
Gedankenlosigkeit in Reinkultur: Behindertenauffahrt endet
an einer Säule (LIV-Service in der Bahnhofsgegend)

Nur etwas für Kamikaze-Rollstuhlfahrer: Behindertenauffahrt
vor der Banca Tiriac
Fotos: der Verfasser
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Rollstuhlfahrer sind
in Rumänien eine zweifach unglückliche Menschenkategorie.
Sie sind außer ihrer Behinderung auch noch den Tücken
des Alltags ausgesetzt, wobei „Tücken des Alltags“
noch eine eher verharmlosende Beschreibung einer Welt ist, in
der schon eine Treppenstufe ein unüberwindliches Hindernis
darstellt.
Zwar hat sich Rumänien gesetzlich verpflichtet, dieser
Menschenkategorie Rechnung zu tragen, doch lässt die konkrete
Umsetzung des Dringlichkeitserlasses 102/1999 sowie des Gesetzes
519/2002 noch vieles zu wünschen übrig. Wörtlich
heißt es in letzterem Gesetzestext (Art. 11): „Öffentliche
und kulturelle Institutionen, Sport- und Freizeiteinrichtungen,
Wohnungsbau aus öffentlicher Hand, öffentliche Verkehrsmittel,
Telefonzellen sowie Zugangswege sollen so angelegt werden, dass
sie behinderten Personen einen unbeschränkten Zugang gewährleisten.“
Soweit die schöne Theorie.
Die Praxis sieht anders aus. Wer sich schon mit beiden gesunden
Beinen gequält hat, auf einen Personenzug aufzusteigen,
weiß, was ich meine. Doch selbst der tägliche Einkauf,
an den wir gar nicht mehr bewusst denken, hat es in sich. Infolge
obengenannten Gesetzes sollten die Einkaufsläden und Institutionen
behindertengerecht eingerichtet werden. Europaweit sind die
Rampen normiert (beispielsweise nach DIN 18024), ihr Gefälle
darf 6 % nicht übersteigen. Auch in Rumänien? Weit
gefehlt. Wenn das Gesetz Rampen vorsieht, werden eben Rampen
angebracht. Dass sie funktional sein müssen, das steht
nicht im Gesetz.
Hermannstadt/Sibiu ist da keine Ausnahme. Wenn man einen Rundgang
durch die Stadt macht und zufällig an der Piraeus-Bank,
Ecke Großer Ring/Reispergasse, vorbeigeht, hat man den
Eindruck, alles sei so, wie es sein muss. Eine breite Behindertenauffahrt
mit einem kleinen Gefälle, Antirutschnoppen, die Bank ist
für behinderte Kunden gerüstet. Doch stellt man alsbald
fest, sie ist nur eine der ganz wenigen löblichen Ausnahmen.
Viele Läden (in der Unterstadt die meisten, so sie nicht
zufällig ebenerdige Eingangstüren haben), aber auch
Banken (z.B. die neuerbaute Alpha-Bank in der Schwimmschulgasse/
Somesului-Straße) ignorieren das Gesetz ganz einfach.
Dass zwei, drei Stufen für Rollstuhlfahrer ein nicht zu
überbrückendes Hindernis sind, kratzt die Besitzer
wenig. Soll doch der „Behinderte“ woanders hingehen.
Die meisten haben dem Gesetz Genüge getan, sich auf den
kleinstmöglichen Aufwand geeinigt und einfach eine Holzrampe
über die Treppen gelegt. Was nach einigen Wochen für
einen schönen Kontrast verwittertes Holz/Marmortreppe sorgt,
aber noch lange keine behindertengerechte Lösung ist.
Geradezu zynisch mutet die Auffahrt zur BRD-Bank neben dem Bahnhof
und diejenige zur Banca Tiriac in der Schwimmschulgasse an,
die beide ein Gefälle haben, dass der Anblick allein schon
für Nervenkitzel sorgt. Geschweige denn, dass ein Rollstuhlfahrer
aus eigener Kraft hinaufkommt (und hinunter auch nur mit Selbstmordabsichten).
Ähnlich ist die Situation auch bei den Läden der Wohnblocks
in der Sporergasse/General-Magheru-Straße. Die Holzrampe
vor dem Apollo-Laden ist nicht befestigt und endet halb an einer
Säule. Zwei Geschäfte weiter (LIV-Service) fehlt der
Rampe ein Brett und sie endet komplett an einer Säule.
Gedankenlosigkeit? Desinteresse? Böswilligkeit? Man kann
hier nur spekulieren.
Die Post, eine Ecke weiter, hat es schön gemacht. Das Gefälle
ist nicht halsbrecherisch, es ist sogar ein Geländer da.
Leider hat die Auffahrt einen neunziggrädigen Knick, wo
gerade eben ein Mensch herumkommt, aber nie und nimmer ein Rollstuhlfahrer
wenden kann.
Wohin man auch sieht, ob Ober- oder Unterstadt, ob Altstadt
oder Neubauviertel, überall wird dem Gesetz eben nur so
Genüge getan. Von „unbeschränkten Zugang gewährleisten“
keine Spur. Der umstrittene rumänische Aphoristiker Petre
Tutea hat einmal gesagt, er würde gerne eine Doktorarbeit
mit dem Titel „Aflarea în treaba la români“
(etwa „Das So-tun-als-ob-man-arbeiten-würde bei den
Rumänen“). Hier hätte er sein erstes Kapitel
gehabt.
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