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Short
Cuts oder Schnappschuesse oder Blitzlichter oder Daumenkino
Ein aktueller Bericht von Jens
Steinberger / Mai 2006
Was ich richtig stellen
moechte:Im Maerz Newsletter des Vereins fand Erwaehnung, ich
sei fuer den Verein, es hiess "fuer uns", in Bradet
taetig. Tut mir leid, aber das bin ich nicht. Ich arbeite fuer
und mit den Kindern hier vor Ort, und vor allem, ich bin ein
Egoist, fuer mich. Zudem haette mir ein "mit uns",
geht es dem Verein doch um Begegnung und ein Miteinander, viel
besser gefallen und waere wohl auch in des Wortes Wahl trefflicher
formuliert gewesen. Vielleicht denke ich auch lediglich zu kurz
und das "fuer uns" bezieht sich auf die gesamte Menschheit
und das Leben an sich. Das waere doch in der Tat, insbesondere
wenn die Tat als Handlung im Leben zum Wohle desgleichen wirkt,
schoen.
Vereinnahmend empfinde
ich im selbigen Newsletter die Erwaehnung der Verlaengerung
des Aufenthalts von Bille in Dacia. Bille blieb, weil es ihrer
eigenen Aktivitaet entsprang. Es ist doch so, dass die gewaehlte
Formulierung nur zu leicht den Eindruck vermittelt oder dieser
entstehen kann, als sei ihr weitergehendes Engagement des Vereines
Verdienst; doch das ist er nicht, sondern einzig und alleine
der Ihre. Ich erwaehne dies ohnehin nur, weil sich Bille waehrend
ihrer Praktikumszeit vom Verein allein gelassen fuehlte, und
daher kann es doch auch nicht verwundern, dass sie es nun mehr
war, die den Verein alleine liess und eigene Wege ging. Das
ist doch ein logischer Schluss, oder?
Nur zur Klaerung:
Ich habe nichts gegen
den Verein, das will ich deutlich schreiben, aber eine Meinung
und sogar noch eine zweite, naemlich meine und zudem bin ich
eigen, insbesondere, wenn die Schrift in Worten fliessend Ausdruck
findet, um in Verstaendnis zu muenden. Bin ich zu verstehen?
Wenn nicht, finde ich dies nicht schlimm, schreibe ich ohnehin,
ich erwaehnte es bereits, ich bin ein Egoist, nur fuer mich
und fuer niemanden sonst und auch das Copyright zu diesem Text
gehoert natuerlich mir, ich bin ein Freund des Urheberrechts,
und nicht dem Verein, der es, wie gesehen, fuer sich in Anspruch
nimmt, indem er seinen Namen unter die Berichte der Praktikanten
setzt.
Was ungluecklich verlief, sich wohl aber noch zum Gluecke wendet:
Ich legte waehrend meines
3-woechigen Aufenthalt in Dacia, ich wartete auf die behoerdliche
Genehmigung des zustaendigen Inspektorats, um mein Praktikum
in Bradet beginnen zu koennen und auf die Rueckkehr der hiesigen
Vereinskoordinatorin, die sich fuer eine kurze Weile in Deutschland
aufhielt, fuer eine dort wohnende allein erziehende Mutter mit
mehreren Kindern zwei Gemuesebeete an, was bei nassem lehmigem
Grund nicht so ganz einfach, eher schwer, greu, war. Ja. Ja.
Ja. Da. Da. Da.
Die Frau versorgte mich
in der Zeit mit Essen, vielen Dank, doch traf es dennoch nicht
so ganz meinen Geschmack, nicht weil es mir nicht schmeckte,
nein, foarte gustoasa, hm lecker, sondern weil sie mir von dem
gab, was sie nur spaerlich besitzt. Gastfreundschaft ist eine
Tugend und das Essen abzulehnen, waere unhoeflich gewesen. Jedoch
wies ich das Fleisch guten Herzens zurueck. Ich esse kein Fleisch.
Nu mananc carne. Ich bin Vegetarier. Nu carne? fragte die Frau
irritiert. Na dann, pofte buna, guten Appetit.
Worum es mir eigentlich
geht: Ich fand es bedauerlich, nein, es war mir peinlich, wusste
zudem nicht, wie ich es erklaeren sollte, die rumaenische Sprache
ist schwer, verstand es ohnehin selbst nicht, dass ich den Schluessel,
der den Zugang zum Hof und zu den Beeten ermoeglicht, nicht
der Mutter, die bereits vielerlei Samen gekauft hatte und nunmehr
die Saat ausbringen wollte, geben konnte, sondern der Vereinskoordinatorin,
die anderen Orts wohnt, uebergeben musste. Nun ist es so: Die
Frau hat Samen und Gemuesebeete, aber kann nicht saeen.
Was ich damals dachte:
Scuza, aber: Nu inteleg.
Ich nix verstehen. Was soll das? Mir fehlt der logische Schluss.
Wie waere es mit dem: Gottes Garten hat ein Schloss und ein
Zaun steht rings herum.
Wie ich heute darueber denke:
Ich glaube, ich hoffe
es sehr, die Koordinatorin hat meine SMS nicht so verstanden,
wie ich dachte mich verstaendlich gemacht zu haben; schrieb
ich doch ueber den Schluessel zum Tor, Torschluessel, und nahm
sie in ihrer Antwort Bezug auf den Schluessel zur Tuer, Tuerschluessel.
Der Unterschied liegt nur in einem Buchstaben, doch die Bedeutung
wandelt sich um ein vielfaches, ist der Tuerschluessel doch
ein Schluessel mit dem sich des Hauses Pforte oeffnen laesst
und eroeffnet des Tores Schluessel doch die Moeglichkeit Zugang
zum Grundstueck zu finden. Nu problema, Verstaendigungsschwierigkeiten
bin ich gewohnt; geht es mir doch hier bestaendig so. Doch es
findet alles ein gutes Ende, so moege es sein, denn die Frau
wird im Mai ihr Feld bestellen koennen und die Saat ausbringen,
denn zu dieser Zeit ist jemand vor Ort. Ein Glueck.
Was mir ein wenig Angst bereitet:
Die Frauen der Kueche
des Heimes gaben mir zu verstehen, dass sie mich maesten wollen.
Sie zeigten mir dicke Backen und einen kugelrunden Bauch und
beanstandeten meine duennen Beine. Ich wuensche ihnen viel Glueck,
doch wird es ihnen nicht gelingen mich speckhaft zu bilden,
da bin ich mir gewiss. Auch wenn die Koepfe der Kuechenfrauen
sich wackelnd schuetteln und sich Falten auf ihrer Stirne bilden,
mein Gott, er isst kein Fleisch: Pofte buna.
