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Willkommen
im Mittelalter
ein Reisebericht von Jens Reutermann / Mai 2003
Nach einer durchfahrenen
Nacht und einigen Kilometern, fand ich mich mit 3 weiteren Personen
in einem kleinen, weißen Auto wieder. Wir befanden uns etwa
24 ° östlicher Länge und 48° nördlicher Breite, und der Mitteleuropäischen
Zeit 1 Stunde voraus. Der Wagen schnellte mit 30 km/h durch
die schöne Landschaft im Nordosten Rumäniens. Für mich bot sich
der 1. Eindruck der 2. Reise durch dieses Land dar- leicht geschwungene,
wellige Berge. Der Regen hatte sich gerade erst verzogen und
romantisch, in Nebel gehellt, lagen vereinzelte Gehöfte am Straßenrand,
an denen wir, wie gesagt, in Windeseile vorbei jagten. Dabei
wurde es wieder Abend und nach der nächsten Nacht erreichten
wir unser Ziel Dacia- über Umwege.
Hier hatte ich den Eindruck, eine Zeitreise gemacht zu haben
und im Mittelalter angekommen zu sein. Bei meiner ersten Tour
vor 2 Jahren sah das doch von bequemen Sessel des alten Bullies
etwas anders aus. Damals hatten wir kleine Nester eher selten
angefahren, da wir noch etliche Kilometer vor uns hatten. Aber
ich war positiv überrascht. Kleine, hübsch runtergekommene Häuser
ragten aus dem Matsch. Und fast alles, was es so zu sehen gab
war echt und urtümlich, Erde, Holz Stein, Wasser, Tiere und
Mensch.
Nach einer Weile und dem Kennenlernen der Gegend, des Dorfes
und einiger Leute, fand ich meine Vermutungen zum Teil bestätigt,
beruhigt oder keines von beidem. Manches war für mich rätselhaft
und ist es auch jetzt noch- und das ist auch gut so.
Viele einzelne Eindrücke, die Leute im Dorf, in den nächstgelegenen
Städten, Markttag, Einkauf mit Georg (dem ich für einiges am
Verständnis gegenüber dem Leben in Rumänien sehr dankbar bin,
obwohl- oder gerade weil- wir uns nur mit Händen und Füßen verständigen
konnten, die Sicht der übriggebliebenen Altsachsen , die Sicht
der jungen Deutschen, die gerade innerhalb und außerhalb des
Vereins in Rumänien unterwegs sind) und vor allem durch Otti
hatte ich die beste Möglichkeit, für mich subjektiv natürlich
und ganz persönlich einen Einblick in das Leben auf einem kleinen
Dorf in Rumänien zu bekommen. Diese und viele andere Eindrücke
lassen mich zu einem Verständnis kommen, dass das Leben in Rumänien
hart und einfach ist, ursprünglich, ohne Schnörkel, ohne Luxus
und auf das Wesentliche beschränkt. Ein Problem sind das Fernsehen
und übertriebene Berichte aus dem „Westen“. Das
führt zu Unzufriedenheit und zu einer Sehnsucht nach modernem
Leben mit all seiner Fassade, Unehrlichkeit und Selbstbetrug.
Die Begleiterscheinungen nimmt man hin, wie überall auf der
Welt, wo man sich aus einer miesen Situation heraus Fortschritt
wünscht. So habe ich Rumänien als ein Land wahrgenommen, dessen
Menschen eine tiefe Traurigkeit, den Kampf um das notwendigste
im Leben, ein sich der äußeren Umstände ergeben und eine Spanne
von Träumen bis Resignation ausdrücken.
Mein wunderschönstes Erlebnis hatte ich in diesen 2 Wochen zu
Ostern in einem wunderschönen kleinen Tal Dacias, dessen Namen
ich nicht kenne, aber es einfach mal Zigeunertal nenne. Um etwas
alleine zu sein und Ruhe zu finden ging ich die Biege rechts
am Schafstall vorbei, den Hügel hinauf. Das Wäldchen liegt zur
Linken und auf der rechten Seite überrascht eine schöne Aussicht
über das Dorf. Der erdige Farbton der tonroten, alten Ziegeldächer
lacht einem entgegen. Es sind die Dächer einfacher, zum Teil
farbiger Häuser, mit ihren Nebengehöften, Scheunen und Ställen.
Dazwischen winden sich staubige Straßen, rechts und links von
einem kleinen Wassergraben gesäumt, auf denen das Vieh und die
Dorfbewohner unterwegs sind oder eher beieinander stehen, um
sich die aufregendsten Dinge zu erzählen. Oder aber sie sitzen
vor dem Haus auf einer roh zusammengezimmerten kleinen Holzbank,
um das außerordentlich quirlige Leben auf den Straßen Dacias
zu beobachten. Man kommt leider von diesem Hügel ausspähend
nicht in den Genuss, hohe, rauchende Schornsteine, Industriegebiete,
Tankstellen, Werbeschilder, Autobahnen und Straßen voller High-
Tech- Blechkisten zu sehen.
