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Short Cuts oder Schnappschuesse oder Blitzlichter oder Daumenkino
Ein aktueller Bericht von Jens Steinberger / Mai 2006

Was ich richtig stellen moechte:Im Maerz Newsletter des Vereins fand Erwaehnung, ich sei fuer den Verein, es hiess "fuer uns", in Bradet taetig. Tut mir leid, aber das bin ich nicht. Ich arbeite fuer und mit den Kindern hier vor Ort, und vor allem, ich bin ein Egoist, fuer mich. Zudem haette mir ein "mit uns", geht es dem Verein doch um Begegnung und ein Miteinander, viel besser gefallen und waere wohl auch in des Wortes Wahl trefflicher formuliert gewesen. Vielleicht denke ich auch lediglich zu kurz und das "fuer uns" bezieht sich auf die gesamte Menschheit und das Leben an sich. Das waere doch in der Tat, insbesondere wenn die Tat als Handlung im Leben zum Wohle desgleichen wirkt, schoen.

Vereinnahmend empfinde ich im selbigen Newsletter die Erwaehnung der Verlaengerung des Aufenthalts von Bille in Dacia. Bille blieb, weil es ihrer eigenen Aktivitaet entsprang. Es ist doch so, dass die gewaehlte Formulierung nur zu leicht den Eindruck vermittelt oder dieser entstehen kann, als sei ihr weitergehendes Engagement des Vereines Verdienst; doch das ist er nicht, sondern einzig und alleine der Ihre. Ich erwaehne dies ohnehin nur, weil sich Bille waehrend ihrer Praktikumszeit vom Verein allein gelassen fuehlte, und daher kann es doch auch nicht verwundern, dass sie es nun mehr war, die den Verein alleine liess und eigene Wege ging. Das ist doch ein logischer Schluss, oder?


Nur zur Klaerung:

Ich habe nichts gegen den Verein, das will ich deutlich schreiben, aber eine Meinung und sogar noch eine zweite, naemlich meine und zudem bin ich eigen, insbesondere, wenn die Schrift in Worten fliessend Ausdruck findet, um in Verstaendnis zu muenden. Bin ich zu verstehen? Wenn nicht, finde ich dies nicht schlimm, schreibe ich ohnehin, ich erwaehnte es bereits, ich bin ein Egoist, nur fuer mich und fuer niemanden sonst und auch das Copyright zu diesem Text gehoert natuerlich mir, ich bin ein Freund des Urheberrechts, und nicht dem Verein, der es, wie gesehen, fuer sich in Anspruch nimmt, indem er seinen Namen unter die Berichte der Praktikanten setzt.


Was ungluecklich verlief, sich wohl aber noch zum Gluecke wendet:

Ich legte waehrend meines 3-woechigen Aufenthalt in Dacia, ich wartete auf die behoerdliche Genehmigung des zustaendigen Inspektorats, um mein Praktikum in Bradet beginnen zu koennen und auf die Rueckkehr der hiesigen Vereinskoordinatorin, die sich fuer eine kurze Weile in Deutschland aufhielt, fuer eine dort wohnende allein erziehende Mutter mit mehreren Kindern zwei Gemuesebeete an, was bei nassem lehmigem Grund nicht so ganz einfach, eher schwer, greu, war. Ja. Ja. Ja. Da. Da. Da.

Die Frau versorgte mich in der Zeit mit Essen, vielen Dank, doch traf es dennoch nicht so ganz meinen Geschmack, nicht weil es mir nicht schmeckte, nein, foarte gustoasa, hm lecker, sondern weil sie mir von dem gab, was sie nur spaerlich besitzt. Gastfreundschaft ist eine Tugend und das Essen abzulehnen, waere unhoeflich gewesen. Jedoch wies ich das Fleisch guten Herzens zurueck. Ich esse kein Fleisch. Nu mananc carne. Ich bin Vegetarier. Nu carne? fragte die Frau irritiert. Na dann, pofte buna, guten Appetit.

Worum es mir eigentlich geht: Ich fand es bedauerlich, nein, es war mir peinlich, wusste zudem nicht, wie ich es erklaeren sollte, die rumaenische Sprache ist schwer, verstand es ohnehin selbst nicht, dass ich den Schluessel, der den Zugang zum Hof und zu den Beeten ermoeglicht, nicht der Mutter, die bereits vielerlei Samen gekauft hatte und nunmehr die Saat ausbringen wollte, geben konnte, sondern der Vereinskoordinatorin, die anderen Orts wohnt, uebergeben musste. Nun ist es so: Die Frau hat Samen und Gemuesebeete, aber kann nicht saeen.


Was ich damals dachte:

Scuza, aber: Nu inteleg. Ich nix verstehen. Was soll das? Mir fehlt der logische Schluss. Wie waere es mit dem: Gottes Garten hat ein Schloss und ein Zaun steht rings herum.


Wie ich heute darueber denke:

Ich glaube, ich hoffe es sehr, die Koordinatorin hat meine SMS nicht so verstanden, wie ich dachte mich verstaendlich gemacht zu haben; schrieb ich doch ueber den Schluessel zum Tor, Torschluessel, und nahm sie in ihrer Antwort Bezug auf den Schluessel zur Tuer, Tuerschluessel. Der Unterschied liegt nur in einem Buchstaben, doch die Bedeutung wandelt sich um ein vielfaches, ist der Tuerschluessel doch ein Schluessel mit dem sich des Hauses Pforte oeffnen laesst und eroeffnet des Tores Schluessel doch die Moeglichkeit Zugang zum Grundstueck zu finden. Nu problema, Verstaendigungsschwierigkeiten bin ich gewohnt; geht es mir doch hier bestaendig so. Doch es findet alles ein gutes Ende, so moege es sein, denn die Frau wird im Mai ihr Feld bestellen koennen und die Saat ausbringen, denn zu dieser Zeit ist jemand vor Ort. Ein Glueck.


Was mir ein wenig Angst bereitet:

Die Frauen der Kueche des Heimes gaben mir zu verstehen, dass sie mich maesten wollen. Sie zeigten mir dicke Backen und einen kugelrunden Bauch und beanstandeten meine duennen Beine. Ich wuensche ihnen viel Glueck, doch wird es ihnen nicht gelingen mich speckhaft zu bilden, da bin ich mir gewiss. Auch wenn die Koepfe der Kuechenfrauen sich wackelnd schuetteln und sich Falten auf ihrer Stirne bilden, mein Gott, er isst kein Fleisch: Pofte buna.