Was ich falsch gemacht habe:
Gehe nicht mit 11 Kindern und Jugendlichen zum nahe gelegenen
Stausee, denn dies sind eindeutig zu viele, insbesondere, wenn
du deren Sprache nicht sprichst, du dir ihre Namen nicht merken
kannst und erst seit vier Tagen in einem Heim und einer Scoala
Speciala, also einer Schule fuer Kinder mit besonderem Foerderungsbedarf,
in einem fremden Land arbeitest und du der Verantwortung fuer
das Wohl deiner Schuetzlinge gerecht werden willst.
Das rumaenische Kinder
im April baden gehen, vermochte mich nicht zu verwundern, auch
nicht, dass einige ihre Kleidung anbehielten, und auch nicht,
dass einige danach zu frieren begannen, weil die Sonne in Wolken
tauchend die Haut nicht waermend umfing. Ich gestehe: Das einige
Kinder froren, fand ich gut, denn das ist doch sehr erfahrungsreich
und auch eine lehrreiche Lektion. Aber, das ist wichtig, die
Kinder sollen ja nicht krank werden, blieben wir ohnehin nur
kurz.
Zum Verstaendnis:
Wenn die Sonne hier durchbricht,
ist es bruetend heiss - suedlaendische Hitze. Mein Nase faerbt
sich bereits jetzt rot und ich glaube, wenn der Sommer beginnt,
stehen die Chancen gut, dass ich zum Indianer werde.
Intelege - Verb endet
auf e, dann muesste es heissen: Intelegi : Verstehst du?, doch
das i am Ende, ich krieg 'ne Krise, nicht wirklich, spricht
man nicht mit oder doch oder was weiss denn ich: Intelegi? Verstehst
du? Es ist ganz leicht: Die Haut faerbt sich rot: Haut - rot
- rot heisst rosu:
Winnetou?
Da!
Was haben die Kinder gelernt?
Vielleicht: Wasser im
April ist kalt. Nein, sie werden bei der naechsten Gelegenheit
wieder versuchen baden zu gehen. Da bin ich mir gewiss. Sie
fragten ohnehin nach dem naechsten Ausflug.
Bestimmt: Jens oder Hens
oder Hans oder Ens, oder wie auch immer sie meinen Namen aussprechen,
wenn sie ihn schreiben, heisse ich Ents, das Handspiel beim
Fussball, joc fotbal, ich spiele Fussball, jucam, wir spielen,
viel, heisst fast so wie ich, natuerlich in Abhaengigkeit der
Aussprache meines Namens, ruft man ihn mir lauthals im Spiele
zu, so kann dies zu Irritationen und zur Einforderung eines
Freistosses fuehren, unberechtigt natuerlich, die Hand spielt
nur mit der Schrift, hat aber nicht den Ball beruehrt, der heisst
uebrigens minge, ist hier weiblichen Geschlechts, sehr begehrt,
prall gefuellt und wird staendig mit Fuessen getreten, was sie
nicht stoert und auch nicht daran hindert, sich ab und an einmal
zaertlich an den Kopf eines Jungen zu schmiegen, doch ist sie
nicht treu, springt mal hier und huepft mal dort, was wollte
ich eigentlich schreiben, warum bin ich nur so geschwaetzig,
warum schwirren mir Woerter um die Ohren, nein, um die Finger,
ach, geschwaetzig, e! in gutes Stichwort, was die Kinder lernten,
als sie mich bestaendig und ohne Unterlass mit einem Wortschwall
uebergossen: Jens oder Hens oder Hans oder Ens laesst sich beschwatzen;
man muss es nur lange genug und munter drauf los versuchen.
Doch ihre Argumente waren
auch gut, zumindest eines: Es war der letzte Ferientag. So nahm
ich anstatt 5 Kindern, wie geplant, 11 mit mir. Es waeren auch
nur 10 gewesen, waere nicht ein Kind, es heulte am Tor, es durfte
nicht mit, du armes Kind, hinzugekommen, nicht weil ich es mitnahm,
nein, ich liess es zurueck, sondern weil der Pfoertner meinte,
es mir hinterher schicken zu muessen. Vielleicht liess er sich
erweichen, vielleicht stoerte ihn auch das Weinen. Ich weiss
es nicht, doch sicher eines: Intelegi? Da. Da. Da. Das habe
ich sehr schnell gelernt, und so ist es in der Tat: Irgendwie
macht hier jeder was er will, und so mache es nun auch ich.
Worin ich meine Aufgabe
sehe:
Anfaenglich genuegt es
wohl, einfach nur da zu sein, bei den Kindern zu sein, ein wenig
zu spielen, ein wenig zu albern und ihrem Beduerfnis nach Zuwendung
und koerperlicher Naehe zu entsprechen. Falls ich die Sprache
jemals lerne, koennen Aufgaben neu entstehen und andere sich
wandeln.
Was mich nicht zu ueberraschen wusste, ich aber dennoch interessant
finde,
ist der Umstand, wie
schnell es sich vollzogen hat, dass ich einige Kinder, unverstaendlich
bei manchen mir der Grund, besonders mag oder beginne ins Herz
zu schliessen, auch wenn ich mich nicht an mein Gefuehl binde,
mich nicht fesseln lasse, weil ich in wenigen Monaten nicht
mehr hier bin. Da gibt den 12-jaehrigen Frechdachs, dessen schelmiges
Laecheln mich anspricht und dessen Augen ebenso schelmig grinsen.
Er hat es faustdick hinter den Ohren, aber letztendlich trifft
dies hier auf die meisten Kinder zu, doch liegt seine Staerke
darin, seinen Schalk sympathisch zu vermitteln, was nicht bedeutet,
dass er, ich verstehe nicht alles, doch was ich verstehe, ist
schon genug, wie ein Rohrspatz flucht und schimpft.
Da gibt es ein Maedchen,
das ich besonders mag, weil sie nicht so Vorlaut und frech ist,
weil sie eher schuechtern und zurueckhaltend und eine Aussenseiterin
ist, eine melancholische Tiefe in den Augen spiegelt und ein
sanftes Wesen an mein Herze klopft. Jetzt klopft sie gerade
an die Tuer, die ich im Gegensatz zu meinem Herzen verschlossen
halte, weil es mir wichtig ist, immer einmal wieder Raum fuer
mich zu finden. Das Beduerfnis des Maedchens nach Aufmerksamkeit,
Waerme und Zuwendung stellt sie zuweilen, sie ist es nicht anders
gewohnt, in einer ausgeschrieben fordernden, gar rohen Weise,
an mich. So zupft sie kraeftig an meiner Nase oder zieht an
meinen Ohren, traktiert mein Bein mit ihrer Zahnbuerste, tut
mir weh, so als wenn sie nicht begreife, es nicht gelernt und
erfahren hat, Aufmerksamkeit und Naehe auch in einer anderen
Weise zu gewinnen. Doch gefaellt es mir, wohl auch ihr, wenn
sie vor sich hin traeumend meine Streicheleinheiten geniesst.
