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jedenfalls
habe ich das gefuehl, unheimlich viel gesehen und gelernt zu
haben
Abschlussbericht von Robert Schönfeld/
August 2003
es ist dies nun schon die x-te angefangene
version eines jahresberichtes; einmal klang alles zu depressiv,
ein andermal hatte ich das gefuehl zu vielen leuten auf die
fuesse zu treten, dann hatte ich den eindruck zu sehr bei nebensaechlichkeiten
zu verweilen und schlussendlich schaffte ich es, all diese eindruecke
in nur einen bericht zu packen.
es befuerchte, dass auch dieser bericht nicht sehr viel besser
werden wird, aber irgendwann muss ich diese sache nun einmal
zu ende bringen, und dass sich bestimmte leser wundern oder
sich auf die fuesse getreten fuehlen, werde ich wohl nicht verhindern
koennen. und was bringt es, wenn ich hier nur ueber positives
spreche und negatives nur kurz anschneide?
um eigene gedankliche schleifen und verirrungen
zu vermeiden, halte ich mich an die definierten zu besprechenden
punkte, die vom ice vorgegeben wurden.
_________1. wichtigste taetigkeiten und
beschreibung der sozialen und oekonomischen umstaende
ich moechte zuallererst kurz auf die
eigentliche arbeitsstelle zu sprechen kommen.
das altenheim 'blumenau' entstand aus der notwendigkeit heraus,
vielen 'sachsen', wie man die deutsche minderheit hier bezeichnet,
die kinderlos oder nach den massenemigrationen der juengeren
generationen vorwiegend nach deutschland allein zurueckblieben,
auch dann eine gewisse soziale absicherung zu geben, wenn diese
nicht mehr in der lage sein wuerden, sich selber zu 'behaupten'.
finanziert auch mit spendengeldern aus deutschland, wurde ein
gebaeude, was frueher schon einmal als 'altfrauenheim' genutzt
wurde, renoviert und soweit instand gesetzt, dass bis zu maximal
18 heimplaetze zur verfuegung stehen. die lage des gebaeudes
ist etwas unguenstig, es befindet sich an einer dreispurigen
dicht-befahrenen strasse und bietet nur im innenhof schutz gegen
den laerm der stadt.
ausgestattet ist es relativ modern, da auch viele einrichtungsgegenstaende
direkt aus deutschland gespendet wurden. ein grossteil der zimmer
sind einzelzimmer und ausgestattet mit sanitaeren anlagen.
finanzieren soll sich dieses heim auch durch die vermietung
der immobilien, die die heimbewohner bei einzug dem heim zu
ueberschreiben haben, zumindest geschieht das so bei einem grossteil
der faelle.
die bewohner sind fast alle 'deutscher' nationalitaet. zumindest
ist ein kriterium fuer die aufnahme eines klienten seine zugehoerigkeit
zur evangelischen kirche rumaeniens, denn deutsch ist nur, wer
evangelisch ist.
war ich am anfang noch damit beschaeftigt,
die letzten 'feinschliffe' am heim zu machen, soll heissen hausmeistertaetigkeiten
wie malern, putzen, bohren usw. auszufuehren, wurde ich mit
dem einzug der ersten heimbewohner quasi zum altenpfleger. meine
skepsis gegenueber dieser taetigkeit sollte sich leider als
nur zu berechtigt erweisen, es hat mir bis zum schluss hin keinen
spass gemacht.
sicher kann man sagen, dass der sinn eines fsj nicht darin besteht,
spass zu haben, ich wuerde aber behaupten, dass sich gewisse
loesungsmoeglichkeiten fuer dieses problem angeboten haben,
die aber mit meiner chefin nicht zu besprechen waren. darin
lag ein hauptproblem meiner arbeit: das probleme nicht diskutiert,
sondern abgeschmettert wurden und es eigentlich nich zu klaerenden
gespraechen gekommen ist. am anfang dachte ich optimistisch,
dass sich dies mit der zeit noch 'einschleifen' wuerde, mittlerweile
bin ich mir sicher, dass ich sofort abgebrochen haette, haette
ich gewusst, was fuer eine zeit da auf mich zukommt.
jedenfalls schaffte ich es nicht bzw.
