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Insgesamt
kann ich sagen, dass mir dieses jahr wahnsinnig viel gebracht
hat
Abschlussbericht von Martina Bretschneider
/ August 2003
ein jahr in rumaenien-
ein jahr voller neuer erfahrungen, ueberraschungen,erinnerungen...
nach etlichen versuchen gelingt es mir nun vielleicht auch endlich,
meine gedanken in einen kontext zu bringen. also fange ich am
besten von vorn an...
ich verbrachte mein jahr
in der sozialstation der malteser in timisoara. die sozialstation
besteht aus einem altenheim, tageszentrum (club), spendenlager,
sozialer kantine und weiterem, was hier nicht so erwaehnenswert
ist. gearbeitet habe ich hier vor allem im altenheim, wo ich
die leute besucht und mich
mit ihnen unterhalten habe, einkaufen und spazierengegangen
bin und dem club, in dem ich tee oder kaffe verteilte, romy
spielte oder mit den menschen redete. ausserhalb besuchte ich
zwei seniorinnen, fuer die ich ebenfalls einkaeufe erledigte,
ein wenig gymnastik oder massage machte und ihnen einfach gesellschaft
leistete. ausserdem gruendete ich mit anita in einer ungarischen
schule sogenannte deutsch-clubs, in denen wir auf freiwilliger
basis bei den kindern und jugendlichen versuchten, die deutsche
sprache zu vertiefen, und
zwar auf lockere und spielerische art. was man vielleicht nicht
hundertprozentig zu meiner arbeit rechenen konnte, aber dennoch
sehr wichtig war, waren die besuche in zwei kinderkrankenhaeusern,
einem fuer tbc gefaehredete bzw. betroffene kinder und einem
saeuglingskrankenhaus fuer verlassene babies und kleinkinder
(distrofici). in das tbc ging ich nicht so oft, nur um spenden
abzuliefern und z.b. eine weihnachtsaktion durchzufuehren. im
distrofici war ich eine zeit lang regelmaessig, zum schluss
leider kaum noch, da ich das ausserhalb meiner arbeitszeit machte
und ich es zeitlich nicht mehr schaffte. wichtig waren diese
besuche
aber trotzdem. es handelt sich hier um kinder, die kaum einen
bezug zu erwachsenen menschen haben und dadurch mit ein, zwei
jahren teiweise zureckgeblieben sind oder auch verhaltensstoerungen
haben. die schwestern koennen sich kaum mit den einzelnen kindern
beschaeftigen, weil es einfach zu viele sind. ich versuchte
nun wenigstens in der kurzen zeit, in der ich da war, ihnen
etwas liebe zu geben, was fuer die kinder vielleicht noch schwerer
war, da sie nach ein paar stunden wieder genauso oder noch verlassener
waren. oft musste ich schweren herzens die nach liebe schreienden
kinder zuruecklassen.
erfahrungen habe ich
in diesem jahr natuerlich viele gemacht. in meiner arbeit hatte
ich viel kontakt mit aelteren menschen, deren umgang ich schaetzen,
aber auch gelernt habe, gegenueber ansichten kritischer zu sein,
dagegen zu sprechen und zu diskutieren, wenn jemand eine vorurteihafte
oder einfach nur eingefahrenene und nicht mher ueberdachte meinung
von sich gibt. dies bezieht sich natuerlich nicht nur auf meine
arbeit mit alten menschen, aber gerade da hatte ich, besonders
bei einer omi, manchmal recht heftig um eine z.b. tolerantere
ansicht zu kaempfen. geschafft, sie ein bisschen "umzustimmen",
habe ich es wahrscheinlich nicht, aber vielleicht ist der eine
oder andere gedanke haengengeblieben, der ihr z.b. die anderen
nachfolger, auch wenn sie nicht in ihr bild von einem menschen
passen sollten, der diese arbeit macht, trotzdem etwas sympatischer
werden laesst. ich denke, dass ich in diesem jahr selbstaendeiger
geworden bin. auch, wenn es mir immer noch nicht ganz leicht
faellt, so habe ich doch gelernt, sachen
anzupacken, in die hand zu nehmen und durchzufuehren, ohne immer
wieder einen anstoss zu brauchen.