Ich will es einmal so b! eschreiben: Die Kleine gleicht einem
ausgetrockneten Schwamm, der sproede kratzend Liebe sehnt, und
bin ich ganz still und leise, lauschend, so will mir scheinen,
als hoerte ich die Worte, tief aus ihrem Innersten dringend:
"Mi-e sete. Ich habe Durst." Ich liebe es, wenn des
Herzens Klang des Satzes Wort gefuehlvoll wiegt. Weiter geht's.
Ab und an weise ich sie zurueck, was sie zum Schmollen bringt
und auch dazu bewegt, mich zu ignorieren, mir aber immer auch
so erscheint, ich kann ihr Verhalten nicht anders deuten, als
sei sie Zurueckweisungen gewohnt. Aber ich habe nicht ausschliesslich
Zeit fuer sie, gibt es hier doch ueber 100 Kinder und Jugendliche
und ich habe weniger Haende am Leibe als Kinder, die darum ringen.
Zudem scheint meine rechte Hand attraktiver, denn meine Linke.
Ich weiss nicht, woran das liegt. Und es ist doch auch so: Schenke
ich der Kleinen zuviel Aufmerksamkeit, gibt es Kinder die eifersuechtig
reagierend nach ihr treten, gar in den Ruecken, oder sie ! schlagen
und das obwohl, oder weil, ich direkt daneben stehe. Zumindest
war es anfaenglich so, doch bin ich nunmehr froh, dass sich
die Wogen langsam glaettend beruhigen.
Da gibt es einen 17-jaehrigen,
dessen Entwicklungsreife erst kuerzlich den 13. Geburtstag feierte,
Felicitari!, Herzlichen Glueckwunsch, der mich immer wieder
in Erstaunen zu versetzen weiss, wenn er seinem unbaendigen
Bewegungsdrang Folge leistet. Steine, Baumstaemme, Treckerreifen
- alles, was er findet, setzt er in Bewegung und wenn er eine
Eidechse sieht, dann geht es mit ihm durch und er ist weder
zu halten noch zu bremsen. Manchmal habe ich das Gefuehl als
verloere alles andere in diesem Augenblick fuer ihn an Bedeutung,
gaebe es nur noch ihn und dieses eine Tier - und sonst nichts.
Er verhaelt sich in einer Art, die ich sonst eher von kleineren
Kindern kenne, denen es gelingt, mich erinnert das immer an
meditative Versenkungsuebungen, ganz tief im Spiel zu versinken,
denen es zuweilen sogar zu eigen ist, das Spiel selbst zu sein.
Was mir nicht gefaellt, ist der Umstand, dass er keinen Respekt
dem Tiere, einem Lebewesen, gegenueber zeigt, das er zu fangen
sucht, so wie! es auch den anderen Kindern zu oft daran mangelt.
Ich bin immer wieder froh, wenn ihm eines der Tiere entwischt.
Den letzten Molch, den er fing, hat er mit einem Stein erschlagen.
Wie unnuetz das doch ist. Einem anderen Molch konnte ich das
Leben retten, ist jedes Leben, ob Mensch, Pflanze oder Tier,
doch des Schutzes wert.
Ein kurzer Abstecher:
Ich finde es schade,
dass den Kindern, woher soll es auch kommen, sie haben es nicht
erfahren und gelernt, die Bewahrung dessen, was sie naturhaft
schoen umgibt, worin sie sich gerne bewegen, tollen und spielen,
auch wertvoll und schuetzendwert erleben. Ich sprach darueber
mit einem Kollegen, der naturnahe Projekte plant, in denen die
Kinder lernen sollen gemeinsam und zusammen zu arbeiten, dabei
auch koerperlich aktiv werden und auch Gelegenheit erhalten,
die Fruechte ihrer Arbeit vor Augen zu haben, um zu sehen und
zu erleben, was sie erschufen. Der Kollege teilte meine Meinung,
weitete im Anschluss die Thematik, betrachtete das industriell
aufstrebende Rumaenien, und wies auf die damit verbundene Gefaehrdung
der Zerstoerung der Umwelt hin, weil Unternehmensinteressen,
insbesondere die Gewinnmaximierung, eine groessere Bedeutung
beigemessen wird als oekologischen Faktoren, also der Bewahrung
des Lebens und der Lebensgrundlage. Gleichgewicht zu wahren,
der Waage Schale nich! t einseitig zu beladen, erscheint mir
wichtig und sinnvoll. Und gab es nicht schon vor Jahren in Baia
Mare eine Umweltkatastrophe, ein australischer Konzern baut
dort Gold mittels Quecksilber ab, ob sie das in ihrem Heimatland
wohl duerften?, sicherlich nur unter strengeren Auflagen, als
das Haltebecken brach und eine giftige Schwemme sich in den
nahe liegenden Fluss ergoss, nach Ungarn floss, und alles Leben
darin und darum nachhaltig schaedigte.
Zurueck zu dem Jungen:
Was mir besonders gut
an ihm gefaellt, ist sein lebensfrohes Wesen und gerade auch
der Umstand, dass er sich seine kindliche Unbefangenheit bewahrte,
zu der sich Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit gesellt, und
vor allem das riesige Energiepotential aus dem er schoepft;
ein unglaublicher Quell. Doch leider gelingt es ihm nicht, seine
Kraefte zu kanalisieren, sie in andere Bahnen zu lenken, um
sie fuer anderes nutzbar zu machen, was auch darin begruendet
liegt, dass er nicht ueber laengere Zeit konzentrationsfaehig
ist. Floesse der Strom seiner Energie kontinuierlich und nicht
vornehmlich auf koerperliche Aktivitaet beschraenkt, so koennte
er einen unglaublich grossen Entwicklungsschritt vollziehen.
Doch jeder Schritt, egal wie gross er ist, ist nicht nur wertvoll,
sondern auch schoen.
Erfreut erlebte ich,
dass sich sein Verhalten wandelte. Sonderten sich er und einige
andere beim ersten Spaziergang noch zu sehr von der Gruppe ab,
ich verlor sie aus den Augen und bat im Spaeteren einen Jungen,
den Frechdachs, fuer mich zu uebersetzen, dass ich dies derart
weder trage noch will, so vollzog es sich, ich war ueberrascht,
dass er beim zweiten Spaziergang zu mir kam, sagte, dass er
und die anderen gehen wollen, er gar auf mich wartete, als die
anderen schon voraus gingen, und wir zusammen nach Hause schritten.
Doch ich bin vorsichtig, und warte erst einmal ab, was beim
naechsten Spaziergang passiert.
