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Short
Cuts oder Schnappschuesse oder Blitzlichter oder Daumenkino
II
Ein aktueller Bericht von Jens
Steinberger / Juni 2006
Zur Einstimmung:Gerade will mir scheinen, als
wolle mir Spass bereiten, keinen Bericht zu schreiben, sondern
eine Fotoreportage entstehen zu lassen. Verhaelt es sich nicht
derart, dass ich den Fokus der Betrachtung mal hier hin, mal
dort hin, richte, einzelne Sequenzen beleuchte und einzelne
Aufnahmen belichte, Bilder aneinander reihe, mit der Brennweite
und der Belichtungszeit spiele, durch ein Weitwinkel blicke,
ein Zoom benutzte, mal ein Stativ unter die Schrift schraube
und durch ein Makro linse, mal frei Hand knipse, ein Portrait
aufnehme, eine Gruppe in den Sucher fasse oder eine Landschaft
fotografisch abbilde.
Und ist es nicht auch so, dass all das, was ich in mein Fotoalbum
schreibe, es sind lediglich ausgewaehlte Motive und Ausschnitte,
nie das abbilden koennen, was es war, als ich es aufnahm, weil
all das, was ich erblickte und festhielt nur meine selektive
Wahrnehmung spiegelt, die nie der Wirklichkeit entspricht, weil
schon allein die Wahl des Motives, die Art der Aufnahme und
der Zeitpunkt der Abbildung und Entwicklung einem fluechtigen
Abbild der Wirklichkeit gleicht, ein Zerrbild der Wirklichkeit
ist, die es womoeglich gar nicht gibt, die ich zumindest nicht
zur Gaenze ueber meine Sinneswahrnehmung, das Denken binde ich
darin ein, erfassen kann, und die mir so unbegreiflich erscheint,
wie die Unendlichkeit erklaerbar ist, obwohl ich nicht glaube,
dass das Leben eine Illusion sei und sich derart vollzieht.
Sowohl die Aufnahme als auch die Wirkung und Deutung des entwickelten
und betrachteten Bildes entsteht lediglich auf der Basis von
Konstruktionen und Interpretationen, die ein jeder und auch
eine jede bildet oder eigenstaendig in uns gebildet wird. Doch
selbst die Art und Weise in der wir ein Bild entstehen lassen
oder es betrachten, vollzieht sich nicht frei, sondern unterliegt
neuronalen Praegungen und Gewohnheitsmustern, die wir alle,
doch jeder eigen und spezifsch fuer sich, in uns tragen und
ausgebildet haben.
Ergo, das ist lustig, aceasta este haios: Das, was ich in mein
Fotoalbum schreibe und interpretativ erfasse, hat sich derart
nie zugetragen. Jedes Bild, das in mir entsteht oder ich in
mir entstehen lasse, spiegelt die Wirklichkeit nur unscharf
wider, ist als Bild verwackelt, hat sich mein Gehirn fuer mich,
vielen Dank, das ist wirklich sehr nett, lediglich erdacht und
gleicht daher eher einer Fotomontage.
Ich wechsele einmal die Kamera, will doch mal sehen, welche
Aufnahmen die neue Kamera macht. Da geht mir durch den Kopf,
der Selbstausloeser ist aktiv, ein Blitzlicht hellt was verborgen
liegt, das Foto loest sich automatisch aus mir, ich gleiche
einem Fotoautomat, "Bitte laecheln", grinse ich, knips,
ab zur Entwicklung, ein Abzug genuegt und was sehe ich: Ich
bin ein Fotograf.
Ein sonderbares Bild. Doch verwundern kann mich nichts, forme
ich doch die Wirklichkeit ganz nach Belieben und auch nur so
zum Spass, ein schoenes Spiel, und ploetzlich erklaert sich
das Foto von ganz allein: Ein Fotograf ist ein Mensch, das bedeutet
des Wortes Uebersetzung doch, dem es zu eigen ist, "mit
Licht zu schreiben". Ich hoffe meine Aufnahmen sind weder
dunkel, verschwommen noch kalt, weil Licht doch nicht nur hellen
und Konturen schaerfen soll, sondern vor allem auch waermend
wirken will. Da faellt mir ein: Warm heisst auf rumaenisch:
Cald.
Was all das soll? Manchmal ist es kein Schade, dass eigene
Denken nicht zu lenken, sondern frei entstehen zu lassen, was
entstehen will, ohne zu wissen, woher es stammt und wohin es
geht. Ein Gehirn, das immer in gewohnten Bahnen denkt, immer
nur die gleichen neuronalen Verknuepfungen nutzt, sich keinen
Freiraum schenkt, beschneidet sich selbst und wird womoeglich
immer nur und auch immer wieder die gleichen Antworten, Loesungen
und Zusammenhaenge finden, die es immer schon fand, und die
Welt und auch das Leben in immer wiederkehrender, gleicher und
gewohnter Weise erfahren und auch immer wieder die gleichen
Bilder betrachten, ohne ueberhaupt zu bemerken, dass die entstandenen
Abbilder der Wirklichkeit Standbildern gleichen. Vielleicht
wird ein Gehirn gar glauben, dass das, was es denkend erschuf,
die Wirklichkeit sei, obwohl es problemlos in abertausende andere
Richtungen haette denken koennte, die ebenso wirklich sind,
ihm als Testbild aber nicht behagen.
Wen all das nicht interessiert, ich erwaehnte bereits im ersten
Bericht, ich schreibe nur fuer mich und fuer niemanden sonst,
den frage ich: Warum liest du mich? Ich habe niemanden gebeten
mich zu betrachten, doch habe ich auch nichts dagegen. Ich mache
lediglich das Angebot in den Bilder meiner Wirklichkeit zu blaettern
- alles andere machst du selbst.
Fotosafari:
Wenn meine Augen ueber das weitlaeufige Heimgelaende schweifen,
zuweilen, klick, ein Bild entsteht, habe ich das Gefuehl als
koennten Augen auf satten gruenen Wiesen weiden, und ich die
Kinder und Jugendlichen betrachte, wie sie tollen, spielen,
toben, lachen, tanzen, singen, sich necken und beschimpfen,
sich gegenseitig aergern, schlagen, treten, bespuken oder mit
Steinen bewerfen, vereinzelt stehende Baeume, wundervoll kontrastreich,
betrachten in hingebungsvoller Ruhe und geduldiger Gelassenheit,
fest verwurzelt mit dem Boden, die Szenerie, ging mir ein Wort
durch den Kopf, dass mich anfaenglich ein wenig irritierte,
aber eben doch auch mein Empfinden spiegelt: Serengeti. Gibt
es nicht einen Film mit dem Titel: Die Serengieti lebt. Ja,
lebendig ist es auch hier und zuweilen sicherlich auch wild,
obwohl ich die Wildheit gar nicht mehr so erlebe. Doch das ist
es nicht, was das Wort mir zu erzaehlen wusste. Fuer die Entwicklung
benoetigte ich ein wenig Zeit, und so erwaehne i ch zuerst eine
andere Begebenheit.
Eine Kollegin erzaehlte mir, dass im Sommer die grasigen Halme
des Heimgelaendes kurz gehalten werden, nicht weil Anthilopen,
Giraffen und Zebras grasend und weidend die Serengeti durchstreifen,
nein, der Rasen wird gemaeht, damit die Kinder fruehzeitig Schlangen
erkennen, die hier ab und an einmal einen kriechenden Spaziergang
ueber das Gelaende wagen. Waere Schlangen die Zivilisation vertraut
oder ahnten sie auf wen sie hier womoeglich treffen und stossen,
welche Gefahren im Grase auf sie lauern, so haetten sie sich
sicher geschwind in eine andere Richtung verkrochen. Da bin
ich mir gewiss.