kaum zu einer bezugsperson fuer die alten leute zu werden. schuld
daran hatte wahrscheinlich meine eigene psychische verfassung,
die ablaeufe der arbeit und nicht zuletzt auch sprachliche schwierigkeiten
- obwohl auch die heimbewohner deutsch sprechen. aber eben nicht
das deutsch der bundesrepublik, des reiches, wie man hier sagt,
sondern ein deutsch, was in unseren ohren oft klingt wie 50
jahre stehengeblieben, zum teil vermengt mit rumaenischen syntax-formen
und rumaenischen begriffen. es war manchmal erschreckend, zu
hoeren, was die alten leute wirklich verstanden hatten, wenn
ich etwas gesagt hatte... was habe ich mir fuer muehe geben
muessen, meinen saechsisch-dresdnerischen dialekt zu unterdruecken
:)
man nehme es mir nicht uebel, aber es fehlte mir, so sehe ich
das im rueckblick, das ganze jahr das gefuehl, einmal wirklich
die eigenen faehigkiten zu gebrauchen und spass an der arbeit
zu haben, auch, das die geschaffenen ergebnisse wirklich gut
sind. wenn ich selber ueber die ergebnisse vieler kleiner taetigkeiten,
die ich beendet hatte, nachdenke, so muss ich ehrlich zugeben,
hat es deutlich an elan gefehlt... vielleicht ist es verstaendlich,
dass man ein wenig deprimiert ist nach einem jahr, indem man
hauptsaechlich damit beschaeftigt war, taetigkeiten auszufuehren,
die einem allerbestens wenig spass machen, oder schlimmer, taetigkeiten,
die man bisher gehasst hat und auch weiterhin hassen wird.
am anfang konnte ich noch drueber lachen,
wenn von einigen omis behauptet wurde, das heim waere wie ein
gefaengnis, aus dem man nicht mehr kommen wuerde, abgesehen
vom letzten transport.
mittlerweile muss ich sagen, dass ich den eindruck habe, dass
sich ein betraechtlicher teil der bewohner meiner meinung nach
- wortwoertlich - zu tode langweilt.
dies trifft nicht zu auf bewohner, die sich noch bewegen koennen
und einigermassen selbststaendig sind. der tagesablauf der uebrigens
allerdings sieht bis auf wenige termine (geburtstage, weihnachten,
ostern...) so aus: aufstehen, waschen, fruehstuecken, ....?,
mittagessen, schlafen, kurz in den hof gehen (bzw. geschoben
werden; alles nur bei gutem wetter), abendbrot, schlafen.
es tut mir leid, dass ich an dieser situation keine aenderungen
herbeifuehren konnte, aber ich wuesste auch jetzt noch nicht,
welche konzepte an dieser stelle vewendet werden koennten. da
es mir nicht gelang, einen guten draht zur chefin zu entwickeln,
bleiben meine aenderungsvorschlaege reine undiskutierte vorschlaege,
die ich deshalb auch nicht nennen moechte...
_________2. erfahrungen, die ich sammeln
konnte , wie hat sich der blick fuer menschenwuerde und -rechte
veraendert..?
was sich wohl in allen berichten der
freiwilligen aus rumaenien wiederfinden wird, ist, dass es in
vielen heimen schwierig ist, ueber menschenwuerde und -rechte
zu reden. und auch das gesamte gesellschaftliche system rumaeniens
bietet viele angriffspunkte fuer dieses thema, beispielsweise
die medizinische versorgung, die diskriminierung von romas und
sintis, die verstricktheit des rumaenischen rechtssystems und
vor allem die riesige bedeutung von geld angesichts der armut
in diesem land...
ich moechte daher an dieser stelle nur anfuehren, dass sich
mein bild ueber die bundesrepublik, zumindest ueber den aufbau
und die moeglichkeiten und rechte, die theoretisch gesehen jedem
gegeben werden, immens zum positiven gewandelt haben. viele
dinge sind da durchdachter, schematischer, effektiver und schneller.
und dies alles scheint mir nicht nur am reichtum des landes
zu liegen, sondern auch ein wenig an der mentalitaet.
ich moechte nicht in nationalistische phrasen einsteigen, aber
ich denke, es ist wirklich so, dass genauigkeit, ordentlichkeit
und moralisches gewissen einfach mehr ausgepraegt sind. ich
weiss, dass dies, so wie ich es formuliert habe, ein heikles
thema ist und man dies eigentlich viel mehr begruenden muesste.