Allgemein zur Energie und zum Fliessen geht mir durch den Sinn:
Wer Energien nicht angemessen
fliessen laesst, sondern wie ein stuerzender Wildbach rauscht,
der schwemmt die fruchtbare Krume fort, auf der Wachstums keimt
und Entwicklung gedeiht. Doch gilt auch: Wer den Fluss aufstaut,
kann sich zwar sammeln, doch nur unzulaenglich fliessen. Und
wer in sich die eigene Stroemung nicht findet, wird orientierungslos
zu treiben beginnen, weil er weder weiss, wo er sich befindet
noch wohin er fliessen will. Geraet der Fluss ins Stocken, so
ist die Gefahr gegeben, zu versickern, zu verkrusten oder zu
versanden, und all das, was man als Gaben in sich traegt, was
dies ist, gilt es zu entdecken und zu erfahren, kann den erdverhaerteten
Panzer nicht durchstossen, kann nicht wachsen, kann nicht reifen,
kann weder Frucht noch Bluete tragen. Wir alle muessen unsere
eigene Stroemung finden, muessen mit uns im Reinen fliessen,
muessen quellen, stroemen, muenden, sowie die Stroemungsgeschwindigkeit
regulieren und die Stroemungstiefe definieren. Wer nur o! berflaechlich
treibt, wird in der Sonne verdunsten, doch wer unvorbereitet
zu schnell zu tief dringt, vermag an sich selbst zu ertrinken,
davor gilt es zu warnen, doch wird er womoeglich auch nie erfahren,
was in der Tiefe seiner selbst auf ihn wartet und entdeckt werden
will.
Und da ist noch jemand, den ich gerne mag:
Ein aelterer Junge, in
meinen Augen der Wacheste und Reifste, der weiss, was er will
und versucht seine Chancen zu wahren. Rumaenisch lerne ich von
ihm nur wenig, weil er lieber Englisch mit mir spricht, um seine
englischen Sprachkenntnisse zu verbessern und weil mein Rumaenisch
keine Gespraeche ueber Themen in der Art zulaesst, die er gerne
fuehren moechte und mit anderen nicht fuehren kann. Sichtlich
stolz war er, zu Recht, als er mir die Worte der Direktorin,
die kein Englisch spricht, uebersetzte. Und er gibt mir immer
einmal wieder Ratschlaege, das gefaellt mir, er sorgt sich um
mich, ein schoener Wesenszug, etwa wenn er spricht: "Schliess
deine Tuer zweimal ab. Mach dein Fenster zu, wenn du aus dem
Zimmer gehst." Nun gut, ich habe Gitter vor den Fenstern,
und es ist mir nahezu unvorstellbar, wie sich jemand durch diesen
schmalen Spalt zwaengen sollte, um meine Habe nach Brauchbarem
zu durchsuchen. Doch warum sollte ich nicht auf ihn hoeren,
kennt er sich hier doch aus,! ist er hier doch gross geworden
und fuehlt sich hier auch Zuhaus. Und nun habe ich auch gelernt,
wie man Bohnensatz-Kaffe kocht und nur wenig, putzin, Satz in
seiner Tasse findet.
Mir gefaellt es, wenn
es ihm peinlich ist, mir all das zu uebersetzen, was manche
Kinder, es sind wenige, meine Sprachunkenntnis ausnutzend, mir
an Ausdruecken zusprechen, die selbst sie sich sonst Erwachsenen
gegenueber nicht getrauten zu gebrauchen. Doch habe ich das
Gefuehl, dass diese kurze anfaengliche Phase vorueber geht,
weil ich die Kinder besser kennenlerne, eine Beziehung entsteht,
und ich zudem einige der gebraeuchlichsten Schimpfwoertern verstehe,
darauf reagieren kann, indem ich mir passende Antworten zu recht
lege. Und selbst wenn ich nicht genau verstehe, was Einzelne
im Detail von sich geben, so weiss ich doch, worum es geht,
ich achte auf Mimik und Gestik und Tonfall, verabschiede mich,
sage: La revedere, ignoriere sie und gehe. Klar ist doch ohnehin,
dass sich die Kinder lediglich vor anderen Kindern profilieren
wollen, anderen Kindern imponieren wollen, um wichtig zu erscheinen,
Aufmerksamkeit zu erringen und im Mittelpunkt zu stehen. Zudem
sind die Kinder! doch auch nicht grundlos hier, sie stammen
aus zerruetteten Familien oder lebten auf der Strasse, sind
mit vielschichtigen Problemlagen koerperlicher und geistiger
Art beladen, nehmen Medikamente, die nicht immer zu helfen scheinen,
haben Konzentrationsmaengel, Lernschwierigkeiten und keine Liebe
erfahren. Ausserdem ist ein Imponiergehabe nun wirklich nichts
aussergewoehnliches, ist auch Erwachsene gegeben, wenn auch
zuweilen in anderer Art, doch haben sie es wohl auch als Kinder
erlernt, ueberall auf dieser Welt und sie fuehren ihre erlernten
Verhaltensweisen lediglich als Heranwachsende und Erwachsene
fort, so wie ich es bei einigen Motorradfahrern in Brasov sah,
die mit ihren teueren Maschinen protzten und, wie albern, diese
in einer belebten innerstaedtischen Zone aufrissen, um einmal
um den Block zu fahren.
Moment, ich bin gleich zurueck, es klopft am Fenster:
Mein Uebersetzer bat
mich verlegen um 50.000 Lei; das sind vielleicht Euro 1,50.
Ihm nehme ich seine Verlegenheit ab, sie passt zu seinem Wesen,
sie ist ehrlich und nicht gespielt und ich gebe ihm das Geld
gerne. Ich haette ihm auch mehr gegeben, denn er reist morgen
ab, besucht eine andere Schule, hat kein Geld fuer die Busfahrt.
Drum bun, gute Reise, viel Erfolg und auf ein Wiedersehen.
Da faellt mir ein:
In Dacia bat mich eines
der Kinder der allein erziehenden Mutter ihr 500.000 Lei zu
leihen, die sie mir am naechsten Tag zurueck geben wollte. Ich
lehnte ab, weil ich ein unbehagliches Gefuehl hatte, der Familie
im Monat insgesamt gerade mal 2 Millionen Lei, eher weniger,
zur Verfuegung stehen, und das Argument, sie brauche das Geld
zum Telefonieren, mir zu absonderlich erschien: Warum braucht
eine Taubstumme 500.000 Lei zum Telefonieren? Nun gut, das koennte
auch jemand anderes fuer sie erledigen. Doch wenn ich bedenke,
dass meine rumaenische Sim-Karte mit 5 Dollar Guthaben 250.000
Lei kostet, so ist die geforderte Summe als Telefongeld doch
erheblich. Und wenn sie mir das Geld am naechsten Tag zurueck
geben kann, dann kann sie auch am naechsten Tag telefonieren
gehen. Haette sie mich um Geld fuer Medikamente gebeten, haette
ich mich anders verhalten und Ruecksprache mit der Mutter gehalten.