Gebissen wurde, zumindest in den letzten Jahren, solange die
Kollegin hier arbeitet, noch keines der Kinder, wohl aber sah
sie, alles andere haette mich auch verwundert, Wildlife eben
- wildes Leben, dass einige Kinder Schlangen fingen, diese am
Schwanz festhielten, um Schabernack mit dem sich schlaengelnd
windenden Getier zu treiben. Doch frage ich mich auch, was es
in Rumaenien bedeutet, das Gras einer Heimanlage kurz zu halten.
Derzeit reicht mir an manchen Stellen das grasige Gruen bis
zum Oberschenkel empor und teils sogar noch hoeher hinauf; und
ich habe wohlgemerkt lange Beine. Zumindest sind die Wiesen
hoch genug gewachsen, um Kindern, die Verstecken spielen, ein
ideales Versteck zu bieten, liegen sie doch darin verborgen,
um nicht gefunden zu werden.
Nun aber zu der Entwicklung des Bildes der Serengeti: Ist es
nicht so, dass die Serengeti, zumindest ein Teil davon, ein
geschuetzter Lebensraum, ein Nationalpark, ist, der von aussen
bedroht wird, daher unter Schutz steht, sicherlich auch innerhalb
seiner Grenzen Gefahren birgt, auch wenn sich das Leben im Schutzgebiet
rege tummelt. Moegen auch im Heim Gefahren auf die Kinder lauern,
mag es dort immer einmal wieder rau und grob zugehen und Liebe
Mangelware sein, so stehen die Kinder, die im Heim wohnen, doch
auch unter Schutz und sind vor Bedrohungen, die von ausserhalb
auf sie einstroemen koennen, weitest gehend behuetet. Eine Gefaehrdung
entsteht in meinem Augen fuer die Kindern insbesondere dann,
wenn sie die Schule oder das Heim verlassen, zu ihren Familien
zurueckkehren, in einem anderen Heim eine andere Schule besuchen,
dort geht es zuweilen, so hoerte ich, weitaus rauer zu, oder
ihr Leben selbst in die Hand nehmen muessen, um ein selbstbestimmtes
Leben ausserhalb des Heimes zu fuehren.
Und nun frage ich mich: Wie soll es jungen Erwachsenen gelingen
das Gras des alltaeglichen Lebens kurz zu halten, um die Gefahren
zu erkennen, die danach trachten sie zu beissen und Koerper,
Seele und Geist nur all zu schnell vergiften? Wie soll es Menschen
moeglich sein, ihr Leben in einem Lebensraum zu gestalten, den
sie nur unzulaenglich erfahren haben? Wie sollen Menschen ihre
Faehigkeiten und Begabungen in die Gesellschaft einbringen,
wenn sie ihre Gaben nicht kennengelernt haben, sie weder erkannt,
geweckt noch gefoerdert wurden? Wie sollen sie Arbeit finden,
wenn ihre Qualifikation und Ausbildung nicht in die Tiefe weist
und ohnehin viele Rumaenen ausserhalb des Landes Arbeit suchen?
Wie sollen sie ein selbstorganisiertes Leben fuehren, wenn sie
nicht zur Selbstaendigkeit heran geleitet und die Uebernahme
von Verantwortung nicht vermittelt wurde?
Das, was mir hier anfaenglich wild erschien, sei es der Umgangston
oder die Verhaltensweisen und Handlungsgewohnheiten der Kinder
untereinander oder der Erzieher ihnen gegenueber, ich erlebe
dies mittlerweile gar nicht mehr so, bin es vielleicht schon
gewohnt, habe aber auch nicht mehr derart gehaeuft die Szenen
erlebt, in denen mir die Betreuer hartherzig erschienen, einmal
sah ich ein Kind, sicherlich vielfach benachteiligt, auch geistig,
an der Bank der Betreuer auf dem Rasen sitzend mit den Beinen
an die Beine der Bank gebunden, wer die Fesseln schnuerte, weiss
ich nicht, ist sicherlich praegend, doch wohl nicht so gefahrenreich,
wie das Leben, das noch vor ihnen liegt. Ich kann auch ueberspitzt
fragen, ich denke an die Serengeti: Was ist wilder, wo lauern
die groesseren Gefahren - in der "Zivilisation" oder
in der "Wildnis"? Letztendlich ist dies voellig egal,
weil es nicht um ein unnuetzes Abwaegen geht, sondern darum,
sich selbst zu erkennnen, zu erfahren und zu erfuel len, und
sein Leben dort zu meistern, wo es keimt und sich entfalten
will.
Wie steinig sich der Lebensweg des Einzelnen weist, welche
Chancen und Moeglichkeiten der Einzelne hat, ist sicherlich
individuell verschieden, ebenso das Kraftpotential, das noetig
ist, um ueber Stolpersteine zu steigen oder aufzustehen, so
man stolpernd zu Boden fiel, weil das Gras so hoch stand, dass
man die Gefahr nicht sah und darin versank und nur wenige Haende
sich ins Grase wagen, um Schutz und Hilfe zu sein. Doch sollte
man stets das Vertrauen in sich tragen das Leben zu wagen, denn
erst dann leuchtet des Grases Gruen in der Farbe der Hoffnung.
Wer der Hoffnungslosigkeit anheim faellt, wird zum Schatten
seiner selbst, und verirrt sich nur zu leicht, weil er den Weg,
den er beschreitet, ob einem Pfade folgend oder diesen frisch
in Grase tretend, nur all zu schnell aus den Augen verliert.
Doch hier im Heim, wo das Leben kochend brodelt, und machmal
auch dampfend zischt, wo man gar nicht all zu weit in die Zukunft
blickend schaut, wo man sich gar nicht soviele Gedanken macht,
und so man es tut, gereichen sie selten zur Last, und sich die
Erwartungen gar nicht all zu hoch himmelwaerts schrauben, ist
der Blick durchaus ins Gruen getaucht, selbst wenn die Kraft
der Sonne zuweilen dem welken Gras die Farbe raubt.
Bilderfolge:
Auf der Busfahrt von Bradet nach Sacele traf ich einen Kollegen,
der mich zu sich nach Hause einlud. Dort ankommend oeffnete
er seinen Rucksack, um mir mit freudigem Stolz dessen Inhalt
zu offenbaren. Das erste, was er aus dem Rucksack zog, in einer
Tuete eingewickelt lag, knips, war ein Rehkopf samt ausgefranztem
Hals, lustig baumelnd daran pendelnd. Des Rehes Augen, kontrastreich
zu den Seinen, die freudig leuchtend strahlten, waren eingetruebt
und matt. Und ich fragte mich, die Belichtungszeit auf unendlich
gestellt, ob des Rehes Augenleuchten, als das Tier noch lebendig
war, wohl auf ihn uebersprang, als es zu sterben begann und
er es fand. Danach dachte ich: Was habe ich nur fuer sonderbare
Gedanken?
Auf des Rehes Kopf folgte aus dem Rucksack gezogen des Rehes
Bein; zumindest ein Teil davon. Der Kollege hielt sein Messer
an des Rehes Beinkleid und gab mir zu verstehen, dass er aus
dem Fell eine Messerscheide fertigen will. Nach und nach zog
er in freudigem Eifer andere fleischige Brocken aus einer weiteren
Plastiktuete und obwohl ich mir Muehe gab, vermochte ich weder
zu erkennen noch zu deuten, welche Funktion oder Position den
Ueberresten einst einmal zu eigen gewesen sind, als das Tier
noch lebendig war und jauchzend durch den Walde sprang. Danach
griff er nach der Beilage, sie war vegetarisch, und bestand
aus einer grossen Menge gruener Kraeuter, frisch gesammelt,
die er seinen drei Schweinen zugedachte.
Scharfen schnellen Schnittes zerteilte er groessere fleischige
Brocken in kleinere mundgerechte Stuecke, warf einiges seinen
Hunden vor, einiges ihnen zu, die Katze ging leer aus, was ihr
nicht behagte, sie maulte, der Hund knurrte, als die Katzenpfote
nach dem Fleische schaute, um im Anschluss, Schnitt um Schnitt,
den Rehkopf vom Halse zu loesen; hatte er das Rehgeweih doch
als Trophaee fuer die Hauswand auserkoren.
