig gedauert um denen etwas näher
zu kommen, zu denen ich dann eine intensivere Bindung entwickelte
- und dies war in der ersten Zeit hauptsächlich eine ältere
Dame, die dann zwischen Weihnachten und Neujahr starb. Ich war
zu dieser Zeit in Ionesti, einem kleinen rumänischen Dorf,
zusammen mit einer Gruppe anderer Freiwilliger, deren Bekanntschaft
eine der größten Dinge ist, die mir dieses Jahr gegeben
hat - und welche auch zu diesem Zeitpunkt meine schon etwas
getrübte Stimmung sehr aufheiterten. Als ich aber dann
nach Bukarest zurückkam und kurze Zeit später von
dem Tod dieser Frau erfahren musste begannen die Dinge immer
unerträglicher für mich zu werden. Dinge, die ich
schon länger bedrückten konnten jetzt nicht mehr kompensiert
werden und alles lastete unendlich schwer auf mir: Die Ansichten
und Vorstellungen meiner Chefin, mir der ich immer wieder in
Konflikte geriet - auch weil ich in der Sozialstation wohnte
und somit über den rein dienstlichen Bereich hinaus diesem
durchaus autoritären und misstrauischen Menschen Rechenschaft
für mein Tun ablegen musste -; die nicht nur durch sie
entstehenden Konflikte mit anderen Personen in der Diakonie
und außerhalb (Konflikte, mit denen ich eigentlich nichts
zutun hatte und nichts zutun haben wollte, die ich aber dann
doch öfter voll mitbekommen musste und unter deren Auswirkungen
auf das Arbeitsklima alle zu leiden hatten); und nicht zuletzt
die Tristheit und Trostlosigkeit dieser für mich ohnehin
hässlichen und bedrückenden Stadt im Winter. Letztenendes
litt ich auch sehr unter der Teilnahmslosigkeit mit der alle
dem Tod dieser Frau gegenüberstanden, aber ich will hier
nicht das Verhalten anderer beurteilen... Es war einfach zuviel
für mich und bis zu dem Zeitpunkt als ich zu der Zwischenreflexion
nach Aachen musste wusste ich nicht mehr ob ich aufhören
oder weitermachen sollte. Während dieser Zwischenreflexion
wurden mir aber einige Gedanken klar, die mir zwar schon zuvor
durch den Kopf gegangen, aber eher unbewusst geblieben waren:
ich erkannte, dass es mir um den Gedanken diesen Dienst dort
- vor allem nach der bereits vergangenen Zeit - abzubrechen
nie ernst genug war, als dass ich es hätte tun können
- wie schlecht es mir auch in dieser Zeit ging. Mir wurde bewusste
wie unsinnig es mir erschien jetzt etwas neues anzufangen, nachdem
ich doch schon fast ein halbes Jahr Zeit hatte mich mit allem
vertraut zu machen und mich einzuarbeiten - ein Wechsel hätte
einen kompletten Neuanfang bedeutet, vielleicht noch mehr Kraft
gekostet und möglicherweise auch kein besseres Ende genommen.
In Deutschland merkte ich auch, dass ich eigentlich nur wieder
zurück wollte um das weiterzuführen, was ich angefangen
hatte und wofür ich schon so viele Opfer gebracht hatte.
Als ich dann wieder zurückkam war es nach einigen wieder
etwas befremdlichen Augenblicken auch schon fast wieder wie
ein Nach-Hause-Kommen und nachdem ich auch zunächst etwas
Kraft während der Zwischenreflexion in Aachen und während
der nächsten Zwischenreflexion in Rumänien gesammelt
hatte änderte sich auch manches: ich lernte mehr Menschen
in Bukarest kennen (auch wenn es oft nur kurze Bekanntschaften
waren), fand während meiner Arbeit andere Betreute zu denen
ich eine engere Beziehung aufbaute und - ich hätte auch
nie geglaubt wieviel das ändern kann - bald ging auch der
Winter zu Ende. Auch glaube ich ab diesem Zeitpunkt mein Verhalten
verändert zu haben und konnte auch den Rest meiner Arbeit
besser und produktiver bewältigen.
Ich möchte keinesfalls ein Schwarz-Weiß-Bild malen
und behaupten, dass die erste Hälfte meiner Zeit das Grauen
und die Zweite die reinste Freude war. Es gab viele sehr schöne
Momente während der ersten Zeit und viele Probleme blieben
auch später noch bestehen. Ich lernte vielleicht einfach
mit der Zeit besser mit den Gegebenheiten zu leben und mit den
Problemen zurecht zu kommen (oder sie mir einfach nicht mehr
so nahe gehen zu lassen).
Sicher ist jedenfalls, dass -wie ich schon erwähnte - dieses
Jahr sehr wichtig für mich war. Ich habe ein Land (oder
einen Teil davon) kennengelernt von dem ich vor wenig mehr als
einem Jahr nicht einmal genau wusste wo es liegt - doch das
ist vielleicht nur das Geringste, was ich in dieser Zeit lernte,
oder zumindest ist mit diesen Worten nur das Geringste darüber
gesagt... Mir sind Menschen begegnet, die mir in dieser kurzen
Zeit mehr geschenkt (natürlich nicht im materiellen Sinn)
haben und mehr ans Herz gewachsen sind als viele, die ich schon
lange zuvor kannte, und ich habe durch sie und all die Erfahrungen,
die ich in diesem Jahr gemacht habe gelernt was wichtig für
mein Leben ist - aber auch mit diesen Worten werde ich dem was
sie mir gegeben haben nicht gerecht und vielleicht ist es auch
gar nicht möglich in Worte zu fassen, wie dieses Jahr für
mich war und was es und die Menschen, denen ich begegnete für
mich getan haben...
Wie auch immer ich es beschreibe, es tut mir leid, dass es nun
zu Ende geht und, dass ich dieses Zuhause (das es mittlerweile
doch geworden ist) verlassen muss. Auch wenn die Freude darüber
etwas neues anzufangen mitschwingt ist es doch das Gefühl
des Abschieds, dass nun überwiegt und es fällt schwer
zu glauben wie schnell dieses Jahr verging. Doch ich blicke
mit Dankbarkeit zurück - Dankbarkeit auch an alle die es
mir überhaupt ermöglicht haben und mich dazu ermutigt
haben diesen Weg zu gehen - und denke, dass ich gerade mit all
dem, was ich mitnehme zuversichtlich in die Zukunft gehen kann
und es auch muss, denn jeder Tag ist ein neuer Schritt auf dem
Weg der uns durch's leben führt und jeder Schritt berührt
neuen Boden in dem unbekannten Land, dass Zukunft heißt.
Somit ist jeder Moment ein Abschied von der Vergangenheit und
jede Sekunde ein Neubeginn...
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