Eine anderes Erlebnis aus Dacia faellt mir in die Tastatur:
Plumps:
In einem gastlichen Haus
wurde Brot gebacken. Die Frauen, die das Brot formten und erschufen,
gaben einen Laib einer Frau, die mir die Haelfte von dem gab,
was sie geschenkt erhielt und das obwohl sie arm ist und wenig
besitzt. Das Brot mit anderen teilen, liess mich beim Essen
denken: Jemand der wenig hat, aber dennoch gibt, vollbringt
eine unermesslich grosse Tat, die weitaus groesser und gewichtiger
ist, als die Tat eines Millionaers, der Millionen gibt, doch
Millionaer bleibt.
Was mir nicht behagt:
Rohheiten und Respektlosigkeiten
sind alltaeglich, unter den Kindern, wie auch als eingesetzte
"Erziehungsmethode" einiger Mitarbeiter. Mir gefallen
viele Verhaltensweisen, die ich sehe, nicht, und wie sollen
Kinder ihr Verhalten aendern und ihre Konflikte gewaltlos loesen,
wenn die Betreuer bei kindlichem Fehlverhalten nicht das Gespraech
zur Klaerung und zur Vermittlung von Einsicht suchen, sondern
zuweilen in aggressiver Weise Macht ausueben. Derart erwaechst
kein Respekt, sondern wird Angst gesaet, doch nur zu oft ist
die Reaktion der Kinder auch von Gleichgueltigkeit gepraegt.
Die Kinder lernen und erfahren, dass die Kraft des Staerkeren
das Leben des Schwaecheren bestimmt. Letztendlich verhalten
sich die Kinder nicht anders als die Erwachsenen, sie agieren
lediglich auf anderen Ebenen. Wo liegt denn der Unterschied,
wenn sich Kinder untereinander aggressiv verhalten und ich andererseits
sehe, dass ein Mitarbeiter einen Jugendlichen, der vor dem Eingang
raucht kraeftig ! mit einem Stock, einem Besenstiel, auf dem
Arm schlaegt, nicht um ihn am Rauchen zu hindern, wie ich erst
dachte, sondern damit er seine Zigarette hinter dem Haus raucht,
wo ihn keiner sieht. Ich moechte noch andere Situationen benennen,
etwa die, in der ein anderer Mitarbeiter hinter einem Kinde
herlaeuft, es zu Boden wirft und dann seinen beschuhten Fuss
auf des Kindes Kopfe setzt. Auch wenn er mit seinem Schuh keinen
all zu kraefigen Druck ausuebte, so war er eben doch stark genug,
um dem Kind Schmerz zu zu fuegen. Eine Mitarbeiterin reagierte
auf das Verhalten eines Kindes, indem sie versuchte nach dem
Kind zu greifen, es zu fassen zu bekommen, es, so schien es
mir, zu schlagen. Das gefiel mir nicht, doch war ich ueberrascht,
als ich sah, dass das Kind, das sich veraengstigt duckend zu
Boden fluechtete von einer 10-jaehrigen attackiert wurde, die
die Schlaege verteilte, die die Erzieherin zu verteilen suchte.
Die Erzieherin griff nicht ein, liess es geschehen, und mir
s! chien, als gefiele es ihr, dass eine 10-jaehrige als ihr
Handlangerin agierte. Und wenn ein Maedchen, die von anderen
Kindern dominiert wird, und hierarchisch betrachtet unten siedelt,
es ohnehin nicht leicht hat, vieles hinnehmen muss, dazu angehalten
wird auf betoniertem Boden zu knien und die Arme ueber den Kopf
zu heben, so fehlt mir jedes Verstaendnis, zumal wenn mir kein
Fehlverhalten an dem Maedchen aufgefallen ist. Sie hatte wohl
gar Glueck, denn nach 20 Minuten kam der Ruf: La masa, zu Tisch,
und sie konnte aufstehen. Wer weiss, wie lange sie sonst haette
derart noch verharren muessen. Und wenn dann auch noch zugelassen
wird, das ein Junge ihre Wehrlosigkeit ausnutzt, um ihre Jackentaschen
zu durchwuehlen, ist der Bogen nicht nur ueberspannt, sondern
die Sehne laengst gerissen. Und wenn ich sehe, wie ein Kind
abseits der Blicke, ich stand unbemerkt am Fenster und beobachte
aus der Ferne, mehrfach Schlaege mit der flachen Hand auf den
Hinterkopf erhaelt, ein beschuhten Fuss mehrfach kraeftig des
Kindes Hinterteil tritt, des Erziehers H! and des Kindes Kopf
einmal an die hoelzerne Aussenwand drueckt, um es anschliessend
wie ein "Stueck Vieh" mit einer vom Boden aufgelesenen
Rute auf den Ruecken schlagend ins Haus zu treiben, so bin ich
nicht nur verwundert, sondern fuehle mich insbesondere auch
ein wenig hilflos. Doch ueber eines bin ich froh, naemlich,
dass in mir keine Aggressionen aufflammen, die sich gegen den
Betreuer richten. Waere dies der Fall, lebte ich mein Gewaltpotential
gar aus, wo laege dann der Unterschied zwischen mir und einem
Betreuer, der schlaegt. Nein, ich spiele Tischtennis mit ihm,
und das ist gut so.
Letztendlich ist es so:
Die Kinder uebernehmen die Verhaltensweisen der Betreuer, fuehren
lediglich das fort, was sie tagtaeglich erleben und wohl auch
schon anderen Orts erfahren haben. Respekt und Verhaltensaenderungen
werden derart nicht wachsen. Was die Erzieher bemaengeln, das
die Kinder respektlos sind, untereinander, wie auch ihnen gegenueber,
koennen sie doch nicht ernsthaft erwarten durch ihre Verhaltensweisen
und "Erziehungsmethoden" zu erzielen. Die Kinder sollen
in erster Linie eines: Sie sollen funktionieren, nicht stoeren
und keinen Aerger bereiten. Es ist ein alter Hut, der doch erstaunlicher
Weise immer wieder passt: Es bildet sich ein Kreislauf aus,
indem immer wiederkehrende Verhaltensweisen zu immer wieder
den gleichen Situationen fuehren, die immer wieder versucht
werden nach dem gleichen Mustern zu loesen und immer wieder
die gleichen Reaktionen bewirken, weil die Struktur verinnerlicht
ist, man sich daran gewoehnt hat, gar nichts anderes will, Verhalten!
sweisen nicht hinterfragt werden und wohl nicht einmal bemerkt
wird, dass man sich bestaendig im Kreise dreht. Mir wird allein
vom Zuschauen schon schwindelig.