Danach wurde es hygienisch und auch gastlich, denn er wusch
auserwaehlte fleischige Einzelteile unter fliessend Wasser und
bot mir an, er lud mich, vielen Dank, das ist sehr freundlich,
das Fleisch zu braten, um es gemeinsam mit mir zu verspeisen.
Doch konnte ich der Einladung keine Folge leisten, ist es doch
so und so erklaerte ich es ihm auch, dass ich Vegetarier bin
und Fleisch meide. Im Gegenzug erklaerte er mir, woher seine
fleischige Habe stammte. Wenn ich ihn recht verstand, Urs heisst
doch Baer, oder bezog er sich auf das Bier, das wir tranken
und Ursus hiess, nein das meinte er nicht, war das, was er im
Rucksack trug und ihm zur Freude gereichte der Rest der Beute
eines Baeren, die er im Walde fand, einsammelte und mit sich
nahm. Na dann: Pofte buna. Guten Appetit.
Wir verabredeten uns fuer den naechsten Tag, um am fruehen
Morgen, viel zu frueh, ich verschlief, bis ein Junge an mein
Fenster klopfte, um mich zu wecken, eine Wanderung durch die
hiesigen Bergwaelder zu unternehmen. Der Kollege sieht nicht
nur wie ein Waldlaeufer aus, nein, er verhaelt sich auch, und
es verwunderte mich nicht, dass er sich redliche Muehe gab des
Waldes Wege nicht zu betreten. Gleich zu Anbeginn, ich war ein
wenig ueberrascht, er zog aus seinem Rucksack eine Axt, was
man nicht so alles auf einer Wanderung in Rumaenien braucht,
und schritt zur Tat, indem er mir aus einem jungen Haselnussbaum
einen langen, grossen, vorallem aber schweren, Wanderstock,
nein es war eher ein Wanderstab oder war es ein Wanderbaum?,
schlug.
Wir liefen kreuz und natuerlich auch quer, stiegen viel bergan,
im Spaeteren natuerlich bergab, liefen etliche Kilometer und
waren nahezu 8 Stunden unterwegs - eine gute Tour. Unterwegs
war ich mir gewiss, nicht nur weil ein schlechter Orientierungssinn
mich von Geburt an begleitet, sondern vorallem weil wir bestaendig
hier und dort hin schritten, dass ich sicherlich nur muehselig
den Heimweg faende, so er mich im Walde zurueck gelassen haette.
Vielleicht waere dieser Umstand zu des Baeren Freude gewachsen,
den der Waldlauefer suchte, wir aber nicht fanden, wie Baerenscheisse
aussieht, habe ich unterwegs gelernt, knips, und haette ihn
womoeglich gar dazu veranlasst wohlgelaunt baerig zu brummen:
"Hm, mananc carne. Ich esse Fleisch. Vielen Dank fuer den
kleinen Imbiss. Kaum drehte ich mich um, kaum war ich fort,
nur ein kleines Schlaefchen zum Verdauen, stahl ein Zweibein
mir die Beute. Doch was hab' ich fuer ein Glueck, ich fress'
den Wandersmann, der sich im Wald verirrte." Na dann: Pofte
buna.
Wir machten mitten im Walde Rast und der Waldlauefer entzuendete,
ich war nicht ueberrascht, ein Feuer aus nassem Holz, das weit
hin sichtbar wohlig rauchend qualmend wolkte. Ich bin mir sicher,
er haette auch dann ein Feuer entfacht, a face fog, Feuer machen,
wenn des Waldes Holz ausgetrocket sproede knackte. Feuergefahr
her, Feuergefahr hin, hier wird just dort Feuer gemacht, wo
man Feuer machen will. Das ist hier so ueblich. Er begann Wuerstchen
aufzuspiessen, hielt sie in das Feuer und grillte dicken fetten
Speck, der sich tropfend in die Glut ergoss, um als rauchschwadende
Wolke des Waldes Krone zu besuchen. Speck und Wurst bot er mir
an, ich weiss nicht warum, vielleicht hielt er meine vegetarische
Offenbarung fuer einen Spass. Jedoch kam mir entgegen, dass
er gekochte Eier, Schafskaese und Brot mit sich trug, mir davon
gab, vor allem aber auch, dass wir zuvor reichleich Baerlauch
gesammelt hatten, was trefflich zu unserem Essen passte und
noch viel besser schmeckte. "H m", brummte nunmehr
behaglich ich.
Der Baerlauch, ich nahm eine satte Fuhre mit mir, erwies sich
im Spaeteren bei einigen Kindern, aber auch bei einigen Mitarbeitern
als begehrte Nahrung, die munter kauend sich mit gruenem Kraut
vollstopften und danach auch derart rochen. Meine Blaettersammlung
stiess auch bei den Kuechenfrauen auf vollstes Verstaendnis.
Na klar, er ist Vegetarier, das passt gut, lachten sie, als
ich mit einem Strauss Baerlauch zum Abendessen erschien, um
meine Speise geschmacklich anzureichern, aber auch um meinem
Essen farbfrische Impulsen zu schenken. Die Baumpilze, die der
Waldlauefer vom Baume pflueckte, erschienen mir ein wenig sonderlich,
ich nahm keine mit, auch wenn er mir zu verstehen gab, dass
diese, von einem pikanten Geschmack getragen, vorzueglich munden.
Einige Tage spaeter machten der Kollege und ich eine zweite
Wanderung. Wir stiegen wieder die Bergwaelder hinauf, stiessen
auf ein grosses wildes Schwein, das die Hunde, wir nahmen, wie
auch bei der letzten Wanderung, vier mit uns, aufspuerten und
hetzten, was den Waldlaeufer augenblicklich in Jagdfieber versetzte;
lief er doch tatsaechlich dem Schwein und den Hunden hinterher.
Ich machte lieber Rast auf einem stumpfen Baum, dachte an die
Schlangen auf dem Heimgelaende und daran, dass wohl zu erwarten
sei, falls der Waldlauefer auf eine sich ringelnde Natter oder
eine sich schlaengelnde Otter stiesse, einige Tage spaeter ein
neuer Lederguertel seine Hose hielte.
Spaeter ueber Bergweiden schreitend, sammelten wir Pilze. Jedoch
war er mit denen, die ich fand nicht zufrieden, bemaenglete
sie, denn er deutete mit einer spiralfoermig kreisenden Handbewegung
an seinem Kopf an, das meine Pilze dazu geeingnet seien der
gewohnten Wirklichkeit zu entgleiten. Na klar, dachte ich, magic
mushrooms, Kahlkoepfe, psychedelische Pilze, halluzinogen, gerne
auf Weiden wachsend, auf denen Kuehe grasen und deren verdaute
Fladen als Duenger dienen. Nun gut, ich warf die Pilze fort,
denn um auf innere Entdeckungsreise zu gehen, bedarf ich keiner
fremden Stimulanz, reicht es mir doch gaenzlich aus mich ab
und an, wenn auch nicht in diesem Text, in eine andere Dimension
zu schreiben.
Eine kleine Weile spaeter kehrten wir bei seinem Bruder ein,
einem Schaefer - kaerglich seine Alm. Zur Begruessung gab es
eine voll gefuellte Tasse Schnaps mit der Bemerkung, die mich
lachen liess, dass dies natuerlich kein Alkohol sei, sondern
ein Heilmittel gegen die hier im Bezirk vielfach ausgebrochene
Vogelgrippe, gripa aviara, ist. Na dann: Noroc, Glueck, weg
das Zeug auf einem Schluck. Das ist hier so ueblich.