durch unsere vielfaeltigen taetigkeiten ist mir ausserdem oft
bewusst geworden, welche arbeit mir liegt, welche nicht, wofuer
ich geschaffen bin. ich habe festgestellt, dass ich mich gut
auf die zu betreuenden und ihre beduerfnisse einstellen konnte.
so wollte z.b. eine seniorin immer in ganz bestimmter weise
eingkauft haben- frisch, billig, und den preis aufgeschrieben,
eine andere hat alle zwei wochen ihre gardine heruntergerissen,
die ich oder anita dann wieder aufhaengen durften, eine dritte
wollte ihre teppichfransen
gleichlang geschnitten haben. es waren in meinen augen manchmal
schon recht interessante bis merkwuerdige aufgaben, aber wennn
man den leuten damit eine freude machen konnte, machte ich es
gerne.
eine andere sache, die sich fuer mich durch die arbeit in den
kinderkrankenhaeusern bestaetigt hat, ist, dass ich auch zu
hause weiterhin sehr gern mit kindern arbeiten werde. es war
ein wunderschoenes gefuehl, kindergesichter zum laecheln zu
bringen, herumzutoben oder lieder zum einschlafen vorzusingen.
leider ist mir gerade im distrofici oft bewusst geworden, wie
hilflos man angesichts der vielen not sein kann. es war ein
furchtbares gefuehl, dazustehen und nicht zu wissen wohin zuerst,
weil es so viele kinder waren, denen
ich allen ein bisschen liebe schenken wollte, die ein bisschen
liebe auch dringend noetig hatten.
ich denke, mein blick fuer menschenwuerde bzw. - rechte hat
sich ein wenig geschaerft. man sieht hier in rumaenien auch
genug menschenunwuerdige zustaende, sowohl im grossen z.b. durch
den staat, als auch im kleinen. am schlimmsten ist mir dabei
das medizinische und rentensystem aufgefallen, was teilweise
eher gegen die menschen gerichtet zu sein scheint. es war ein
schock, wie es noch in krankenhaeusern aussehen kann, wo die
aerzte im winter kaum von den patienten zu unterscheiden sind,
weil alle im bademantel herumlaufen oder die patienten bzw.
die angehoerigen der patienten das essen und die medikamente
selbst mitbringen muessen, damit der patient versorgt ist. immer
wieder frustrierend finde ich, dass patienten, obwohl sie eine
krankenversicherung haben, fuer behandlungen oder medikamente,
auch die eigentlich freien, bezahlen bzw. fuer medikamente stundenlang
anstehen muessen und sie sie sich dadurch oft nicht leisten
koennen.
das andere ist das rentensystem, welches vielen rentnern so
wenig pension zukommen laesst, dass sie kaum davon leben koennen,
weil fast die gesamte rente fuer miete und strom gebraucht wird.
oft kommt es mir vor, als seien die systeme in diesem land eher
gegen die menschen gerichtet, als hilfreich. aber auch im kleinen
sehe ich immer wieder missstaende, sei es die hygiene bei uns
im heim, fuer die ich mich mit anita eingesetzt habe, allerdings
dabei auch jemandem auf die fuesse getreten bin, oder das diskutieren
mit den omis gegen ihre vorurteile gegenueber anderen menschengruppen,
seien es rumaenen, zigeuner oder afrikaner.