Geht man über diesen Hügel hinweg, gelangt man in das Zigeunertal.
Es ist wunderschön. An diesem Tag lag ein flauschiger, grüner
Teppich wellenartig über den verrutschten, sanften Hügeln, den
Erhebungen und Senkungen. Dort stehen knorrige alte Eichen und
am gegenüberliegenden Hang gibt es einige Ansammlungen von Nadelbäumen,
oberhalb der herrlichen Wellenlandschaft. Ihr tiefes Grün steht
in einem lebendigen Kontrast gegenüber der frischen, intensiven
Grüntöne der gerade erst an das Licht gekommenen Natur. Die
Sonnenstrahlen spielen mit dem Schatten der alten Bäume. Die
Sonne ist wohltuend warm zu spüren, gerade nach einer diesigen,
verregneten Woche. Es riecht, als ob die Erde nach dem Winter
zum ersten Mal wieder tief durchatmet. Es ist ein Geruch, gemischt
von Verdunstung, Blüten, Kuhmist, verbrannten Ästen und Gras.
Die Kirchenglocken sind zu hören, das Blöcken der Tiere, das
Summen der Bienen, Vögel zwitschern, Kinder rufen, dazwischen
Geräusche handwerklicher Arbeit. Sonst ist es angenehm ruhig,
nur der Wind rauscht in einer frischen Prise.
Am Hang vor mir stehen weidende Kühe, Schafe und Pferde. Ein
klappriger Gaul, noch immer in den alten, hölzernen Wagen gespannt,
frisst gemächlich in der Sonne.
In diesem Seitental des Dorfes wohnen scheinbar hauptsächlich
Zigeuner. Hinter den letzten Häusern spielen einige Leute Fußball,
auf einem schön improvisierten Fußballfeld. Die Tore bilden
große runde Flusssteine und hier spielt jeder miteinander, die
kleinen Kinder zusammen mit den Alten. Es macht Spaß, dabei
zuzusehen. Neben dem Stadion schmorgeln und stinken ausgegockelte
Plastikreste auf einer Müllhalde vor sich hin.
Rechterhand des Stadions weht die Wäsche an einer Leine in den
buntesten Farben, gleich neben den kleinen, notdürftigen Behausungen.
Vor einem dieser Häuser dröhnt ein Gemisch aus Techno- Beat
und Zigeunermucke, aus den Boxen eines Kassettenrekorders. Die
ganze Familie, vielleicht noch Nachbarn und Freunde, sind im
Hof vor dem Häuschen versammelt. Sie lachen, singen und tanzen
zur Musik. Sogar die Alten wippen, auf alten, bröseligen Plastikstühlen
sitzend, mit. Als ich den Gegenhang hinaufstiefele, um in Richtung
Friedhof weiterzugehen, kommt ein kleiner Junge aus einem der
Häuser herausspaziert. Die Klamotten sind ihm etwas zu klein
und dreckig, der nackte Bauch zeigt sich in der Sonne, die ausgetretenen
Gummistiefel schlurfen durch den Matsch und der kleine Struppelkopf
singt aus vollen Leibeskräften ein Lied, dessen Melodie er wohl
gerade vom Radio aufgefangen hat. Ein kleiner Augenblick, in
dem die Welt nicht anders sein sollte, wie sie ist- selten und
kostbar.
Auch wenn vieles dagegen spricht, wünsche ich Rumänien einen
westlichen Standart nicht, keine Autohäuser, Autobahnen, Tankstellen,
Kaufhäuser, Mc Donalds, Ikea und Neckermann- Versand, sondern
einfach Veränderungen im Bereich einfacher Dinge, wie z.B. sauberes
Trinkwasser aus der Leitung oder einfache Heizungen u.s.w.,
für die, die solches für notwendig halten. Doch der Westen hat
vor Rumänien nicht halt gemacht und die Rumänen auch nicht vor
dem Westen. Und was dabei heraus kommt, ist schon mehr als deutlich
zu erkennen. Allen geht es ausgesprochen gut, das Geld ist gleichmäßig
in den Händen Aller verteilt und zum Glück hat man alle vorindustriellen
Gewohnheiten, Bräuche und Ideale so schnell wie möglich und
ohne jeden Vorbehalt über Bord geworfen. Ich hoffe, der gemeine
Rumäne stolpert noch lange über die ihm oft genug nachgesagte
Eigenschaft des unwirtschaftlichen, unvernünftigen Arbeiters,
in dem er den Weg in das gelobte Land des uneingeschränkten
Konsums nur sehr , sehr langsam und mit viel Bedacht findet.
Und falls sie nicht vom Westen gefressen werden, gibt es sie
auch morgen noch.
Es lebe der uneingeschränkte
Konsum
Jens
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