Nun gut, so bin ich nun auch gegen die Vogelgrippe geimpft,
was mich durchaus beruhigte, als mir beim Essen, es gab mameliga,
Maisbrei, den gibt es oft genug im Heim, der macht satt, aber
schmeckt nicht sonderlich, aber auch Telemea, Schafskaese, und
Urda, Schafskaese in einer gesuessten Variante, die Huehner
um die Beine strichen. Der Schaefer zeigte mir ein Schaf, das
apathisch am Boden lag, und mit einer grosse klaffenden Wunde
am Genickansatz geschlagen war und sprach ein Wort, das ich
kannte, schon ehemals hoerte, es hiess: Urs. Was er mir damit
zu verstehen geben wollte, war mir augenblicklich klar: Das
Schaf hat sich betrunken und ist vom Berg gestolpert. Nun liegt
es da.
Hofberichterstattung des Hoffotografen:
Unter den Kindern im Heim, wie sollte es auch anders sein,
hat sich eine hierarchisch gepraegte Rangfolge gebildet; sowohl
bei den Jungen, als auch bei den Maedchen. Die Handlungsrituale
der Maedchen betrachtend, insbesonderer die Beobachtung des
Selbstverstaendnisses des Maedchens, das an der Spitze thront,
liess in mir das Bild der Regentschaft einer Koenigin enstehen,
die einen Hofstaat um sich scharrt und ihren Interessen folgend
nach Belieben Macht und Einfluss auf ihre Untertanen ausuebt.
Bestaendig zu erleben, immer wiederkehrend die Sequenz, vielleicht
bin ich in einer Zeitschleife gefangen, ist das abendliche Ritual,
dass die Koenigin und ihr Gefolge die besten Sitzplaetze vor
dem Fernseher beanspruchen. Das Erscheinen der Koenigin oder
in der Rangordnung hoch stehender Kinder hat zu Folge, dass
die gesamte bestehende Sitzordnung Karussel faehrt und rotiert.
Die Koenigin laesst sich auf belegte Plaetze plumpsen oder gibt
eine kurze Order oder macht eine schnelle Hand bewegung, was
zur Folge hat, das rangniedere Kinder weichen, um wiederum Kinder
von ihrem Platz zu verdraengen, deren Status noch tiefer siedelt.
Eines gibt es sicher nicht, Diskussionen ueber die Sitzordnung,
denn diese ist, zwar nicht ausgehandelt, wohl aber laengst verinnerlicht.
So sitzen beispielsweise die Maedchen, die bestaendig mit Kopf
und Oberkoerper vor sich hin schaukelnd wackeln, vor und zurueck,
vor und zurueck, vor und zurueck, vor und zurueck, vor und zuerueck,
vor und zurueck, mit der Praezision eines Uhrwerks, einer Atomuhr
gleich, ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt und fasziniert,
auf einer Holzbank in hinterer abseitiger Reihe; doch zumindest
an der Heizung. Die anderen Maedchen rekeln sich in Decken gehuellt
auf gepolsterten Sitzgelegenheiten; zuvorderst ihre Majestaet
auf ihrem Thron. Ihrer koeniglichen Hoheit ist es zu eigen,
das abendliche Fernsehprogramm zu gestalten, indem sie die Serie
oder den Film oder den Musiksender nach ihrem Geschmack fr ei
waehlt. Dafuer gibt es keinen Erlass ihrer Majestaet, sondern
es genuegt ein hochadliger Fingerdruck auf die Fernbedienung,
die ihre durchlauchtige Hoheit, einem Zepter gleich, in koeniglichen
Haenden haelt und hier den schoenen Namen 'Telecomanda' traegt.
Zuweilen geht ein enttaeuschtes Raunen durch des Volkes Reihen,
und die Bitte macht sich kund, sie bleibt unerhoert, das gleicht
ja einer Majestaetsbeleidigung, das ist ja unerhoert, darauf
reagiert sie nicht, sie ignoriert ihr Volk, das sehnsuechtig
darauf wartet, doch wieder zu dem Programm zurueckzukehren,
das nur einen koeniglichen Fingerdruck von ihrem wunschhaften
Begehren entfernt, doch unerreicht, ungesehen verborgen schlummert.
Ab und an weist die Koenigin ihre Dienerschaft an Obacht zu
geben, Sorge zu tragen, das ihr hochwohlgeborener Mund mit kuehlem
Nass befeuchtet und bewaessert wird. Sie sendet ihre Magd aus,
um Wasser zu holen. Gefaellt ihrer Majestaet der Haarreif einer
Untergebenen, so nimmt sie ihn sic h, steht er ihr doch zu,
und ist es doch so ueblich hier am Hof. Geht ihre Hoheit mit
Hofstaat zum Baden, so traegt natuerlich nicht sie, sondern
ihre Dienerschaft das koenigliche Gepaeck und wenn sie sich
umkleidet, macht sie dies nicht allein, sondern zieht sich von
Hofdamen umringt vornehm zurueck. Und bleibt die Koenigin am
Wegesrande steh'n und schwaermt im lieblichen Tone, ach, wie
himmlisch der Flieder hintern Zaune doch riecht, so machen sich
augenblicklich zwei junge Recken auf, die um die Gunst der Koenigin
buhlen, ihr den Hof machen, manchmal denke ich, sie machen sich
eher zum Affen, obwohl Affen derartiges gar nicht machen, klettern
den Mauerfall hinauf, ueber den Zaun, betreten ein fremdes und
unbekanntes Reich, um fuer ihre Herzensdame einen duftenden
Strauss Flieder zu erbeuten. Ich koennte schreiben, "Ach
ist das suess", wuerde ich nicht an Hofnarren denken, die
gar nicht bemerken, dass sie sich zum Narren machen, weil die
Koenigin sich gar nichts aus ihnen macht, weil all zu viele
Recken, sich die Finger nach ihr lecken, und ihre durchtriebene
Hoheit die verliebte Torheit der Narren lediglich geschickt
fuer ihre Zwecke nutzt. Ab und an erwaehlt die Koenigin einen
Maerchenprinz fuer sich, doch stellt sie ihn stets auf die Probe
und ich sah noch nie, dass ein junger Rittersmann ihre Pruefung
bestand, worin auch immer diese bestehen moege, denn wenige
Tage spaeter macht ein anderer Recke ihr den Hof. Der letzte
Recke, der die Koenigin umwarb, um ihre Gunst buhlte, und unerlaubterweise
nach den Fruechten seines Begehrens, ihrem Busen, griff, nicht
zum ersten Mal, wie ich sah, zuweilen jedoch geduldet, was ihn
die Grenzen vergessen oder verdraengen liess, die er diesmal
eindeutig ueberschritt, erhielt einen derart kraeftigen Tritt
in seinen Hodensack, dass dieser riss und genaeht werden musste.
Was soll ich noch schreiben: Die Koenigin kicherte vergnuegt
und froehlich mit ihrem Hofstaat und der junge Recke zeigte
im Spaeteren seine Freunden seines Hodensackes Naht.
Schriebe ich ein Maerchen, so gelaenge es sicher keinem Maerchenprinzen
und auch keinem triebhaft blinden Recken, ein koenigliches Herz
zu entflammen, zudem muesste die Koenigin ihre Krone, Zacke
um Zacke, erst einbuessen, sondern es waere der Bettelmann vom
Wegesrand, den tausendfach sie uebersah, derwohl er ueber Jahre
hinweg stets bei ihr war, so nicht in Menschengestalt bei ihr
weilend, so doch zaertlich tragend sie im Herzen und bestaendig
bewahrend sie in Gedanken, der auf vielerlei Irrwegen, Pruefungen
unterworfen, Gefahren bestehend, die Gunst der Koenigin erringt
und ihre Liebe entfacht, so als waere er des Feuers lichter
Funke und sie des Feuers rotgluehende Flamme, so als waeren
sie immer schon nur fuer einander entbrannt, niemals endend
des Herzens feurig lodernde Kraft, um im Funkenflug himmelwaerts
steigend fuer alle Zeit und alle Welt weithin sichtbar als Stern
am Himmelszelt funkelnd leuchtend zu erstrahlen. Falls mir der
Sinn mir danach steht, schreibe ich vi elleicht einmal eine
Geschichte, doch derzeit habe ich dazu keine Lust, vielleicht
ist es auch einfach noch zu frueh und so begnuege ich mich damit
zu erkennen, was diese Zeilen ueber mich zu erzaehlen wissen:
Ich liebe Schmalzgebaeck und Kitsch.