Was ich falsch gemacht habe:

Gehe nicht mit 11 Kindern und Jugendlichen zum nahe gelegenen Stausee, denn dies sind eindeutig zu viele, insbesondere, wenn du deren Sprache nicht sprichst, du dir ihre Namen nicht merken kannst und erst seit vier Tagen in einem Heim und einer Scoala Speciala, also einer Schule fuer Kinder mit besonderem Foerderungsbedarf, in einem fremden Land arbeitest und du der Verantwortung fuer das Wohl deiner Schuetzlinge gerecht werden willst.

Das rumaenische Kinder im April baden gehen, vermochte mich nicht zu verwundern, auch nicht, dass einige ihre Kleidung anbehielten, und auch nicht, dass einige danach zu frieren begannen, weil die Sonne in Wolken tauchend die Haut nicht waermend umfing. Ich gestehe: Das einige Kinder froren, fand ich gut, denn das ist doch sehr erfahrungsreich und auch eine lehrreiche Lektion. Aber, das ist wichtig, die Kinder sollen ja nicht krank werden, blieben wir ohnehin nur kurz.


Zum Verstaendnis:

Wenn die Sonne hier durchbricht, ist es bruetend heiss - suedlaendische Hitze. Mein Nase faerbt sich bereits jetzt rot und ich glaube, wenn der Sommer beginnt, stehen die Chancen gut, dass ich zum Indianer werde.

Intelege - Verb endet auf e, dann muesste es heissen: Intelegi : Verstehst du?, doch das i am Ende, ich krieg 'ne Krise, nicht wirklich, spricht man nicht mit oder doch oder was weiss denn ich: Intelegi? Verstehst du? Es ist ganz leicht: Die Haut faerbt sich rot: Haut - rot - rot heisst rosu:

Winnetou?

Da!


Was haben die Kinder gelernt?

Vielleicht: Wasser im April ist kalt. Nein, sie werden bei der naechsten Gelegenheit wieder versuchen baden zu gehen. Da bin ich mir gewiss. Sie fragten ohnehin nach dem naechsten Ausflug.

Bestimmt: Jens oder Hens oder Hans oder Ens, oder wie auch immer sie meinen Namen aussprechen, wenn sie ihn schreiben, heisse ich Ents, das Handspiel beim Fussball, joc fotbal, ich spiele Fussball, jucam, wir spielen, viel, heisst fast so wie ich, natuerlich in Abhaengigkeit der Aussprache meines Namens, ruft man ihn mir lauthals im Spiele zu, so kann dies zu Irritationen und zur Einforderung eines Freistosses fuehren, unberechtigt natuerlich, die Hand spielt nur mit der Schrift, hat aber nicht den Ball beruehrt, der heisst uebrigens minge, ist hier weiblichen Geschlechts, sehr begehrt, prall gefuellt und wird staendig mit Fuessen getreten, was sie nicht stoert und auch nicht daran hindert, sich ab und an einmal zaertlich an den Kopf eines Jungen zu schmiegen, doch ist sie nicht treu, springt mal hier und huepft mal dort, was wollte ich eigentlich schreiben, warum bin ich nur so geschwaetzig, warum schwirren mir Woerter um die Ohren, nein, um die Finger, ach, geschwaetzig, e! in gutes Stichwort, was die Kinder lernten, als sie mich bestaendig und ohne Unterlass mit einem Wortschwall uebergossen: Jens oder Hens oder Hans oder Ens laesst sich beschwatzen; man muss es nur lange genug und munter drauf los versuchen.

Doch ihre Argumente waren auch gut, zumindest eines: Es war der letzte Ferientag. So nahm ich anstatt 5 Kindern, wie geplant, 11 mit mir. Es waeren auch nur 10 gewesen, waere nicht ein Kind, es heulte am Tor, es durfte nicht mit, du armes Kind, hinzugekommen, nicht weil ich es mitnahm, nein, ich liess es zurueck, sondern weil der Pfoertner meinte, es mir hinterher schicken zu muessen. Vielleicht liess er sich erweichen, vielleicht stoerte ihn auch das Weinen. Ich weiss es nicht, doch sicher eines: Intelegi? Da. Da. Da. Das habe ich sehr schnell gelernt, und so ist es in der Tat: Irgendwie macht hier jeder was er will, und so mache es nun auch ich.

Worin ich meine Aufgabe sehe:

Anfaenglich genuegt es wohl, einfach nur da zu sein, bei den Kindern zu sein, ein wenig zu spielen, ein wenig zu albern und ihrem Beduerfnis nach Zuwendung und koerperlicher Naehe zu entsprechen. Falls ich die Sprache jemals lerne, koennen Aufgaben neu entstehen und andere sich wandeln.


Was mich nicht zu ueberraschen wusste, ich aber dennoch interessant finde,

ist der Umstand, wie schnell es sich vollzogen hat, dass ich einige Kinder, unverstaendlich bei manchen mir der Grund, besonders mag oder beginne ins Herz zu schliessen, auch wenn ich mich nicht an mein Gefuehl binde, mich nicht fesseln lasse, weil ich in wenigen Monaten nicht mehr hier bin. Da gibt den 12-jaehrigen Frechdachs, dessen schelmiges Laecheln mich anspricht und dessen Augen ebenso schelmig grinsen. Er hat es faustdick hinter den Ohren, aber letztendlich trifft dies hier auf die meisten Kinder zu, doch liegt seine Staerke darin, seinen Schalk sympathisch zu vermitteln, was nicht bedeutet, dass er, ich verstehe nicht alles, doch was ich verstehe, ist schon genug, wie ein Rohrspatz flucht und schimpft.