ich moechte aber nur ein beispiel anfuegen: ich habe in dem
jahr von vielen leuten gehoert, die in geschwindikeitskontrollen
geraten sind, das geschieht hier auch ziemlich schnell. und
ich kenne genau EINEN fall, wo sich die beamten nicht bestechen
liessen. ansonsten war jeder mit einer bakschisch-zahlung davongekommen.
in deutschland kenne ich nur einen fall von korruption. das
ist immer noch subjektiv, aber ich denke, das gesamte rechts-
und unrechts-verstaendnis ist in deutschland weitaus staerker
ausgepraegt...
das mag zu einem geringen teil auch an der wirtschaftlichen
lage liegen. aber man kann eigentlich auch davon ausgehen, dass
das geld, was die menschen hier zur verfuegung haben, ausreicht,
zumindest zu einem knappen leben.
und warum muss einem arzt fuer eine einfache operation bis zu
100 euro zusaetzlich gezahlt werden?
der umgang mit nationalen minderheiten, die nicht so beliebt
sind wie die siebenbuerger sachsen oder die schwaben oder die
anderen deutschstaemmigen, ist ebenfalls so ein knackpunkt.
_________3. ueber den umgang mit mitarbeitern
und menschen im gastland, wie bin bin ich mit sprache und kultur
klargekommen?
ich hatte gluecklicherweise sehr nette,
hilfsbereite und nette mitarbeiter, die ich schon allein deshalb
bewunderte, weil sie sich wirklich zeit nahmen und mein zerstammeltes
rumaenisches gebrabbel angehoert haben und versucht haben zu
verstehen. auf die fortschritte beim rumaenisch-lernen bin ich
weniger stolz, ich habe wenig dafuer getan. das hing einfach
mit fehlender motivation und einer bestimmten enttaeuschung
zusammen, dass ich mich dafuer einfach nicht aufraffen konnte.
das soll nicht heissen, dass ich nicht rumaenisch kann. ich
habe durchaus lange und inhaltstiefe gespraeche gehabt, und
habe mit der zeit auch nur durch gespraeche gelernt. aber insgesamt
bedauere ich es nun ein wenig, denn auch wenn ich wohl viel
vergessen werde: man kann nie wissen, ob man es noch einmal
brauchen kann...
_________4. resuemee
an meinem letzten arbeitstag hat eine meiner "lieblingsomas"
zu mir gesagt: "du, wenn du wieder so etwas machst, mache nix
mit so alten schachteln wie uns - was du dir hier gefallen lassen
musst". und damit hat sie eigentlich ziemlich recht. ich moechte
jetzt nicht in alten geschichten rumruehren und details aufwaermen
und wiederkaeuen, aber irgendwie ist es mir nie so gelungen,
mich mit der arbeit zu identifizieren und daran spass zu finden.
auf aenderungsvorschlaege wurde nicht eingegangen, so dass ich
es letztendlich mit einem gewissen gefuehl der resignation hingenommen
habe.
was ich aber betonen moechte: trotz aller - ich sage einmal
- merkwuerdig gelaufenen sachen hier und einigen erfahrungen,
auf die ich gern verzichtet haette, habe ich nicht das gefuehl,
dass dieses jahr hier umsonst war.
ich bin mir zwar sicher, dass ich es spaetestens im april abgebrochen
haette, haette nicht der zwang bestanden, dies 12 monate als
zivildienst durchzuhalten. aber es ist ja nicht alles schlecht,
was keinen spass macht.
jedenfalls habe ich das gefuehl, unheimlich viel gesehen und
gelernt zu haben, in einem jahr beeindruckend viele gespraeche
mit vielen menschen gehabt zu haben, und schlussendlich auch
eine menge mehr ueber mich erfahren zu haben, dinge, die ich
bisher absichtlich oder unbewusst nicht wahrnehmen wollte, und
die mich wohl noch eine weile beschaeftigen werden, die ich
quasi mit mir selber noch klaeren muss.
von daher bin ich immer noch dankbar,
dass ich hier ein fsj leisten konnte, auch wenn ich es mir schoener
vorgestellt hatte. aber es hat sich gelohnt.
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