Zurueck zum Hofprotokoll: Es gibt Momente, da denke ich zuweilen,
das wohl jeden Augenblicke die koenigliche Kutsche ihrer Majestaet
vorfahren muesse, um die Koenigin an einen Ort ihrer Wahl oder
zu ihrem Schlosse zu geleiten. Und dann will mir beinahe scheinen,
"ob der psychedelische Pilz wohl allein schon durch Hautkontakt
Wirkung entfacht, doch erst Tage spaeter", geht es mir
durch den Kopf, als hoerte ich aus der Ferne, langsam behebe
naeher kommend, doch lustig klappernd, Pferdehufe. Doch dann
wache ich ploetzlich und unvermittelt auf und mir faellt ein,
dass ich in keinem Maerchen stecke, sondern in Rumaenien weile,
und hier staendig von Pferdegespannen gezogene Fuhrwerke, mit
Heu oder Holz oder Menschen beladen, die Strassen befahren und
nur sehr selten Maerchenprinzen derart reisen. Und blicke ich
dann auf dem Rueckweg vom Badesee zur Koenigin, die am Wegesrande
steht, das Pferdegespannn huft an uns vorueber und auch vorbei,
die Pferde schnaufen unter ihrer Last, ihr Tritt ist muehselig
schwer, so sehe ich in ihrer koeniglichen Hoheit nur ein einfaches
Maedchen, das mannigfache Wesenszuege in sich vereint, die ich
nicht beruecksichtigt habe und das Bild, das ich erschuf, erscheint
mir auf einmal unscharf, verwackelt, oberflaechlich und matt,
ist sie doch ein Maedchen, das vielerlei Praegungen unterlag,
das Erfahrungen sammelt, Staerken und Schwaechen hat, Fehler
begeht, doch auch Gutes bewirkt, die sich in der Liebe und Verliebtheit
probiert und ungekroent zu Fuss, pe jos, nach Hause geht.
Zu erwaehnen gilt noch: Selbst gegenueber dem Betreuungspersonal
weiss das Maedchen ihre gehobenen Stellung zu wahren und fuer
sich nutzbar zu machen. Immer einmal wieder ergreift sie im
energisch befehlendem Tone das Wort und ermahnt andere Kinder
Ruhe zu wahren und auch zu halten, insbesondere dann, wenn eine
Telenovela sie besonders interessiert. Sie weist aber auch Maedchen
an, in gewisser Weise sorgt sie fuer Ordnung, etwas zu tun oder
zu lassen, ganz im Sinne einiger Betreuerinnen, so etwa wenn
sie einige Maedchen kurzerhand zu Bett schickt, weil sie der
Auffassung ist, dass es spaet genug fuer die Bewohnerinnen von
Dormitor, Schlafsaal, Nr. 3, sei, schlafen zu gehen. Auf ihr
Wort hin reagieren die Maedchen schneller und folgsamer, als
wenn eine Betreuerin die Anweisung gaebe, und es gibt auch keine
Diskussionen. Derart nimmt sie dem Betreuungspersonal Arbeit
ab, uebernimmt gar Aufgaben des Personals, was diese durchaus
zu schaetzen wissen, es entlastet sie, was dazu fu ehrt, dass
man ihr in gewissen Bereichen freie Hand laesst, aber auch Freiheiten
zubilligt, die anderen verwehrt sind, was wiederum zur Folge
hat, dass ihr Selbstverstaendnis und ihre Rolle unter den Maedchen
sich nochmals bekraeftigt und verstaerkt.
Die Wirklichkeit rekelt sich behaglich im Fixierbad:
Vor dem Schulgebaeude wehen drei Fahnen im Wind. In der Mitte
flattert munter in blau, gelb und rot die rumaenische Nationalflagge.
Das diese Fahne dort weht, vermag mich nicht zu verwundern.
Zu ihrer rechten Seite bilden Sterne auf blauem Grunde einen
Kreis: Die Fahne der Europaeischen Union. Rumaenien findet wohl
Anfang des naechsten Jahres Aufnahme, klick, im Kreise der anderen
europaeischen Staaten. Auch dieses Bild vermag ich zu entwickeln.
Was mich jedoch verwundert, und mir auch keiner meiner Kollegen
zu erklaeren vermochte, sie wussten zu meist nicht einmal, dass
vor der Schule ueberhaupt Fahnen wehen, geschweige denn welche,
noch schien es sie zu interessieren, ist das dritte Flatterhemd
im Wind: Warum strampelt und zappelt vor einem Schulgebaeude,
sich um die Fahnenhalterung windend, das Symbol der NATO traege
vor sich hin?
Nun gut, ich erhielt keine Antwort, also lasse ich meiner Phantasie
kurzerhand freien Lauf und dehne spielerisch die Wirklichkeit,
indem ich munter einzelne Wirklichkeitsbruchstuecke aneinander
reihe, Zusammenhaenge aufloese und beliebig neu zusammen fuegen.
Mal sehen, welches Bild um den Flattermann im Wind entsteht:
Vielleicht wissen auch alle bescheid, sind eingeweiht, stellen
sich bewusst ahnungslos und stumm, eine Strategie, um mich im
Dunkeln zu belassen und in die Irre zu fuehren. So muss es sein,
es gibt keinen Zweifel, ich bin einem Geheimnis auf der Spur
und die Schule dient nur der Tarnung. Wie sonst soll es zu erklaeren
sein, dass ploetzlich drei Polizisten sich in dem Schlafraum
neben mir fuer einige Tage eingenistet haben. Polizisten in
einem Kinderheim in zivil - wo gibt es denn so was - nicht mal
in Rumaenien. Wer glaubt denn schon daran, dass sie des nachts
als ziviles Einsatzkommando in der Umgebung taetig sind, um
der Kriminalitaet zu begegnen. Das koennen sie jemand anderem
erzaehlen, aber nicht mir. Und warum sollte eine Lehrerin mir
verweigern, den Unterricht der Kinder zu besuchen und mich unter
dem fadenscheinigen Argument zum Gehen bewegen, ohne mir dabei
in die Augen blicken zu koennen, dass die Schule einem anderen
Ministerium unterstellt ist als das Heim, und ic h nicht Praktikant
der Schule, sondern des Heimes sei. Fuer welches Ministerium
sie arbeitet, habe ich nicht erfahren, es muss ja nicht unbedingt
das Schulministerium sein, dass sie bezahlt. Vielleicht hat
sie auch etwas zu verbergen oder arbeitet lieber im Verborgenen.
"Waere ich so unfreundlich wie sie, wuerde ich mich auch
aus der Oeffentlichkeit zurueckziehen und keine fremden Augen
auf mir dulden", dachte ich ein wenig muerrisch, und fuehrte
den Gedanken zu meiner eigenen Freude so gar noch weiter, indem
ich an die Schlangen des Heimes dachte, die wohl auch anders
zu deuten seien, nicht im Grase lauern und beissen, sondern
auf zwei Beinen stampfen und bittere Worte giftig spucken. Vielleicht
war ich des Raetsels Loesung auch einfach nur zu nah gekommen
und die Hueterin des Grals war lediglich wild entschlossen ihr
Geheimnis zu wahren.
Apropos giftig, apropos Wirklichkeitsbruchstuecke, da faellt
mir eine alte Strophe aus einem Gedichtentwurf von mir ein,
entstanden beim Lesen des Walpurgisnachtstraums aus Goethes
Faust, ewig Entwurf bleibend, weil ich mich nicht dort hin schreiben
will, wohin sich Goethe schrieb, aber auch weil die Fertigstellung,
ebenso die Gedanken, die ich ueber die Lehrerin schriftlich
fixierte, zur Folge haben, dass sich vollzieht, was ich als
Fotograf zu vermeiden suche: Die Schrift im Dunkel kalt zu schreiben.