Da gibt es ein Maedchen, das ich besonders mag, weil sie nicht so Vorlaut und frech ist, weil sie eher schuechtern und zurueckhaltend und eine Aussenseiterin ist, eine melancholische Tiefe in den Augen spiegelt und ein sanftes Wesen an mein Herze klopft. Jetzt klopft sie gerade an die Tuer, die ich im Gegensatz zu meinem Herzen verschlossen halte, weil es mir wichtig ist, immer einmal wieder Raum fuer mich zu finden. Das Beduerfnis des Maedchens nach Aufmerksamkeit, Waerme und Zuwendung stellt sie zuweilen, sie ist es nicht anders gewohnt, in einer ausgeschrieben fordernden, gar rohen Weise, an mich. So zupft sie kraeftig an meiner Nase oder zieht an meinen Ohren, traktiert mein Bein mit ihrer Zahnbuerste, tut mir weh, so als wenn sie nicht begreife, es nicht gelernt und erfahren hat, Aufmerksamkeit und Naehe auch in einer anderen Weise zu gewinnen. Doch gefaellt es mir, wohl auch ihr, wenn sie vor sich hin traeumend meine Streicheleinheiten geniesst. Ich will es einmal so b! eschreiben: Die Kleine gleicht einem ausgetrockneten Schwamm, der sproede kratzend Liebe sehnt, und bin ich ganz still und leise, lauschend, so will mir scheinen, als hoerte ich die Worte, tief aus ihrem Innersten dringend: "Mi-e sete. Ich habe Durst." Ich liebe es, wenn des Herzens Klang des Satzes Wort gefuehlvoll wiegt. Weiter geht's. Ab und an weise ich sie zurueck, was sie zum Schmollen bringt und auch dazu bewegt, mich zu ignorieren, mir aber immer auch so erscheint, ich kann ihr Verhalten nicht anders deuten, als sei sie Zurueckweisungen gewohnt. Aber ich habe nicht ausschliesslich Zeit fuer sie, gibt es hier doch ueber 100 Kinder und Jugendliche und ich habe weniger Haende am Leibe als Kinder, die darum ringen. Zudem scheint meine rechte Hand attraktiver, denn meine Linke. Ich weiss nicht, woran das liegt. Und es ist doch auch so: Schenke ich der Kleinen zuviel Aufmerksamkeit, gibt es Kinder die eifersuechtig reagierend nach ihr treten, gar in den Ruecken, oder sie ! schlagen und das obwohl, oder weil, ich direkt daneben stehe. Zumindest war es anfaenglich so, doch bin ich nunmehr froh, dass sich die Wogen langsam glaettend beruhigen.

Da gibt es einen 17-jaehrigen, dessen Entwicklungsreife erst kuerzlich den 13. Geburtstag feierte, Felicitari!, Herzlichen Glueckwunsch, der mich immer wieder in Erstaunen zu versetzen weiss, wenn er seinem unbaendigen Bewegungsdrang Folge leistet. Steine, Baumstaemme, Treckerreifen - alles, was er findet, setzt er in Bewegung und wenn er eine Eidechse sieht, dann geht es mit ihm durch und er ist weder zu halten noch zu bremsen. Manchmal habe ich das Gefuehl als verloere alles andere in diesem Augenblick fuer ihn an Bedeutung, gaebe es nur noch ihn und dieses eine Tier - und sonst nichts. Er verhaelt sich in einer Art, die ich sonst eher von kleineren Kindern kenne, denen es gelingt, mich erinnert das immer an meditative Versenkungsuebungen, ganz tief im Spiel zu versinken, denen es zuweilen sogar zu eigen ist, das Spiel selbst zu sein. Was mir nicht gefaellt, ist der Umstand, dass er keinen Respekt dem Tiere, einem Lebewesen, gegenueber zeigt, das er zu fangen sucht, so wie! es auch den anderen Kindern zu oft daran mangelt. Ich bin immer wieder froh, wenn ihm eines der Tiere entwischt. Den letzten Molch, den er fing, hat er mit einem Stein erschlagen. Wie unnuetz das doch ist. Einem anderen Molch konnte ich das Leben retten, ist jedes Leben, ob Mensch, Pflanze oder Tier, doch des Schutzes wert.


Ein kurzer Abstecher:

Ich finde es schade, dass den Kindern, woher soll es auch kommen, sie haben es nicht erfahren und gelernt, die Bewahrung dessen, was sie naturhaft schoen umgibt, worin sie sich gerne bewegen, tollen und spielen, auch wertvoll und schuetzendwert erleben. Ich sprach darueber mit einem Kollegen, der naturnahe Projekte plant, in denen die Kinder lernen sollen gemeinsam und zusammen zu arbeiten, dabei auch koerperlich aktiv werden und auch Gelegenheit erhalten, die Fruechte ihrer Arbeit vor Augen zu haben, um zu sehen und zu erleben, was sie erschufen. Der Kollege teilte meine Meinung, weitete im Anschluss die Thematik, betrachtete das industriell aufstrebende Rumaenien, und wies auf die damit verbundene Gefaehrdung der Zerstoerung der Umwelt hin, weil Unternehmensinteressen, insbesondere die Gewinnmaximierung, eine groessere Bedeutung beigemessen wird als oekologischen Faktoren, also der Bewahrung des Lebens und der Lebensgrundlage. Gleichgewicht zu wahren, der Waage Schale nich! t einseitig zu beladen, erscheint mir wichtig und sinnvoll. Und gab es nicht schon vor Jahren in Baia Mare eine Umweltkatastrophe, ein australischer Konzern baut dort Gold mittels Quecksilber ab, ob sie das in ihrem Heimatland wohl duerften?, sicherlich nur unter strengeren Auflagen, als das Haltebecken brach und eine giftige Schwemme sich in den nahe liegenden Fluss ergoss, nach Ungarn floss, und alles Leben darin und darum nachhaltig schaedigte.


Zurueck zu dem Jungen:

Was mir besonders gut an ihm gefaellt, ist sein lebensfrohes Wesen und gerade auch der Umstand, dass er sich seine kindliche Unbefangenheit bewahrte, zu der sich Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit gesellt, und vor allem das riesige Energiepotential aus dem er schoepft; ein unglaublicher Quell. Doch leider gelingt es ihm nicht, seine Kraefte zu kanalisieren, sie in andere Bahnen zu lenken, um sie fuer anderes nutzbar zu machen, was auch darin begruendet liegt, dass er nicht ueber laengere Zeit konzentrationsfaehig ist. Floesse der Strom seiner Energie kontinuierlich und nicht vornehmlich auf koerperliche Aktivitaet beschraenkt, so koennte er einen unglaublich grossen Entwicklungsschritt vollziehen. Doch jeder Schritt, egal wie gross er ist, ist nicht nur wertvoll, sondern auch schoen.

Erfreut erlebte ich, dass sich sein Verhalten wandelte. Sonderten sich er und einige andere beim ersten Spaziergang noch zu sehr von der Gruppe ab, ich verlor sie aus den Augen und bat im Spaeteren einen Jungen, den Frechdachs, fuer mich zu uebersetzen, dass ich dies derart weder trage noch will, so vollzog es sich, ich war ueberrascht, dass er beim zweiten Spaziergang zu mir kam, sagte, dass er und die anderen gehen wollen, er gar auf mich wartete, als die anderen schon voraus gingen, und wir zusammen nach Hause schritten. Doch ich bin vorsichtig, und warte erst einmal ab, was beim naechsten Spaziergang passiert.