Ich will nicht einseitig belichten,
daher schreibe ich auch,
dass die gleichen Erzieher, deren Handlungsweisen mir nicht
behagen, auch andere Seiten haben, die Kindern in den Arm nehmen,
mit ihnen reden, lachen und scherzen oder Fussball spielen.
Was mir auffaellt, doch nicht gefaellt:
Wenn die Kinder dazu
angehalten werden zu einer gewissen Zeit ins Bett zu gehen,
finde ich dies gaenzlich berechtigt. Was ich nicht verstehe,
obwohl ich es mir erklaeren kann, ist der Umstand, dass eine
17-jaehrige zu Bett geschickt wird, aber eine 10-jaehrige weiter
auf der Couch vor dem Fernseher liegen darf. Diese Vorgehensweise
mag alles moegliche sein, eines jedoch sicher nicht, eine konsequente
Handlung, die durchschaubar ist und an der man sich orientieren
kann. Und das faellt mir immer wieder auf: Die Kinder werden
nicht gleich behandelt. Der eine darf mehr, der andere weniger,
der einen laesst man etwas durchgehen, wofuer die andere geruegt
wird und so weiter und auch so fort. Ebenso gefaellt mir nicht,
dass Mitarbeiter daneben stehen, nicht eingreifen, wenn Kinder
untereinander in Streit geraten, sich treten oder schlagen,
insbesondere dann, wenn das Kraefteverhaeltnis der Streitenden
voellig unausgewogen ist, so etwa, wenn ein Maedchen von einem
Jugendlichen, dess! en Augen mich frieren liessen, Gaensehaut,
geschlagen wird. Die Kleine ist sicher kein Laemmchen, eher
ein Wildfang, hat eine ausgepraegt starke Persoenlichkeit und
und auch eine derartige Willenskraft, und ich bin immer einmal
wieder erstaunt, wenn sie so manchen aelteren Jungen vertreibt
oder es zustande bringt ein weitaus aelteres Maedchen, die sich
nicht zu wehren weiss, zu schlagen und zum Weinen zu bringen.
Doch wenn ich sehe, dass die Kleine die Schlaege des Jungen
wehrlos hinnimmt, einfach nur dasteht und sich ohrfeigen laesst,
mit den Traenen ringend, wissend, sie hat es gelernt, dass jede
Gegenwehr zu noch mehr Schlaegen fuehrt, dann kann man doch
nicht die Situation betrachtend daneben stehen und zulassen,
dass der Junge gar noch ein anderes Maedchen zum Weinen bringt.
Und wenn nicht eingegriffen wird, so ist es doch bedauerlich,
dass die Kinder im Anschluss auch keinen Trost erfahren. Letztendlich
ist all dies hier eine Alltaeglichkeit, und sowohl die Betreuer,
! als auch die Kinder, haben diesbezuegliche Gewohnheitsmuster
ausgebildet.
Was ich versuche fuer mich zu klaeren:
Ich bin mir bewusst,
dass ich hier weder die Menschen noch die Struktur veraendern
kann; dafuer bin ich zu kurz hier und bin zudem nur Praktikant.
Wohl aber kann ich wirken, andere Verhaltensweisen als Angebot
unterbreiten und Akzente setzen. Doch sehe ich auch klar, dass
ich in der hier vorgefundenen Struktur agieren muss, und die
Gewohnheiten und Muster, die sich hier ausgebildet haben, beeinflussen
auch mich. Habe ich anfaenglich durch beschwichtigende Gesten
und ruhige Woerte versucht Situationen zu klaeren, fruchtlos,
sind die Kinder doch ganz anderes gewohnt, so erlebe ich mich
in nun bei manchen Vorkommnissen weitaus energischer agierend,
nicht weil es mir gefiele, ich ueberrasche mich zuweilen selbst,
sondern weil ein beherztes und tatkraeftiges Eingreifen dienlich
und angemessen erscheint. Dabei entging es mir durchaus nicht,
dass mein veraendertes Verhalten einige Kinder zu ueberraschen
wusste. Ich habe gelernt, dass ich zuweilen neben Sprache, Mimik
und Gestik auc! h meine Koerperlichkeit einsetzen muss, um Wirksamkeit
zu erzielen. Das bedeutet sicher nicht, dass ich Kinder schlage,
doch laesst es sich nicht vermeiden, mich ab und an energisch
einzumischen, mich dazwischen zu draengen, ein Kind kraeftig
fest zu halten oder ein anderes fort zu schieben, um die Situation
zu entschaerfen oder zu bremsen.
Leider bin ich sprachlich
nicht in der Lage mit den Kindern deren Verhaltensweisen zu
besprechen, kann Konflikte nicht thematisieren, nach Loesungen
suchen, um mich um Ausgleich und Klarheit zu bemuehen, auch
wenn ich mir bewusst bin, dass die Kinder von derartigen Loesungsversuchen
nicht sonderlich viel halten und ihre erlernten Verhaltensweisen
und Gewohnheiten nicht so schnell aufgeben werden.
Was mir an mangelnden Sprachkenntnissen positiv auffaellt:
In lerne in Augen und
Gesichtern zu lesen. Manchmal denke ich, dass Augen mehr mitzuteilen
haben als Worte, die aus Muendern fliessen. Augen sprechen ohne
Worte: Ich bin lebensfroh und spruehe Funken, ich bin traurig,
ich bin zornig, ich bin neugierig, nimm dich in Acht vor mir,
ich wurde verletzt, ich bin ungluecklich, ich bin erloschen,
ich bin froehlich, ich bin sehnsuechtig, ich bin vertraeumt,
ich begehre Aufmerksamkeit, ich lache, ich berge ein Geheimnis,
ich bin spoettisch, ich bin tief, ich bin schuechtern und verlegen
... Eine schoene und wichtige Lektion.
Was mir gerade durch den Kopf geht:
Wer die selbe Sprache
spricht, sollte nicht dem Schein erliegen zu glauben, dass er
verstanden wird oder den anderen versteht. Und wer glaubt den
anderen zu kennen, sollte sich selbst erst einmal von Grund
auf klaeren und kennenlernen. Zudem ist es doch so, dass ich
all das, was ich bei anderen zu erkennen vermag auch in mir
selbst, in welcher Auspraegung und Staerke auch immer, finden
kann. Wie waere es mit: Man sollte nicht vor sich selbst erblinden,
sondern in sich blickend ueber die Bruecke des eigenen Wesens
gehend Zugang zu anderen finden. Natuerlich kann ich auch in
und durch die Betrachtung anderer mich selbst erfahren, und
sei es nur ueber die Klaerung der Art und Weise in der ich mir
eine Meinung bilde, wie das Verhalten anderer auf mich wirkt
und welche Reaktion sich aus welcher Ursaechlichkeit aus mir
heraus loest. Worum es geht ist klar: Achtsamkeit schenkt Wachstum,
und sich zu entwickeln, ist kein Schade.