Nun gut, die Verse fielen mir nun einmal ein, als ich an die
Lehrerin dachte, bei der ich mich entschuldige, weil ich masslos
uebertreibe, doch fuege ich die Strophe nun in die Zeile, weil
ich die Wirklichkeit gestalte, werde es aber weiter gehend vermeiden,
mich an Goethes Faust zu reiben, sonst werden aus 10 Seiten
157 und das ist nur 'Der Tragoedie erster Teil':
Zungenspalt und Schlangenleib,
Gift im Zahn und altes Weib,
Hexenbesen, Pferdefuss,
Jedes Wort geschwaerzt im Russ.
Apropos Geheimnis: Pssst, ich schreibe ganz leise, die Schrift
beginnt zu fluestern, ich drehe mich vorsichtig um, linse aus
den Augenwinkeln, niemand zu sehen, was jedoch nichts bedeutet,
denke ich, fuehle ich mich doch ploetzlich beobachtet. Ich zuecke
meine elektromikroskopisch kleine Kamera, Nanotechnologie, Quantenmechanik
vom Feinsten, doch schlecht in der Hand zu halten, sind meine
Haende doch keine mehrfachdimensionalen kleinen Quanten, sondern
gleichen vielmehr ueberdimensional grossen Pranken, und mache
im Geheimen, Streng Vertraulich, Verschlusssache, Top Secret,
ein winzig kleines Foto. Wer haette das gedacht, unglaublich,
das Bild ist eindeutig, scharf und klar:
Im Keller des Schulgebaeudes befindet sich das NATO-Hauptquartier.
Die Kinder spielen nicht im Gras verstecken, sondern werden
von drei Offizieren einer Spezialeinheit in Guerilla-Technik
und von einen Waldlaeufer im Ueberlebenstraining ausgebildet.
Ich erkenne keine Schlangen auf dem Foto, daraus folgere ich
schlusslogisch, dass es hier gar keine Schlangen gibt. Schlangen
- hier - das ist nur ein Maerchen, um Menschen davon abzuhalten
sich auf das Gelaende zu wagen oder neugierige Blicke darauf
zu werfen. Und, das ist ja nicht zu fassen: Die Lehrerin ist
eine Agentin im operativen Dienst. Alles klar - ich bin im Bilde.
Hab ich's doch gewusst, sie wollen mich hier nur zum Narren
halten.
Wie lustig die Wirklichkeit doch ist: Dann bin ich auch kein
Praktikant, sondern ein Spion - natuerlich in eigener Mission.
Voellig logisch.
Warum die Fahne vor dem Schulgebaede weht, erklaert mir all
dies nicht. Vielleicht gibt es die Fahne ja auch gar nicht,
ist nur in meiner Wirklichkeit existent, sehe sie doch ohnehin
nur ich. Mein Gott, sie mischen mir hier bestimmt irgend etwas
ins Essen. Besahen mich die Kuechenfrauen heute morgen beim
Fruehstueck nicht auch so sonderbar, nur weil ich keinen grossen
Hunger hatte und die Tomate nicht essen wollte, die sie mir
gaben. Da war bestimmt was drin. Und ich bin auch immer so muede
. . .
Ergo, was fuegt sich ins Bild: Auch wenn ich diese Passage
spielerisch uebertreibend gestaltete, so wird doch ein Prinzip
der Wirklichkeitsbildung erkennbar, das auch auf die Hofberichterstattung
und auf die Passage um den Waldlauefer, eigentlich ueberall,
immer und bestaendig zutrifft: Die Wirklichkeit laesst sich
flexibel gestalten, und wenn man nur fest genug daran glaubt,
kann jede Form der Wahrnehmung dazu dienen ein in sich entstandenes
Bild oder eine in sich gebildete Meinung zu stuetzten. Jede
Informationen kann dergestalt interpretiert, geformt oder aneinander
gereiht werden, auf das sie sich lueckenlos in das Wirklichkeitskonstrukt
fuegt, dass man in sich traegt, um zu bestaetigen, was man fuer
sich erschuf und fuer wahr, wirklich und richtig haelt oder
aber dafuer halten will. Informationen, die das Wirklichkeitskonstrukt
nicht stuetzen, laesst man gerne ausser Acht oder misst ihnen
keine Bedeutung bei oder zu oder die Wahrnehmung ist derart
seletiv auf ein Wirklic hkeitsbild gerichtet, dass man all das,
was rechts und links und oberhalb und unterhalb davon liegt,
nicht zu erfassen vermag und auch nicht in sein Wirklichkeitskonstrukt
integriert oder es derart integriert, indem man es ausser Acht
laesst.
Ein rote Kontrollleuchte blinkt. Was mag das nur bedeuten?
Ob ich mit diesem Fotobericht wohl uebertreibe? Nein, sicherlich
nicht, denn mir gefaellt er. Aber ich glaube, ich weiss, was
da rot warnend leuchtet: Ich bin pleite. Das verwundert mich
nicht, war mein Konto doch bereits ueberzogen als ich nach Rumaenien
fuhr. Ich betrachtete diesen Umstand ohnehin als eine Lektion
und Lerneinheit, mich von meinem Sicherheitsbeduerfnis zu befreien.
Nur zu oft erging es mir so, das mein Gehirn, dass Sicherheit
liebt, obwohl es weiss, dass es im Leben keine Sicherheit gibt,
Umstaende konstruierte, die dazu fuehrten, nicht das zur Tat
zu heben, was zu mir gehoert, mir wichtig ist und am Herzen
liegt. Sich selbst treu zu sein, zu sich selbst zu stehen, Unsicherheiten
anzunehmen, so sie nicht zu vermeiden sind, im Idealfall entstehen
sie gar nicht erst, sich selbst zu hoeren, um sich selbst zu
folgen, ist nicht unbedingt leicht, doch sicherlich wichtig
und vor allem ein direkter Weg zu mir.
Mein Verstand ist mir durchaus wichtig, er mag mich gerne beraten,
doch haette ich auf ihn gehoert, und nicht auf mein Gefuehl,
dann waere ich heute nicht hier und das waere doch wirklich
schade. Zudem ist es doch so: Es geht immer irgendwie weiter,
da bin ich mir gewiss und wenn es nicht anders geht, dann bleibe
ich eben kein halbes Jahr hier, sondern kehre frueher zurueck.
Ich sehe kein Problem. Eines werde ich sicherlich nicht: Mich
in denkenden Konstrukten verwickeln, darin winden, um Unsicherheit
zu finden. Das lehnt mein Gehirn ab, es hat gelernt, vielen
Dank, dass es sich mit derartigen Konstrukten lediglich selbst
zur Last faellt. Wozu waere das nutze? Es ist, wie es ist und
so wie es ist, so will ich es auch nehmen. Das logische Erlebnis
aus diesem Schluss: Die Kontrollleuchte ist erloschen und ich
habe Ruhe. Cool.