Allgemein zur Energie und zum Fliessen geht mir durch den Sinn:

Wer Energien nicht angemessen fliessen laesst, sondern wie ein stuerzender Wildbach rauscht, der schwemmt die fruchtbare Krume fort, auf der Wachstums keimt und Entwicklung gedeiht. Doch gilt auch: Wer den Fluss aufstaut, kann sich zwar sammeln, doch nur unzulaenglich fliessen. Und wer in sich die eigene Stroemung nicht findet, wird orientierungslos zu treiben beginnen, weil er weder weiss, wo er sich befindet noch wohin er fliessen will. Geraet der Fluss ins Stocken, so ist die Gefahr gegeben, zu versickern, zu verkrusten oder zu versanden, und all das, was man als Gaben in sich traegt, was dies ist, gilt es zu entdecken und zu erfahren, kann den erdverhaerteten Panzer nicht durchstossen, kann nicht wachsen, kann nicht reifen, kann weder Frucht noch Bluete tragen. Wir alle muessen unsere eigene Stroemung finden, muessen mit uns im Reinen fliessen, muessen quellen, stroemen, muenden, sowie die Stroemungsgeschwindigkeit regulieren und die Stroemungstiefe definieren. Wer nur o! berflaechlich treibt, wird in der Sonne verdunsten, doch wer unvorbereitet zu schnell zu tief dringt, vermag an sich selbst zu ertrinken, davor gilt es zu warnen, doch wird er womoeglich auch nie erfahren, was in der Tiefe seiner selbst auf ihn wartet und entdeckt werden will.


Und da ist noch jemand, den ich gerne mag:

Ein aelterer Junge, in meinen Augen der Wacheste und Reifste, der weiss, was er will und versucht seine Chancen zu wahren. Rumaenisch lerne ich von ihm nur wenig, weil er lieber Englisch mit mir spricht, um seine englischen Sprachkenntnisse zu verbessern und weil mein Rumaenisch keine Gespraeche ueber Themen in der Art zulaesst, die er gerne fuehren moechte und mit anderen nicht fuehren kann. Sichtlich stolz war er, zu Recht, als er mir die Worte der Direktorin, die kein Englisch spricht, uebersetzte. Und er gibt mir immer einmal wieder Ratschlaege, das gefaellt mir, er sorgt sich um mich, ein schoener Wesenszug, etwa wenn er spricht: "Schliess deine Tuer zweimal ab. Mach dein Fenster zu, wenn du aus dem Zimmer gehst." Nun gut, ich habe Gitter vor den Fenstern, und es ist mir nahezu unvorstellbar, wie sich jemand durch diesen schmalen Spalt zwaengen sollte, um meine Habe nach Brauchbarem zu durchsuchen. Doch warum sollte ich nicht auf ihn hoeren, kennt er sich hier doch aus,! ist er hier doch gross geworden und fuehlt sich hier auch Zuhaus. Und nun habe ich auch gelernt, wie man Bohnensatz-Kaffe kocht und nur wenig, putzin, Satz in seiner Tasse findet.

Mir gefaellt es, wenn es ihm peinlich ist, mir all das zu uebersetzen, was manche Kinder, es sind wenige, meine Sprachunkenntnis ausnutzend, mir an Ausdruecken zusprechen, die selbst sie sich sonst Erwachsenen gegenueber nicht getrauten zu gebrauchen. Doch habe ich das Gefuehl, dass diese kurze anfaengliche Phase vorueber geht, weil ich die Kinder besser kennenlerne, eine Beziehung entsteht, und ich zudem einige der gebraeuchlichsten Schimpfwoertern verstehe, darauf reagieren kann, indem ich mir passende Antworten zu recht lege. Und selbst wenn ich nicht genau verstehe, was Einzelne im Detail von sich geben, so weiss ich doch, worum es geht, ich achte auf Mimik und Gestik und Tonfall, verabschiede mich, sage: La revedere, ignoriere sie und gehe. Klar ist doch ohnehin, dass sich die Kinder lediglich vor anderen Kindern profilieren wollen, anderen Kindern imponieren wollen, um wichtig zu erscheinen, Aufmerksamkeit zu erringen und im Mittelpunkt zu stehen. Zudem sind die Kinder! doch auch nicht grundlos hier, sie stammen aus zerruetteten Familien oder lebten auf der Strasse, sind mit vielschichtigen Problemlagen koerperlicher und geistiger Art beladen, nehmen Medikamente, die nicht immer zu helfen scheinen, haben Konzentrationsmaengel, Lernschwierigkeiten und keine Liebe erfahren. Ausserdem ist ein Imponiergehabe nun wirklich nichts aussergewoehnliches, ist auch Erwachsene gegeben, wenn auch zuweilen in anderer Art, doch haben sie es wohl auch als Kinder erlernt, ueberall auf dieser Welt und sie fuehren ihre erlernten Verhaltensweisen lediglich als Heranwachsende und Erwachsene fort, so wie ich es bei einigen Motorradfahrern in Brasov sah, die mit ihren teueren Maschinen protzten und, wie albern, diese in einer belebten innerstaedtischen Zone aufrissen, um einmal um den Block zu fahren.


Moment, ich bin gleich zurueck, es klopft am Fenster:

Mein Uebersetzer bat mich verlegen um 50.000 Lei; das sind vielleicht Euro 1,50. Ihm nehme ich seine Verlegenheit ab, sie passt zu seinem Wesen, sie ist ehrlich und nicht gespielt und ich gebe ihm das Geld gerne. Ich haette ihm auch mehr gegeben, denn er reist morgen ab, besucht eine andere Schule, hat kein Geld fuer die Busfahrt. Drum bun, gute Reise, viel Erfolg und auf ein Wiedersehen.


Da faellt mir ein:

In Dacia bat mich eines der Kinder der allein erziehenden Mutter ihr 500.000 Lei zu leihen, die sie mir am naechsten Tag zurueck geben wollte. Ich lehnte ab, weil ich ein unbehagliches Gefuehl hatte, der Familie im Monat insgesamt gerade mal 2 Millionen Lei, eher weniger, zur Verfuegung stehen, und das Argument, sie brauche das Geld zum Telefonieren, mir zu absonderlich erschien: Warum braucht eine Taubstumme 500.000 Lei zum Telefonieren? Nun gut, das koennte auch jemand anderes fuer sie erledigen. Doch wenn ich bedenke, dass meine rumaenische Sim-Karte mit 5 Dollar Guthaben 250.000 Lei kostet, so ist die geforderte Summe als Telefongeld doch erheblich. Und wenn sie mir das Geld am naechsten Tag zurueck geben kann, dann kann sie auch am naechsten Tag telefonieren gehen. Haette sie mich um Geld fuer Medikamente gebeten, haette ich mich anders verhalten und Ruecksprache mit der Mutter gehalten.