der umgang mit den mitarbeitern
und zu betreuenden war groesstenteils sehr gut, abgesehen von
ein paar problemen, die sich am ende ergeben haben. im allgemeinen
wurden wir aber in unseren ideen so gut unterstuetzt, wie es
ging. da wurden uns bastelmaterial zum deko basteln oder matratzen
fuer die
gymnastik zur verfuegung gestellt oder wir wurden zum weihnachtseinkauf
fuer die krankenhaeuser von einem unserer fahrer gefahren. aber
auch auf der persoenlichen ebene habe ich mich mit den meisten
unserer mitarbeiter sehr gut verstanden;habe teilweise freundschaft
geschlossen, sind zusammen ausgegangen oder eingeladen worden.
mit den alten menschen und den schuelern gab es ebenfalls kaum
probleme. es war zwar auch manchmal etwas anstrengend, wenn
die eine oder der andere schon zum fuenften mal die selbe geschichte
erzaehlte oder ich schon wieder die gardinen aufhaengen durfte,
aber mit ein bisschen verstaendnis konnte ich leicht darueber
hinwegsehen und freute mich, dass die menschen das vertrauen
zu mir hatten, mir ihre geschichten zu erzaehlen oder diese
arbeiten machen zu lassen. ich habe mich bemueht, ein kleines
stueckchen familie, enkeltochter oder nichte zu sein, ihnen
das gefuehl zu geben, das da jemand ist, auf den sie immer wieder
zurueckkommen koennen, wenn sie ein problem, auch ein voellig
nichtiges haben oder mit jemandem reden wollen. ich denke, dass
ich es ein stueckchen geschafft habe, besonders in momenten,
in denen mir jemand von ihnen so dankbar war fuer eine kleinigkeit,
fuer einen besuch, einmal spazierengehen oder eine rose zum
geburtstag. ich finde es erstaunlich, mit wie wenig man so manchen
menschen gluecklich machen kann. genauso erstaunlich finde ich,
wie gerne einige leute hier geben. so musste ich, ob ich nun
wollte oder nicht, bei der einen omi, die ich besuchte, jedesmal
mittag essen. jede woche hatte sie wieder irgendein leckeres
essen auf dem herd stehen und schoepfte mir soviel auf den teller,
dass ich es kaum schaffte, und das obwohl sie selber nicht weiss,
wie sie mit ihrer rente ueber den monat kommen soll.
meine beziehung zu den schuelern bestand auf eher freundschaftliucher
basis,was zum einen daran lag, dass die aelteren fast in meinem
alter waren, zum anderen, weil ich nicht viel wert auf eine
lehererrolle legte. gerade dadurch konnte ich auch ein sehr
gutes verhaeltnis zu ihnen aufbauen, was sich auch bis in meine
freizeit erstreckte, d.h. dass wir uns besuchten, uns trafen
usw.. bei den kleineren schuelern war das verhaeltnis nicht
ganz so eng, einerseits natuerlich wegen des altersunterschieds,
andererseits weil sich die
zusammensetzung der gruppe von mal zu mal aenderte.
mit der kultur und sprache
bin ich sehr gut zurecht gekommen. ich finde, dass die rumaenische
sprache sehr schoen ist. ich hatte sie innerhalb einiger monate
so gut gelernt, dass ich mich gut verstaendigen und unterhalten
konnte. auch, wenn ich am anfang noch mit der ausprache zu kaempfen
hatte, ging es doch letztendlich recht schnell, die sprache
zu lernen, was aber nicht nur an mir, sondern ebenfalls an den
von unserer arbeitstelle organisierten rumaenischstunden lag.