Nachtrag: Ich bin pleiter, als ich dachte. Ich fuhr mit dem
Bus nach Sacele um Geld von der Bank abzuheben. So ging ich
denn zum Geldautomaten, dessen Oberflaeche verfuehrerisch spiegelnd
glaenzte, so dass ich mich vertippte und der Automat auf franzoesisch
mit mir zu kommunizieren begann. Ich verstand kein Wort oder
hatten wir lediglich Kommunikationsprobleme, ich weiss es nicht,
doch fuehlte ich mich augenblicklich heimisch bei ihm, bin ich
doch Verstaendigungsschwierigkeiten gewohnt. Obwohl ich glaubte
die rechten Tasten zu druecken, erhielt ich kein Geld, wohl
aber nach einer Weile, ich tippte mal hier und auch mal dort,
meine Karte zurueck. Nun gut, beim zweiten Versuch kommunizierten
der Automat und ich in deutsch und ich war freudig ueberrascht,
als der Automat zu scherzen begann, mich an seiner programmierten
Wirklichkeit und guten Laune teilhaben liess, sein Wort an mich
richtete und mir zu erklaeren begann, dass ich einen anderen
Betrag waehlen solle, ist er nicht r eizend, er liess mir die
Wahl, weil der gewuenschte Betrag mein Guthaben ueberstiegen
hat. Du Schelm, dachte ich schmunzelnd, ich kann eingeben, was
ich will, das nuetzt mir alles nichts, ist mein Konto doch ueberzogen,
bin ich doch in den Miesen und die Bank gibt mir keinen Lei
- weder den alten Lei noch den Neuen.
Da ich mir so etwas schon fast dachte, habe ich meinen Notgroschen,
50 Euro in bar, gleich mitgebracht. Beim Versuch mein Geld zu
wechseln, erlebte ich die Wirklichkeit ein wenig verschroben,
oder war sie mir spoettelnd gesonnen oder einfach nur zu Spaesschen
aufgelegt, denn die Bank zu der ich ging, sie trug gar einen
deutschen Namen, konnte mein Geld nicht wechseln, weil, dass
gab mir eine Bankangestellte zu verstehen, ich war ein wenig
ueberrscht, die Bank kein Geld hat. Ist das nicht lustig: Der
Bank geht es ebenso wie mir, ist ebenso pleite wie ich. Vielleicht
habe ich auch nur deswegen kein Geld aus dem Automaten erhalten,
der Geldesel mit Verstopfung ist Mitarbeiter des gleichen Kreditinstituts,
das kein Geld hat, ein harter Job rund um die Uhr, doch an der
frischen Luft, weil die Bank pleite ging, nicht aber weil mein
Konto ueberzogen ist. Die Bankangestellte laechelte freundlich,
vielleicht zu freundlich, dachte ich, doch hatte sie dennoch
einen guten Tipp fuer mich, der nur 50 Meter entfernt lag und
Wechselstube hiess. Wohl an denn auf zum frohen Wechseln. Doch
traute ich meinen Augen kaum, als ich die Aufschrift des Schildes
am Schalter der Wechselstube las. Dort stand doch wirklich,
auch noch in Grossbuchstaben, mir fiel die Verschwoerung ein,
die mich umgab: NU AVEM LEI. Ist es denn zu fassen, auch der
Wechselstube geht es so wie mir, ich bin in guter Gesellschaft,
denn auch sie hat kein Geld. Gut, die naechste Bank, die ich
fand, war zum Wechsel bereit, doch war ich nicht ueberrascht,
es passte ins Bild und auch zum Tag, dass der Kurs den sie mir
anbot und gab, nicht der beste war, habe ich doch schon einmal
zu einem besseren Kurs mein Geld getauscht.
Ich hoffe das Geld reicht, um mir ein Bahnticket nach Oesterreich
zu kaufen, dort wollte ich ohnehin Ende des Monats hin, weil
mein Visum ablaeuft. So ich mir Geld leihen kann, ich frage
einmal rum, es wird mir hoffentlich gelingen, ich glaube schon,
so kehre ich nach Rumaenien zurueck.
Da geht mir doch noch etwas durch den Sinnn: All meine Aermlichkeit
entsteht nur, da bin ich mir gewiss, weil ich ueber einen Bettelmann
im Maerchen schrieb und mein Schriftwort sich erfuellen muss.
Jetzt fehlt nur noch die Koenigin, die mich erwaehlt, wach kuesst
und erloest. Na, da bin ich ja mal gespannt. Vielleicht wuerde
die Koenigin auch ihre Maerchenprinzen und ihre Krone fuer mich
versetzen, das waere doch toll, dann waere sie ihren Ballast
los und fuer die Grosse Liebe des Lebens frei, was mir entgegen
kaeme, weil ich nicht vor habe mich in einer kleinen liebe zu
vergeuden.
Fotos vom letzten Schultag der 8. Klasse der Scoala speciala:
Die Abschlussklasse begeht ihren letzten Schultag mit einem
nachmittaeglichen warmen Essen, Limonade, Musik und Tanzen.
Einige Lehrer und Betreuer nehmen an der Feierlichkeit teil,
haben sich teils festlich gekleidet, ebenso wie viele der Jugendlichen,
die herausgeputzt sind, weisse Blusen und schwarze Roecke, schwarze
Hosen und weisse Hemden tragen und sich mit einer langen weissen
luftigen Schleife, einem Abschiedsgruss gleich, schmuecken.
Einige Schuhe der Maedchen scheinen nicht dazu geeignet sich
vorteilhaft zu bewegen, zumindest haben sie nicht gelernt, wie
man darin geht, obwohl ich es durchaus bewundere, wie sie es
vollbringen auf hochhackig stoeckligen Schuhen Jungen hinterher
zu laufen, um diejenigen in die Schranken zu weisen, die sie
neckend geaergert haben oder einfach nur um deren spielerischem
Annaehrungsversuch spielend folgen zu leisten.
Am Abend oeffnet sich unerwartet unter Beifallsrufen die Pforte
der Cabana de Fete, des Schutzhauses der Maedchen, denn die
Nachtwachen haben zur Ueberraschung gestattet noch ein wenig
zu feiern, und so stroemen die aelteren Jungen ein, um gemeinsam
mit den Maedchen zu tanzen und zu lachen. Um 23:00 schliessen
sich die Tore.
Waehrend des abendlichen Festes fuehlen sich mehr Maedchen
als sonst dazu motiviert ihre Oberkoerper vor und zurueck, vor
und zurueck, vor und zurueck zu wiegen, wenn auch nicht im Rhythmus
der Musik, sondern ihrem eigenen Rhythmus folgend, jedoch energisch,
kraeftig und schnell.
Ich erinnere mich grinsender Weise an die Schuhe der Maedchen,
als ich beim Tanzen meine Hausschuhe betrachte und mich unvorteilhaft
bewege.
Siegerehrung und Gruppenfoto:
Am letzten Schultag der Klassen 1 bis 7 nehmen die Kinder vor
dem Schulgebaeude klassenreihe vor den Lehrern und Lehrerinnen
und der Direktorin des Heimes Aufstellung, lauschen einer kurzen
Rede der Schulleiterin, die danach Klasse fuer Klasse diejenigen
Kinder ehrt, die sich durch besondere schulische Leistungen
hervorgetan haben. Die Klassenbesten treten unter dem Applaus
ihrer Schulkameraden vor, ueberreichen den jeweiligen Klassenlehrerinnen
in Namen der Klasse einen Blumenstrauss, die sie sodann farbenfroh
ehren und kroenen, indem sie ihnen einen grossen bunten Blumenkranz
aufs Haupt legen, eine Urkunde und kleine Geschenke ueberreichen
und ihnen ein Kuesschen rechts und ein Kuesschen links auf die
Wangen druecken; das ist hier so ueblich. Mir gefiel es zu sehen,
wie sehr sich manche Kinder ueber ihre Auszeichnungen freuten.
Einige Kinder senkten gar verlegen laechelnd, doch stolz, ihren
Blick zu Boden. Nach der Ehrung der Kinder zueckten manche Lehrer
ihre Kamera, um d ie posierenden Sieger samt Siegeskranz zu
fotografieren. Ich dachte kurz an die Kinder, die nicht geehrt
und nicht abgelichtet wurden, ging in mein Zimmer, camera mea,
zueckte meinen Stift, um ein Gruppenfoto von allen Kindern vor
dem Schulgebaeude aufzunehmen. Klick. Denn es ist doch so, so
sehe es zumindest ich auf meinem Foto: Ein Klassenbester oder
eine Klassenbeste, ein Sieger oder eine Siegerin, vermag niemals
wichtiger zu sein, als der Verband oder die Gruppe aus der er
oder sie hervorging, weil niemand ohne die ihm ungebenden Menschen,
also diejenigen an denen andere seine Leistung gemessen haben,
siegreich aus deren Mitte gekroent werden kann. Das bedeutet
nicht, dass gute Leistungen nicht belohnt werden sollen, obwohl
ich gute Leistungen nicht unbedingt an gute Zensuren knuepfen
will, das waere wohl ein wenig zu einfach, und ich bin auch
kein Lehrer, sondern lediglich, dass ich auf meinem Foto die
Geehrten in ihrer Gruppe sehe.