Eine anderes Erlebnis aus Dacia faellt mir in die Tastatur: Plumps:

In einem gastlichen Haus wurde Brot gebacken. Die Frauen, die das Brot formten und erschufen, gaben einen Laib einer Frau, die mir die Haelfte von dem gab, was sie geschenkt erhielt und das obwohl sie arm ist und wenig besitzt. Das Brot mit anderen teilen, liess mich beim Essen denken: Jemand der wenig hat, aber dennoch gibt, vollbringt eine unermesslich grosse Tat, die weitaus groesser und gewichtiger ist, als die Tat eines Millionaers, der Millionen gibt, doch Millionaer bleibt.


Was mir nicht behagt:

Rohheiten und Respektlosigkeiten sind alltaeglich, unter den Kindern, wie auch als eingesetzte "Erziehungsmethode" einiger Mitarbeiter. Mir gefallen viele Verhaltensweisen, die ich sehe, nicht, und wie sollen Kinder ihr Verhalten aendern und ihre Konflikte gewaltlos loesen, wenn die Betreuer bei kindlichem Fehlverhalten nicht das Gespraech zur Klaerung und zur Vermittlung von Einsicht suchen, sondern zuweilen in aggressiver Weise Macht ausueben. Derart erwaechst kein Respekt, sondern wird Angst gesaet, doch nur zu oft ist die Reaktion der Kinder auch von Gleichgueltigkeit gepraegt. Die Kinder lernen und erfahren, dass die Kraft des Staerkeren das Leben des Schwaecheren bestimmt. Letztendlich verhalten sich die Kinder nicht anders als die Erwachsenen, sie agieren lediglich auf anderen Ebenen. Wo liegt denn der Unterschied, wenn sich Kinder untereinander aggressiv verhalten und ich andererseits sehe, dass ein Mitarbeiter einen Jugendlichen, der vor dem Eingang raucht kraeftig ! mit einem Stock, einem Besenstiel, auf dem Arm schlaegt, nicht um ihn am Rauchen zu hindern, wie ich erst dachte, sondern damit er seine Zigarette hinter dem Haus raucht, wo ihn keiner sieht. Ich moechte noch andere Situationen benennen, etwa die, in der ein anderer Mitarbeiter hinter einem Kinde herlaeuft, es zu Boden wirft und dann seinen beschuhten Fuss auf des Kindes Kopfe setzt. Auch wenn er mit seinem Schuh keinen all zu kraefigen Druck ausuebte, so war er eben doch stark genug, um dem Kind Schmerz zu zu fuegen. Eine Mitarbeiterin reagierte auf das Verhalten eines Kindes, indem sie versuchte nach dem Kind zu greifen, es zu fassen zu bekommen, es, so schien es mir, zu schlagen. Das gefiel mir nicht, doch war ich ueberrascht, als ich sah, dass das Kind, das sich veraengstigt duckend zu Boden fluechtete von einer 10-jaehrigen attackiert wurde, die die Schlaege verteilte, die die Erzieherin zu verteilen suchte. Die Erzieherin griff nicht ein, liess es geschehen, und mir s! chien, als gefiele es ihr, dass eine 10-jaehrige als ihr Handlangerin agierte. Und wenn ein Maedchen, die von anderen Kindern dominiert wird, und hierarchisch betrachtet unten siedelt, es ohnehin nicht leicht hat, vieles hinnehmen muss, dazu angehalten wird auf betoniertem Boden zu knien und die Arme ueber den Kopf zu heben, so fehlt mir jedes Verstaendnis, zumal wenn mir kein Fehlverhalten an dem Maedchen aufgefallen ist. Sie hatte wohl gar Glueck, denn nach 20 Minuten kam der Ruf: La masa, zu Tisch, und sie konnte aufstehen. Wer weiss, wie lange sie sonst haette derart noch verharren muessen. Und wenn dann auch noch zugelassen wird, das ein Junge ihre Wehrlosigkeit ausnutzt, um ihre Jackentaschen zu durchwuehlen, ist der Bogen nicht nur ueberspannt, sondern die Sehne laengst gerissen. Und wenn ich sehe, wie ein Kind abseits der Blicke, ich stand unbemerkt am Fenster und beobachte aus der Ferne, mehrfach Schlaege mit der flachen Hand auf den Hinterkopf erhaelt, ein beschuhten Fuss mehrfach kraeftig des Kindes Hinterteil tritt, des Erziehers H! and des Kindes Kopf einmal an die hoelzerne Aussenwand drueckt, um es anschliessend wie ein "Stueck Vieh" mit einer vom Boden aufgelesenen Rute auf den Ruecken schlagend ins Haus zu treiben, so bin ich nicht nur verwundert, sondern fuehle mich insbesondere auch ein wenig hilflos. Doch ueber eines bin ich froh, naemlich, dass in mir keine Aggressionen aufflammen, die sich gegen den Betreuer richten. Waere dies der Fall, lebte ich mein Gewaltpotential gar aus, wo laege dann der Unterschied zwischen mir und einem Betreuer, der schlaegt. Nein, ich spiele Tischtennis mit ihm, und das ist gut so.

Letztendlich ist es so: Die Kinder uebernehmen die Verhaltensweisen der Betreuer, fuehren lediglich das fort, was sie tagtaeglich erleben und wohl auch schon anderen Orts erfahren haben. Respekt und Verhaltensaenderungen werden derart nicht wachsen. Was die Erzieher bemaengeln, das die Kinder respektlos sind, untereinander, wie auch ihnen gegenueber, koennen sie doch nicht ernsthaft erwarten durch ihre Verhaltensweisen und "Erziehungsmethoden" zu erzielen. Die Kinder sollen in erster Linie eines: Sie sollen funktionieren, nicht stoeren und keinen Aerger bereiten. Es ist ein alter Hut, der doch erstaunlicher Weise immer wieder passt: Es bildet sich ein Kreislauf aus, indem immer wiederkehrende Verhaltensweisen zu immer wieder den gleichen Situationen fuehren, die immer wieder versucht werden nach dem gleichen Mustern zu loesen und immer wieder die gleichen Reaktionen bewirken, weil die Struktur verinnerlicht ist, man sich daran gewoehnt hat, gar nichts anderes will, Verhalten! sweisen nicht hinterfragt werden und wohl nicht einmal bemerkt wird, dass man sich bestaendig im Kreise dreht. Mir wird allein vom Zuschauen schon schwindelig.