Was mir an den Kindern und Jugendlichen gefaellt:
Sie sind wissbegierig,
offen, voll Lebensdrang, gehen auf mich zu, auf mich ein, setzen
sich zu mir, reichen mir die Hand und legen ihren Arm um meine
Schulter. Ich finde es schoen, dass einige Groessere Verantwortung
uebernehmen, und sich der Kleineren annehmen. Zudem sind die
Kinder sehr oft zusammen ohne in Streit zu geraten und abends
vor dem Fernseher kuscheln sich die Maedchen untereinander aneinander
an. Vielleicht wuerden sie auch mit den Jungen schmusen, doch
wohnen diese von den Maedchen getrennt in der Cabana de boiati.
Mir gefaellt es sehr, dass die Kinder viel singen und lachen.
Sie lieben Manele, Musik und Tanzen und wenn sie einen Garten
anlegen und graben, sind sie voller Tatendrang, auch wenn sie
um die Spaten ringend in Streit geraten. Mir gefaellt es sogar
zuweilen, wenn die wilden Jungs auf Spaziergaengen wilde Hirtenhunde
mit Stocken und Steinen vertreiben, zum Schutze des eigenen
Leibe, so will mir scheinen, doch manchmal werfen sie die Steine
leider au! ch nur so zum Spass. Sie pfluecken gerne Blumen am
Wegesrand, um sie zu verschenken, doch oftmals werfen sie diese,
kaum gepflueckt, auch einfach wieder weg. Und ich muss lachen,
wenn sie versuchen Esel zu fangen und diese ueber Wiesen treiben.
Was ich mache, wenn mich eine 12-jaehrige fragt, ob ich Zigaretten
habe:
Ich gebe ihr einen Apfel.
Wo ich versuche mich nicht einbinden zu lassen:
Hier im Heim haben sich
die Kollegen in mindestens zwei Lager gespalten. Ein Teil der
Kollegen mag den anderen nicht und sie verkehren auch nicht
miteinander, sondern versuchen sich so gut es geht zu entgehen,
den Blick nicht aufzunehmen und nach Moeglichkeit zu ignorieren.
Auch wenn ich den Grund verstehe, they have been explained in
english, sie argumentieren, dass die andere Seite ihre Aufgaben
nicht in der Art erledigt, die das Wohl der Kinder foerdert,
dem Wohl der Kinder entspricht, ach nein, so sprachen sie nicht,
schade, sondern: fuer die sie bezahlt werden. Sonderbarerweise
ignorieren sie auch die, die ihrer Arbeit nachgehen, nur weil
sie der anderen Gruppe angehoeren. Nun gut, der Konflikt sitzt
wohl doch ein wenig tiefer, aber ich bin kein Supervisor, sondern
lediglich ein Freiwilliger, der sich ein wenig umblickt und
Verstaendnis um des Verstehens willen zu begruenden. Es ist
sicher nicht von der Hand zu weisen, dass viele Kollegen nicht
unbedingt den Fleiss gepa! chtet haben. Doch der Mangel an Fleiss
ist sicherlich kein Argument dafuer, Gespraeche zu verweigern
oder die Kollegen zu meiden oder Intrigen zu schmieden, schon
gar nicht, wenn mir Verhaltensweisen an den Kritikern der Arbeitsmoral
auffielen, die mir an ihrer Arbeitsweise und -auffassung nicht
gefielen. Festzuhalten gilt ohnedies, dass die meisten Kinder
4 Stunden vormittags und 2 Stunden nachmittags die Schule besuchen,
und in dieser Zeit fuer alle Mitarbeiter, auch fuer mich, Freiraeume
entstehen. Ich glaube, dass es wohl nicht einmal unbedingt schlecht
ist, dass einige Mitarbeiter sich wenig um die Kinder kuemmern
und ihre Zeit absitzen, weil es mir doch ein wenig Sorge bereitete,
so alle Mitarbeiter ihrer Arbeit vollstaendig nachgingen. Sie
moegen als Menschen nett und sympathisch sein, aber fuer eine
paedagogische Taetigkeit sind wohl nicht alle immer gaenzlich
geeignet. Imi pare rau. Tut mir leid. Gut, sie sind nicht fuer
die Taetigkeit ausgebildet worden, das sehe ! ich ein, und sie
werden auch schlecht bezahlt, ganz klar, doch leider entspricht
ihre Persoenlichkeit sowie ihre Interessenslagen nicht unbedingt
den Erfordernissen paedagogischen Schaffens. Ich vermag die
Kollegen durchaus ein wenig zu verstehen und kann gar nachvollziehen,
dass jedes Kind, das an ihre Tuere klopft, eine Stoerung ist.
Eigentlich bedauere ich sie, denn sie muessen tagtaeglich einer
Arbeit nachgehen, das geht vielen Menschen vieler Orts so, zu
der sie keine Lust verspueren. Und vielleicht wissen sie nicht
einmal, welche Taetigkeit ihnen zur Freude gereichte, weil sie
nicht erfahren haben, welche Begabungen sie in sich tragen.
Doch eines sehe ich auch ganz klar: Viele Menschen haben nicht
die freie Wahl, nehmen die Arbeit an, die sich ihnen bietet,
und noch eine zweite, denn eine Taetigkeit allein reicht in
Rumaenien oftmals nicht, weil die Familie versorgt und ernaehrt
sein will. Und in Rumaenien ohne Einkommen zu leben, ist fuer
wahr nicht leicht, sondern sicherlich schwer, weil die staatliche
soziale Absicherung ganz und gar ! nicht der entspricht, die
ich aus meinem Heimatland kenne. Doch obwohl die Menschen hier
viel aermer sind, jammern sie nicht so viel, wie es einigen
Deutschen zu eigen ist. Das finde ich sehr angenehm, jammern
in Deutschland doch selbst diejenigen, die ein Haus und ein
Auto besitzen und zweimal im Jahr in Urlaub fliegen. Auch in
Deutschland gibt es Armut, keine Frage, doch die Armut hier
siedelt in einer anderen Dimension.