Schnappschuesse:
Schnappschuss I: Ein Maedchen nimmt mich in den Arm, haelt
meine Hand und sagt, dass ich ihr Vater sei.
Schnappschuss II: Die Jungen malen sich gegenseitig mit schwarzem
Kugelschreiber Tattoos auf Arme und Beine.
Schnappschuss III: Am Tag des Kindes am 1. Juni gibt es zum
Nachtisch Torte und einen Nachmittag mit vielen Spielen.
Schnappschuss IV: Eine Lehrerin schenkt einem Maedchen zwei
Tischtennisschlaeger unter der Bedingung, dass ich die Schlaeger
verwahre und weiterhin mit ihr uebe.
Schnappschuss V: Zur Freude einiger Kinder laufe ich mit ihnen
Hand in Hand durch den Regen.
Schnappschuss VI: Die Kinder zeigen mir zum wiederholten Male,
wie man Sonnenblumenkerne mit den Zaehnen knackt, um das Samenkorn
aus dem geoeffneten Schaleninneren mit der Zunge zu fischen.
Schnappschuss VII: Zwei Kinder erklaeren mich lachend fuer
verrueckt, weil ich zu ihnen sage, dass sie sich nicht beissen
sollen, als sie sich ungeschickt kuessen.
Schnappschuss VIII: Ein Maedchen zwinkert mir zu, was mich
zum Lachen bringt, weil sie dies nicht kann und sich ihr Gesicht
zur Grimasse verzieht.
Schnappschuss IX: Die Jungen ueben sich im Tanz, Augen leuchten,
Lebensfreude, laufen akrobatisch auf Haenden und schlagen rueckwaerts
Salto. Cool.
Schnappschuss X: Ein Hund liegt unterhalb meines Fenster und
schnarcht.
Ein schoenes Ende, denn ich bin des Schreibens muede und das
ist selten. La Revedere.
Jens Steinberger in der ersten Junihaelfte des Jahres 2006.
Bradet. Rumaenien.
PS:
Zur Berichtigung: Im ersten Bericht schrieb ich, dass die Kinder
meinen Namen derart schreiben: 'Ents'. Sicherlich gibt es viele
Rechtschreibfehler in meinem Text, doch diesen moechte ich richtig
stellen, denn die Kinder haben meinen Namen folgerichtig dem
gesprochenen Wortlaut folgend in geschriebene Zeichen uebersetzt
und das gefaellt mir sehr. So sie mich Ents rufen, eindeutiger
Enz, so schreiben sie: 'Enti'. Das 't' hat ein Schnoerkel unten
drunter, wird daher wie ein 'z' gesprochen und das 'i' am Ende,
das ist hier so ueblich, doch leider nicht immer, laesst man
einfach weg. Das haben die Kinder gut und in sich geschlossen
voellig logisch geloest. Respekt, das ist eine gute Uebersetzungsleistung.
Ach, da faellt mir noch ein, dass neben Jens, Ens, Hens, Hans,
ab und an Jenzi, Jenzo und Jenzos, vereinzelt auch Domnu Jens,
als Herr Jens, die Anrede des Betreuungspersonals mit doamna,
Frau, oder domnu, Herr, nebst Vornamen ist im Heim ueblich,
zu hoeren ist.
Ach, auch das will ich noch benennen, weil es dazu passt: In
Dacia, ich war noch einmal fuer einige Tage bei den Freiwilligen
des Verein "Kinder Europas" zu Besuch, vielen Dank,
es hat mir gut gefallen und war zudem sehr gastlich, die schleimige
Schnecke, die in meinen Schlafsack kroch und ich im Schlaf zerdrueckte,
wird mich wohl weniger gastfreundlich beschreiben, erzaehlte
man mir, dass man sich anfaenglich meinen Namen nicht merken
konnte, was ist an Jens nur so schwer, und sie mich daher, wenn
das Gespraech auf mich fiel, was gibt es ueber mich schon zu
erzaehlen, 'Der Denker und Dichter' nannten. Ich fuehle mich
geschmeichelt, auch wenn sie nur einen Spass machten, es kann
nicht anders sein, habe ich in Dacia doch weder gedichtet noch
laut gedacht.
Ein Abschiedsfoto: In Dacia gab es ein frisch geschlachtetes
Lamm, Lammeintopf und fritiertes Fleisch, ueber Lagerfeuer gekocht.
Ich hielt mich an Salat und fritierte Kartoffeln, fein. Am naechsten
Morgen fand ich beim Aufraeumen des Lammes Hirn. Ich zog mein
Taschenmesser, zerteilte das Hirn in kleine Stuecke und fuetterte
die Hunde. Das ist hier so ueblich. Ich esse zwar kein Fleisch,
doch habe ich keine Beruehrungsaengste. Und wenn ein Tier stirbt,
um uns zu naehren, dann muss man es auch verzehren, sonst ist
es umsonst gestorben.
Ein Gruss zum Schluss: Ich bedanke mich bei Marcus fuer die
anregenden Unterhaltungen, den Spass und fuer die Gelegenheit
einmal wieder Schach spielen zu koennen. Einiges, was er zu
erzaehlen wusste, habe ich, natuerlich auf meine Weise und in
meinem Verstaendnis, in diesem Text integriert, etwa die bereits
in mir entstandene Idee in der Schrift Ausdruck in Bilde zu
finden, vielleicht genuegte gar schon der Anblick seiner Kamera
um meinen traegen Geist zu meiner Idee zurueck zu fuehren, den
Hinweis auf die ueberschaetzte Funktion und Bedeutung von Individualitaet
unter Beruecksichtigung der Darstellung des Menschen als gemeinschaftsbildendes
und in Gemeinschaft lebendes Wesen, was mich, ich drifte mal
kurz ab, an das buddhistische Kausalitaetsprinzip und den Prozess
des bedingten Entstehens denken liess, also daran, dass nichts,
ueberhaupt nichts, von alleine und aus sich selbst heraus entsteht
und besteht, und weiter, dass alles einer zeituebergreifenden
Aneinanderreihung un d Verkettung gleichzeitiger Ursachen und
Wirkungen entstammt und unterliegt, erinnere mich des buddhistischen
Nicht-Selbst, also an Wesenlosigkeit, die nicht des Menschen
Existenz an sich in Frage stellt, wohl aber dessen egogetraenkte
Selbstueberschaetzung und den Glauben an ein eigenstaendiges
und fortbestehendes Selbst, denke an Vergaenglichkeit, die es
im absoluten Sinne nicht gibt, weil alles dem gleichen Quell
entspringt, darin fliesst und darin auch wieder muendet, auch
an Leere, die nicht nihilistisch zu begreifen ist, weil die
Leere nicht besagt, dass das Nichts nichts ist, liegt das Nirvana
doch jenseits all denkender Begrifflichkeit in uns offen, und
daran, dass ein Buddhafigur in der Geste der Furchtlosigkeit
an einem Lederbaendchen meinen Halse schmueckt, und, ich kehre
zurueck, fuer die Erzaehlung ueber einen Agenten im operativen
Dienst. Wie hiess doch gleich der Autor, den du mir empfohlen
hast: Peter Falk? Vielleicht greife ich einmal dessen Buch,
sicherlich , doch vorerst schreibe und lese ich lieber mich.
Wollen wir Fotos austauschen: JensSteinberger@web.de
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