Ich will nicht einseitig belichten,

daher schreibe ich auch, dass die gleichen Erzieher, deren Handlungsweisen mir nicht behagen, auch andere Seiten haben, die Kindern in den Arm nehmen, mit ihnen reden, lachen und scherzen oder Fussball spielen.


Was mir auffaellt, doch nicht gefaellt:

Wenn die Kinder dazu angehalten werden zu einer gewissen Zeit ins Bett zu gehen, finde ich dies gaenzlich berechtigt. Was ich nicht verstehe, obwohl ich es mir erklaeren kann, ist der Umstand, dass eine 17-jaehrige zu Bett geschickt wird, aber eine 10-jaehrige weiter auf der Couch vor dem Fernseher liegen darf. Diese Vorgehensweise mag alles moegliche sein, eines jedoch sicher nicht, eine konsequente Handlung, die durchschaubar ist und an der man sich orientieren kann. Und das faellt mir immer wieder auf: Die Kinder werden nicht gleich behandelt. Der eine darf mehr, der andere weniger, der einen laesst man etwas durchgehen, wofuer die andere geruegt wird und so weiter und auch so fort. Ebenso gefaellt mir nicht, dass Mitarbeiter daneben stehen, nicht eingreifen, wenn Kinder untereinander in Streit geraten, sich treten oder schlagen, insbesondere dann, wenn das Kraefteverhaeltnis der Streitenden voellig unausgewogen ist, so etwa, wenn ein Maedchen von einem Jugendlichen, dess! en Augen mich frieren liessen, Gaensehaut, geschlagen wird. Die Kleine ist sicher kein Laemmchen, eher ein Wildfang, hat eine ausgepraegt starke Persoenlichkeit und und auch eine derartige Willenskraft, und ich bin immer einmal wieder erstaunt, wenn sie so manchen aelteren Jungen vertreibt oder es zustande bringt ein weitaus aelteres Maedchen, die sich nicht zu wehren weiss, zu schlagen und zum Weinen zu bringen. Doch wenn ich sehe, dass die Kleine die Schlaege des Jungen wehrlos hinnimmt, einfach nur dasteht und sich ohrfeigen laesst, mit den Traenen ringend, wissend, sie hat es gelernt, dass jede Gegenwehr zu noch mehr Schlaegen fuehrt, dann kann man doch nicht die Situation betrachtend daneben stehen und zulassen, dass der Junge gar noch ein anderes Maedchen zum Weinen bringt. Und wenn nicht eingegriffen wird, so ist es doch bedauerlich, dass die Kinder im Anschluss auch keinen Trost erfahren. Letztendlich ist all dies hier eine Alltaeglichkeit, und sowohl die Betreuer, ! als auch die Kinder, haben diesbezuegliche Gewohnheitsmuster ausgebildet.


Was ich versuche fuer mich zu klaeren:

Ich bin mir bewusst, dass ich hier weder die Menschen noch die Struktur veraendern kann; dafuer bin ich zu kurz hier und bin zudem nur Praktikant. Wohl aber kann ich wirken, andere Verhaltensweisen als Angebot unterbreiten und Akzente setzen. Doch sehe ich auch klar, dass ich in der hier vorgefundenen Struktur agieren muss, und die Gewohnheiten und Muster, die sich hier ausgebildet haben, beeinflussen auch mich. Habe ich anfaenglich durch beschwichtigende Gesten und ruhige Woerte versucht Situationen zu klaeren, fruchtlos, sind die Kinder doch ganz anderes gewohnt, so erlebe ich mich in nun bei manchen Vorkommnissen weitaus energischer agierend, nicht weil es mir gefiele, ich ueberrasche mich zuweilen selbst, sondern weil ein beherztes und tatkraeftiges Eingreifen dienlich und angemessen erscheint. Dabei entging es mir durchaus nicht, dass mein veraendertes Verhalten einige Kinder zu ueberraschen wusste. Ich habe gelernt, dass ich zuweilen neben Sprache, Mimik und Gestik auc! h meine Koerperlichkeit einsetzen muss, um Wirksamkeit zu erzielen. Das bedeutet sicher nicht, dass ich Kinder schlage, doch laesst es sich nicht vermeiden, mich ab und an energisch einzumischen, mich dazwischen zu draengen, ein Kind kraeftig fest zu halten oder ein anderes fort zu schieben, um die Situation zu entschaerfen oder zu bremsen.

Leider bin ich sprachlich nicht in der Lage mit den Kindern deren Verhaltensweisen zu besprechen, kann Konflikte nicht thematisieren, nach Loesungen suchen, um mich um Ausgleich und Klarheit zu bemuehen, auch wenn ich mir bewusst bin, dass die Kinder von derartigen Loesungsversuchen nicht sonderlich viel halten und ihre erlernten Verhaltensweisen und Gewohnheiten nicht so schnell aufgeben werden.


Was mir an mangelnden Sprachkenntnissen positiv auffaellt:

In lerne in Augen und Gesichtern zu lesen. Manchmal denke ich, dass Augen mehr mitzuteilen haben als Worte, die aus Muendern fliessen. Augen sprechen ohne Worte: Ich bin lebensfroh und spruehe Funken, ich bin traurig, ich bin zornig, ich bin neugierig, nimm dich in Acht vor mir, ich wurde verletzt, ich bin ungluecklich, ich bin erloschen, ich bin froehlich, ich bin sehnsuechtig, ich bin vertraeumt, ich begehre Aufmerksamkeit, ich lache, ich berge ein Geheimnis, ich bin spoettisch, ich bin tief, ich bin schuechtern und verlegen ... Eine schoene und wichtige Lektion.


Was mir gerade durch den Kopf geht:

Wer die selbe Sprache spricht, sollte nicht dem Schein erliegen zu glauben, dass er verstanden wird oder den anderen versteht. Und wer glaubt den anderen zu kennen, sollte sich selbst erst einmal von Grund auf klaeren und kennenlernen. Zudem ist es doch so, dass ich all das, was ich bei anderen zu erkennen vermag auch in mir selbst, in welcher Auspraegung und Staerke auch immer, finden kann. Wie waere es mit: Man sollte nicht vor sich selbst erblinden, sondern in sich blickend ueber die Bruecke des eigenen Wesens gehend Zugang zu anderen finden. Natuerlich kann ich auch in und durch die Betrachtung anderer mich selbst erfahren, und sei es nur ueber die Klaerung der Art und Weise in der ich mir eine Meinung bilde, wie das Verhalten anderer auf mich wirkt und welche Reaktion sich aus welcher Ursaechlichkeit aus mir heraus loest. Worum es geht ist klar: Achtsamkeit schenkt Wachstum, und sich zu entwickeln, ist kein Schade.