Wo ich die Ursaechlichkeit des Konfliktes vermute:
Der Mitarbeiterkonflikt
wirft noch eine andere Frage auf, naemlich, wie es ueberhaupt
moeglich ist, dass Mitarbeiter die Gelegenheit erhalten, ihre
Zeit nach Gutduenken zu gestalten und fuer eine Taetigkeit eingestellt
werden, fuer die sie nicht geeingnet sind. Die Antwort auf diese
Frage kann nicht ich geben, faellt der Heimleitung zu, zumindest
in der Frage der Arbeitsgestaltung, wer fuer die Einstellungen
zustaendig ist, weiss ich nicht. Die Aufgabenstellung der Leitung
umfasst, so sehe es ich, hier mag ein anderes Verstaendnis herrschen,
unter anderem die Fuehrung und Foerderung der Mitarbeiter, das
umfasst auch die Formulierung, Klaerung und Festschreibung von
Verhaltensweisen, die den Umgang mit den Kindern regeln, sowie
die Personal- und Organisationsentwicklung. Wuerde die Heimleitung
ihre Aufgabe derart definieren, so waere der von mir wahrgenommene
Mitarbeiterkonflikt in der Art gar nicht erst entstanden, weil
dem Konflikt der Boden fehlte, auf dem wachsen kann. D! er Konflikt
unter den Mitarbeitern kann nur entstehen, weil die Heimleitung
ihre Fuehrungsaufgabe in einer anderen Weise definiert, und
sie traegt auch nicht zur Loesung des Konfliktes bei, weiss
vielleicht nicht einmal, dass ueberhaupt ein Konflikt besteht.
Noch eines:
Ich verstehe zwar sehr
wenig, doch eines sicherlich, hier ist es wie an so vielen anderen
Arbeitsplaetzen wohl ueberall auf der Welt: Der interne Tratsch
ist erheblich. Und ich bin mir sicher, dass ich auf die eine
und auch auf die andere Art darin verwoben bin. Ich bin zwar
in einem fremden Land, und die Menschen haben hier eigenstaendige
Lebensweisen, doch sehe ich eher die Gemeinsamkeiten, insbesondere
die Mechanismen die Menschen bewirken und die ihre Handlungsweisen
bestimmen, und die sind mir weder fremd noch neu noch haben
sie mich zu ueberraschen gewusst; weder hier in Bradet, noch
in Dacia und auch nicht in Brasov.
Was mir wichtig ist:
Gleichmut und Gelassenheit,
das hat nichts mit Gleichgueltigkeit zu tun, sind ein Segen.
Ich nehme nicht das, was kommt, sondern das, was ist und auch
so wie es sich gibt, was nicht heisst, nicht zu versuchen Veraenderungen
anzustreben und umzusetzten, was jedoch nicht bedeutet, Erwartungen
auszubilden, weil diese nur zu leicht zu Enttaeuschungen fuehren,
die schlicht und ergreifend vermeidbar und ueberfluessig sind.
Alles andere ist Energieverschwendung, insbesondere wenn man
sich in unnuetzen Handlungen, ueberfluessigen Gedanken und ungeklaerten
Gefuehlen verstrickt und gefesselt darin windet.
Was mir schmeichelt . . .
. . . ist der Umstand,
dass ich als aeltester Praktikant Rumaeniens, ich bin 39, treizece
si noua, mehrfach um bis zu 10 Jahre juenger geschaetzt wurde.
Das ist sicher uebertrieben, doch, ich habe gerade nachrechnen
muessen, komme ich mir auch nicht wie 39 vor, bin ich doch irgendwie
- die Zeit los.
Zur Zeit . . .
gilt es zu schreiben,
dass ich mein Zeitgefuehl verloren habe. Doch das hat nicht
so viel mit meinem Aufenthalt hier, sondern mit mir und dem,
was ich fuer mich, bevor ich hier her kam, geklaert habe, zu
tun und das gehoert nicht hier her.
Was ist ein Tag? Zi.
Was ist eine Woche? Saptamana. Was ist ein Monat? Luna.
Ansonsten: Keine Ahnung.
Es gibt weder Anfang noch Ende.
Was ich noch kurz berichten wollte:
Sei vorsichtig, wenn
du mit einem Kollegen und dem Taxifahrer das Nachtleben erkundest,
auch wenn du danach neuwertige Markensportschuhe an den Fuessen
traegst.
Bei wem ich mich bedanken moechte:
Ach, am Besten bei allen,
dann fuehlt sich keiner ausgeschlossen, doch insbesondere bei
Franziska, die mir den Einstieg hier sehr erleichtert hat, bei
Ramonas Cousin, der mich in Brasov begleitete und mir half ein
Gesundheitszeugnis zu erhalten und bei Michael, der mich in
seinem Hause in Dacia wohnen liess. Multumesc und vielen Dank.
So, das moege als erster Eindruck genuegen: 3 Wochen im Schnelldurchlauf.
Gata. Fertig. Raumschiff an Erde: Ende.
Jens Steinberger im Mai des Jahres 2006. Bradet. Rumaenien.
Erde an Raumschiff: Ich haette da noch etwas nachzutragen:
PS: Ich habe den Text auf dem Computer hier in Bradet geschrieben,
englische Tastatur, auf der die Zeichen fehlen, die die rumaenischen
Worter in richtiger Schreibweise darstellen. Sonderbar, wie
sollen die Kinder hier schreiben, wenn ihnen die Buchstaben
fehlen. Doch haben sie ohnehin eine Vorliebe fuer die installierten
Spiele.
PPS: So jetzt ist es
wieder Zeit zum Essen zu gehen. Hier wird staendig gegessen
und man hat auch bestaendig Hunger. Das haengt wohl auch mit
der frischer Luft zusammen, liegt Bradet doch am Rande der Karpaten,
vielleicht 600 Meter hoch gelegen, von huegeligen Bergwaeldern,
und von einer schneebedeckten Kuppen in Sichtweite, umgeben.
Natuerlich gibt es Fleisch, wie so oft, doch auch etwas anderes.
Die Suppen sind hier sehr lecker, auch wenn manche Kinder dies
anders schmecken und ciorba de cartofi, Kartoffelsuppe und mazare,
Erbsen, iihh, auch noch ganz matschig und weich gekocht, ich
mag es, da scheidet sich auch das Personal von mir, nicht immer
ihre Geschmaecker trifft. Die Kinder gewoehnen sich sehr schnell
an vieles, das geht mir ebenso, doch finde ich es wichtig mir
klar zu machen, dass anderen Orts in diesem Land viele Menschen
nicht so gut versorgt sind. Und so schreibe ich: Speis und Trank
sind ein Segen.
PPPS: Einges von dem,
was ich beschrieb, hat sich gewandelt, verhaelt sich nicht mehr
so oder sehe ich mittlerweile anders, was jedoch nicht zu verwundern
weiss, ist doch alles im Fluss und hat doch nichts Bestand.
Und so schreibe ich:
Eine Momentaufnahme ist
just in dem Augenblick vergangen, in dem das Blitzlicht erlischt
und die Schrift schweigt.
Wollen wir uns begegnen: JensSteinberger@web.de
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