auch in der kultur konnte ich mich gut einleben. mir gefaellt
es sehr gut,dass hier alles ein bisschen langsamer, ruhiger
geht, auch wenn es manchmal etwas enervierend ist, wenn nichts
so richtig voran geht. ich hoffe aber, dass ich mir ein bisschen
von dieser ruhe im hektischen deutschland bewahren werde. was
ich ebenfalls sehr positiv fand, war die lockerheit im heim,
die uns so manche freiheit gestattete. so war es kein problem,
wenn spontan besuch kam, diesen bei uns im zimmer oder im club
uebernachten zu lassen oder als wir sechs kleine ausgesetzte
welpen fanden, diese im heim grosszuziehen. was ich immer wieder
enttaeuschend fand, ist die unzuverlaessigkeit, die hier oft
herrscht. es viel mir besonders bei unseren deutsch-clubs auf,
zu denen eigentlich so viele kommen wollten. letztendlich sassen
wir doch mit hoechsten ein, zwei personen da. eine andere sache
ist, dass gern vieles auf den lezten druecker gemacht wird.
wenn schon wochen oder gar monate voprher bekannt war, dass
eine
ausstellung stattfindet, wurde sich trotzdem erst den tag vorher
wirklich drum gekuemmert, was denn gemacht werden soll. oft
blieb es dann auch an uns haengen, die wir dann bis in die nacht
hinein plakate kleben durften, weil wir das ja so schoen machen.
insgesamt kann ich sagen,
dass mir dieses jahr wahnsinnig viel gebracht hat. auch wenn
vielleicht nicht immer alles so lief, wie ich es mir gewuenscht
haette und es enttaeuschenungen gab, hat mich diese zeit sehr
bereichert. schliesslich macht man auch mit den negativen sachen
seine erfahrungen. ich fand es sehr gut, ein mir voellig unbekanntes
land zu entdecken und lieben zu lernen. rumaenien ist mir zu
einer zweiten heimat geworden, was einerseits an land und kultur,
andererseits an ganz besonderen menschen liegt, die
ich hier kennenlernen durfte und die mir in der zeit, die ich
hier verbrachte eine familie waren. hier habe ich zum ersten
mal gesehen, was armut und schlechte politik wirklich bedeuten.
so hat sich meine sicht auf das wohlstands- europa bzw.deutschland
auch im positiven, wie im negativen sinne veraendert. ich lernte
die gut funktionierenden, effizienten und schnellen systeme
in deutschland schaetzten, sei es das gesundheitssystem oder
die aemter, andererseits begriff ich einmal wirklich bewusst,
wie gut es uns eigentlich geht, dass die menschen sich oft voellig
unnoetig beschweren und gar nicht merken, dass es eigentlich
gar keinen wirklich grund gibt, ausser vielleicht die bequemlichkeit
oder die angst, dass es einem ja ein bisschen schlechter gehen
und man sich nicht mehr so viel leisten koennte. ich moecht
mich hier ebenfalls bedanken, fuer die muehe die sich sowohl
copiii europei als auch die ungarischen malteser, sprich frau
muskovszky, gemacht haben. zwischendurch war zwar nicht viel
von den organisationen zu hoeren,
aber ich bin dankebar fuer die eingesetzte freizeit und finanziellen
mittel, um fuer reflexionen hierher zu kommen oder um vorbeizugucken
und die einladungen zu den reflexionen nach ungarn, die uns
ermoeglicht wurden und meinen blick vielleicht noch zusaetzlich
ein wenig erweitert haben. ich bin froh, gerade ueber die reflexionen,
sowie ueber unsere kleine rumaeniengruppe viele, total unterschiedliche
leute kennegelernt zu haben und, durch unserer einjaehriges
in-einem-zimmer-zusammenleben das wachsen einer wahren
freundschaft mit meiner mitfreiwillligen und kollegin anita
erleben durfte.ich moechte dieses jahr auf keinen fall missen
und hoffe, dass das gesehene und erlebte, die guten und schlechten
erfahrungen noch lange in meinem kopf und herzen hermuspuken
werden und mir vielleicht das eine oder andere mal helfen, die
kraft zu haben, etwas zu veraendern oder einfach kleine akzente
zu setzen, indem ich ueber manches nicht mehr hinwegsehe, es
kritischer oder mit anderen augen betrachte.
mit den letzten, aber immer noch herzlichen gruessen aus rumaenien,
martina
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