Was mir an den Kindern und Jugendlichen gefaellt:

Sie sind wissbegierig, offen, voll Lebensdrang, gehen auf mich zu, auf mich ein, setzen sich zu mir, reichen mir die Hand und legen ihren Arm um meine Schulter. Ich finde es schoen, dass einige Groessere Verantwortung uebernehmen, und sich der Kleineren annehmen. Zudem sind die Kinder sehr oft zusammen ohne in Streit zu geraten und abends vor dem Fernseher kuscheln sich die Maedchen untereinander aneinander an. Vielleicht wuerden sie auch mit den Jungen schmusen, doch wohnen diese von den Maedchen getrennt in der Cabana de boiati. Mir gefaellt es sehr, dass die Kinder viel singen und lachen. Sie lieben Manele, Musik und Tanzen und wenn sie einen Garten anlegen und graben, sind sie voller Tatendrang, auch wenn sie um die Spaten ringend in Streit geraten. Mir gefaellt es sogar zuweilen, wenn die wilden Jungs auf Spaziergaengen wilde Hirtenhunde mit Stocken und Steinen vertreiben, zum Schutze des eigenen Leibe, so will mir scheinen, doch manchmal werfen sie die Steine leider au! ch nur so zum Spass. Sie pfluecken gerne Blumen am Wegesrand, um sie zu verschenken, doch oftmals werfen sie diese, kaum gepflueckt, auch einfach wieder weg. Und ich muss lachen, wenn sie versuchen Esel zu fangen und diese ueber Wiesen treiben.


Was ich mache, wenn mich eine 12-jaehrige fragt, ob ich Zigaretten habe:

Ich gebe ihr einen Apfel.


Wo ich versuche mich nicht einbinden zu lassen:

Hier im Heim haben sich die Kollegen in mindestens zwei Lager gespalten. Ein Teil der Kollegen mag den anderen nicht und sie verkehren auch nicht miteinander, sondern versuchen sich so gut es geht zu entgehen, den Blick nicht aufzunehmen und nach Moeglichkeit zu ignorieren. Auch wenn ich den Grund verstehe, they have been explained in english, sie argumentieren, dass die andere Seite ihre Aufgaben nicht in der Art erledigt, die das Wohl der Kinder foerdert, dem Wohl der Kinder entspricht, ach nein, so sprachen sie nicht, schade, sondern: fuer die sie bezahlt werden. Sonderbarerweise ignorieren sie auch die, die ihrer Arbeit nachgehen, nur weil sie der anderen Gruppe angehoeren. Nun gut, der Konflikt sitzt wohl doch ein wenig tiefer, aber ich bin kein Supervisor, sondern lediglich ein Freiwilliger, der sich ein wenig umblickt und Verstaendnis um des Verstehens willen zu begruenden. Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass viele Kollegen nicht unbedingt den Fleiss gepa! chtet haben. Doch der Mangel an Fleiss ist sicherlich kein Argument dafuer, Gespraeche zu verweigern oder die Kollegen zu meiden oder Intrigen zu schmieden, schon gar nicht, wenn mir Verhaltensweisen an den Kritikern der Arbeitsmoral auffielen, die mir an ihrer Arbeitsweise und -auffassung nicht gefielen. Festzuhalten gilt ohnedies, dass die meisten Kinder 4 Stunden vormittags und 2 Stunden nachmittags die Schule besuchen, und in dieser Zeit fuer alle Mitarbeiter, auch fuer mich, Freiraeume entstehen. Ich glaube, dass es wohl nicht einmal unbedingt schlecht ist, dass einige Mitarbeiter sich wenig um die Kinder kuemmern und ihre Zeit absitzen, weil es mir doch ein wenig Sorge bereitete, so alle Mitarbeiter ihrer Arbeit vollstaendig nachgingen. Sie moegen als Menschen nett und sympathisch sein, aber fuer eine paedagogische Taetigkeit sind wohl nicht alle immer gaenzlich geeignet. Imi pare rau. Tut mir leid. Gut, sie sind nicht fuer die Taetigkeit ausgebildet worden, das sehe ! ich ein, und sie werden auch schlecht bezahlt, ganz klar, doch leider entspricht ihre Persoenlichkeit sowie ihre Interessenslagen nicht unbedingt den Erfordernissen paedagogischen Schaffens. Ich vermag die Kollegen durchaus ein wenig zu verstehen und kann gar nachvollziehen, dass jedes Kind, das an ihre Tuere klopft, eine Stoerung ist. Eigentlich bedauere ich sie, denn sie muessen tagtaeglich einer Arbeit nachgehen, das geht vielen Menschen vieler Orts so, zu der sie keine Lust verspueren. Und vielleicht wissen sie nicht einmal, welche Taetigkeit ihnen zur Freude gereichte, weil sie nicht erfahren haben, welche Begabungen sie in sich tragen. Doch eines sehe ich auch ganz klar: Viele Menschen haben nicht die freie Wahl, nehmen die Arbeit an, die sich ihnen bietet, und noch eine zweite, denn eine Taetigkeit allein reicht in Rumaenien oftmals nicht, weil die Familie versorgt und ernaehrt sein will. Und in Rumaenien ohne Einkommen zu leben, ist fuer wahr nicht leicht, sondern sicherlich schwer, weil die staatliche soziale Absicherung ganz und gar ! nicht der entspricht, die ich aus meinem Heimatland kenne. Doch obwohl die Menschen hier viel aermer sind, jammern sie nicht so viel, wie es einigen Deutschen zu eigen ist. Das finde ich sehr angenehm, jammern in Deutschland doch selbst diejenigen, die ein Haus und ein Auto besitzen und zweimal im Jahr in Urlaub fliegen. Auch in Deutschland gibt es Armut, keine Frage, doch die Armut hier siedelt in einer anderen Dimension.


Wo ich die Ursaechlichkeit des Konfliktes vermute:

Der Mitarbeiterkonflikt wirft noch eine andere Frage auf, naemlich, wie es ueberhaupt moeglich ist, dass Mitarbeiter die Gelegenheit erhalten, ihre Zeit nach Gutduenken zu gestalten und fuer eine Taetigkeit eingestellt werden, fuer die sie nicht geeingnet sind. Die Antwort auf diese Frage kann nicht ich geben, faellt der Heimleitung zu, zumindest in der Frage der Arbeitsgestaltung, wer fuer die Einstellungen zustaendig ist, weiss ich nicht. Die Aufgabenstellung der Leitung umfasst, so sehe es ich, hier mag ein anderes Verstaendnis herrschen, unter anderem die Fuehrung und Foerderung der Mitarbeiter, das umfasst auch die Formulierung, Klaerung und Festschreibung von Verhaltensweisen, die den Umgang mit den Kindern regeln, sowie die Personal- und Organisationsentwicklung. Wuerde die Heimleitung ihre Aufgabe derart definieren, so waere der von mir wahrgenommene Mitarbeiterkonflikt in der Art gar nicht erst entstanden, weil dem Konflikt der Boden fehlte, auf dem wachsen kann. D! er Konflikt unter den Mitarbeitern kann nur entstehen, weil die Heimleitung ihre Fuehrungsaufgabe in einer anderen Weise definiert, und sie traegt auch nicht zur Loesung des Konfliktes bei, weiss vielleicht nicht einmal, dass ueberhaupt ein Konflikt besteht.


Noch eines:

Ich verstehe zwar sehr wenig, doch eines sicherlich, hier ist es wie an so vielen anderen Arbeitsplaetzen wohl ueberall auf der Welt: Der interne Tratsch ist erheblich. Und ich bin mir sicher, dass ich auf die eine und auch auf die andere Art darin verwoben bin. Ich bin zwar in einem fremden Land, und die Menschen haben hier eigenstaendige Lebensweisen, doch sehe ich eher die Gemeinsamkeiten, insbesondere die Mechanismen die Menschen bewirken und die ihre Handlungsweisen bestimmen, und die sind mir weder fremd noch neu noch haben sie mich zu ueberraschen gewusst; weder hier in Bradet, noch in Dacia und auch nicht in Brasov.


Was mir wichtig ist:

Gleichmut und Gelassenheit, das hat nichts mit Gleichgueltigkeit zu tun, sind ein Segen. Ich nehme nicht das, was kommt, sondern das, was ist und auch so wie es sich gibt, was nicht heisst, nicht zu versuchen Veraenderungen anzustreben und umzusetzten, was jedoch nicht bedeutet, Erwartungen auszubilden, weil diese nur zu leicht zu Enttaeuschungen fuehren, die schlicht und ergreifend vermeidbar und ueberfluessig sind. Alles andere ist Energieverschwendung, insbesondere wenn man sich in unnuetzen Handlungen, ueberfluessigen Gedanken und ungeklaerten Gefuehlen verstrickt und gefesselt darin windet.


Was mir schmeichelt . . .

. . . ist der Umstand, dass ich als aeltester Praktikant Rumaeniens, ich bin 39, treizece si noua, mehrfach um bis zu 10 Jahre juenger geschaetzt wurde. Das ist sicher uebertrieben, doch, ich habe gerade nachrechnen muessen, komme ich mir auch nicht wie 39 vor, bin ich doch irgendwie - die Zeit los.


Zur Zeit . . .

gilt es zu schreiben, dass ich mein Zeitgefuehl verloren habe. Doch das hat nicht so viel mit meinem Aufenthalt hier, sondern mit mir und dem, was ich fuer mich, bevor ich hier her kam, geklaert habe, zu tun und das gehoert nicht hier her.

Was ist ein Tag? Zi. Was ist eine Woche? Saptamana. Was ist ein Monat? Luna.

Ansonsten: Keine Ahnung. Es gibt weder Anfang noch Ende.


Was ich noch kurz berichten wollte:

Sei vorsichtig, wenn du mit einem Kollegen und dem Taxifahrer das Nachtleben erkundest, auch wenn du danach neuwertige Markensportschuhe an den Fuessen traegst.


Bei wem ich mich bedanken moechte:

Ach, am Besten bei allen, dann fuehlt sich keiner ausgeschlossen, doch insbesondere bei Franziska, die mir den Einstieg hier sehr erleichtert hat, bei Ramonas Cousin, der mich in Brasov begleitete und mir half ein Gesundheitszeugnis zu erhalten und bei Michael, der mich in seinem Hause in Dacia wohnen liess. Multumesc und vielen Dank.


So, das moege als erster Eindruck genuegen: 3 Wochen im Schnelldurchlauf.


Gata. Fertig. Raumschiff an Erde: Ende.


Jens Steinberger im Mai des Jahres 2006. Bradet. Rumaenien.


Erde an Raumschiff: Ich haette da noch etwas nachzutragen:


PS: Ich habe den Text auf dem Computer hier in Bradet geschrieben, englische Tastatur, auf der die Zeichen fehlen, die die rumaenischen Worter in richtiger Schreibweise darstellen. Sonderbar, wie sollen die Kinder hier schreiben, wenn ihnen die Buchstaben fehlen. Doch haben sie ohnehin eine Vorliebe fuer die installierten Spiele.

PPS: So jetzt ist es wieder Zeit zum Essen zu gehen. Hier wird staendig gegessen und man hat auch bestaendig Hunger. Das haengt wohl auch mit der frischer Luft zusammen, liegt Bradet doch am Rande der Karpaten, vielleicht 600 Meter hoch gelegen, von huegeligen Bergwaeldern, und von einer schneebedeckten Kuppen in Sichtweite, umgeben. Natuerlich gibt es Fleisch, wie so oft, doch auch etwas anderes. Die Suppen sind hier sehr lecker, auch wenn manche Kinder dies anders schmecken und ciorba de cartofi, Kartoffelsuppe und mazare, Erbsen, iihh, auch noch ganz matschig und weich gekocht, ich mag es, da scheidet sich auch das Personal von mir, nicht immer ihre Geschmaecker trifft. Die Kinder gewoehnen sich sehr schnell an vieles, das geht mir ebenso, doch finde ich es wichtig mir klar zu machen, dass anderen Orts in diesem Land viele Menschen nicht so gut versorgt sind. Und so schreibe ich: Speis und Trank sind ein Segen.

PPPS: Einges von dem, was ich beschrieb, hat sich gewandelt, verhaelt sich nicht mehr so oder sehe ich mittlerweile anders, was jedoch nicht zu verwundern weiss, ist doch alles im Fluss und hat doch nichts Bestand. Und so schreibe ich:

Eine Momentaufnahme ist just in dem Augenblick vergangen, in dem das Blitzlicht erlischt und die Schrift schweigt.


Wollen wir uns begegnen: JensSteinberger@web.de

 

 

 

 

 

 


 
 
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