| |
 |
Shortcuts
oder Schnappschüsse oder Blitzlichter oder Daumenkino V
Ein aktueller Bericht von Jens
Steinberger / September 2006
Englische Wochen oder Schule in den Ferien.Eine
etwa 50-koepfige englisch-rumänische Gruppe kam für
zwei Wochen ins Heim, übernahm das Zepter, führte
Regie, hatte die Schlüsselgewalt inne und führte ein
Programm für und mit den Kindern des Heimes durch. Das
Programm gestaltete sich derart: Die Kinder absolvierten von
fünf an verschiedenen Orten stattfindenden Angeboten täglich
vier Programmpunkte, drei vormittags und einen nachmittags,
von jeweils einstündiger Dauer und von einer verordneten
viertelstündige Pause unterbrochen. Die Themenbereiche
gliederten sich wie folgt: Sport und Bewegungsspiel in der Turnhalle.
Massage und Aromatherapie, auch wenn ich den Begriff der aromatischen
Therapie für arg überzogen halte, im Schutzhaus der
Jungen. Basteln, Malen im Schulgebäude und Musikunterricht
im Schutzhaus der Mädchen. Die Kinder wurden in sechs Gruppen
zu jeweils etwa zwölf Kindern zusammengefasst und einem
Betreuer oder einer Betreuerin des Heims überantwortet,
die sie zu den einzelnen Programmorten führten und durch
den Tag geleiteten.
Die Direktorin sprach, an mich und die Kollegen gewandt, gesagt,
getan, dass auch ich eine der Gruppen übernehmen solle
und so trug es sich zu, dass ich auf einer Liste die Namen von
zwölf Kindern fand, die zur Gruppe D gehörten und
mir und einer rumänischen Freiwilligen aus der englisch-rumänischen
Gruppe zur Betreuung übergeben wurden. Eine Kollegin, der
ich die Liste mit den mir anvertrauten Kindern zeigte und sagte,
dass ich eine „Chaosgruppe“ übernommen habe,
erklärte mir kurz, präzise und bündig, dass man
mir genau aus diesem Grunde die Kinder gab, eben weil sie kein
anderer haben wollte. Ja, ich verstehe, die Kollegen wollen
ihre Ruhe.
In der Tat war Gruppe D nicht so ganz leicht in der Handhabung.
Einer der englischen Koordinatoren sprach von harter Arbeit,
was daran lag, dass vier Kinder meiner Gruppe größtenteils
gar nicht der Lage waren an dem Programm teilzunehmen, weil
es sie überforderte und das Programm nicht auf sie zugeschnitten
war. Andere Gruppenmitglieder waren nur zeit- und teilweise
überfordert, andere hatten schlichtweg keine Lust, andere
hatten ganz anderes im Sinn und nur wenige waren begeistert.
Für die vier Überforderten formuliere ich drei Fragen:
Wie und warum sollen Kindern, die wenig bis gar nicht sprechen
auf einmal singen? Wie sollen sich Kinder, die beständig
umher wandern, nicht konzentrationsfähig sind, tief in
einer ganz eigenen Welt leben und darin versunken sind, die
an der Welt anderer nur sehr geringen Anteil nehmen, die auf
Ansprache nur selten bis gar nicht reagieren, auf einmal Bewegungsabläufe
nachahmen oder Spiele begreifen oder eine Stunde still am Tisch
sitzen und dann dabei auch noch Malen oder Basteln? Warum sollten
sie Legosteine zusammen fügen, wenn es sie nicht interessiert
und sie lieber am Boden sitzen und einen Stein fallen lassen,
um ihn wieder aufzuheben, um ihn wieder fallen zu lassen, um
ihn wieder aufzuheben, um ihn wieder fallen zu lassen, um ihn
wieder aufzuheben, vielleicht 20 Minuten lang, um dann verträumt
mit ihrem Steinchen weg zu kriechen, so in den Duschraum, um
Unterwasser-Lego zu spielen oder plötzlich eine Hand voll
Legosteine ergreifen, um sie die Treppe herunter werfen?
Alleine konnte man die Vier nicht lassen, sondern musste sie,
was gar nicht ging, vielleicht, wenn die anderen Acht liebe
und brave Kinder gewesen wären, beständig im Auge
behalten und beim Marsch von einem zum anderen Programmpunkt,
das Gelände ist groß, an der Hand führen.
Andere Kinder der Gruppe D liefen liebend gerne fort oder machten
vielfachen Unsinn oder saßen teilnahmslos herum oder ärgerten
andere Kinder oder rauften oder bewarfen sich mit Gegenständen
oder schliefen oder waren einfach unauffindbar. Ein Junge erlitt
bei einer Rangelei vor der Sporthalle eine Platzwunde am Kopf.
Einige Kinder krabbelten in der Turnhalle auf die Fensterbänke,
doch gelang es nur wenigen aus dem Fenster zu springen. Überhaupt
liebten sie es die aufgestellten Kegel in der Sporthalle umzutreten,
anstatt den Parcours mit einem Ball zu durchlaufen. Andere Kinder
hatten aus den verschiedensten Gründen ihre Krisen. Sie
begannen zu schreien oder zu weinen oder zu fluchen oder zu
spucken oder bissen sich vor Wut in die eigenen Lippen und Hände;
bissen sich gar wund. Andere saßen lange verträumt
und sich vergessend auf den Klo, was mir gut gefiel, waren sie
doch beschäftigt und ruhig. Andere, das gefiel mir weniger,
puh - es stinkt, machten sich dafür in die Hose. Einige
Kinder liefen beständig davon oder legten sich wieder ins
Bett. Andere verloren ihre Schuhe - unauffindbar - weg. Andere
aßen Knetgummi und Leim. Andere liebten es beständig
die Knöpfe elektrischer Geräte zu drücken. Andere
warfen große Sportmatten um und machen es sich zu nutze,
dass ich meinen Platz an der Tür aufgab und herbei sprang,
um zu verhindern, dass die Matte auf andere Kinder fällt,
um dann, raffiniert, zu flüchten.
Gruppe D gelang es fast immer die angedachte Programmstruktur
zu durchkreuzen, um sie kreativ zu verändern und umzugestalten
und das obwohl an jedem Programmort vier oder fünf Freiwillige
auf die Kinder warten, um mit ihnen zu arbeiten. So las ich
schmunzelnd, dass die Malgruppe unter die Teilnehmerliste der
Gruppe D, mit einem Ausrufezeichen vermerkt, die Worte schrieb:
No Paint! Nicht malen! Das verstehe ich durchaus, weil einige
Kinder lieber im Waschraum die Farbbecher ausgewaschen haben,
um eine Farbflut am Boden fließen zu lassen oder ihre
Hände in die Farben tauchten, um anderen Kinder ihr Gesicht
oder ihre Haare zu beschmieren oder die Wand als Leinwand auserkoren
und sie allgemein hin sehr großzügig und großflächig
mit Farbe umgingen.
All diese Aufzählungen sollen nicht darüber hinweg
täuschen, gerade eben erscheint es mir nahezu wundersam,
dass dennoch noch genügend Struktur übrig blieb, um
das Programm auch meine Gruppe erreichen zu lassen.
Anfänglich stand ich oftmals an der Tür, um die Hälfte
der Kinder an der Flucht zu hindern oder lief Kindern hinterher
oder konzentrierte mich auf ein oder zwei Kinder und beschäftigte
sie, damit die Gruppe arbeiten konnte. Jedoch begann es mich
sehr schnell zu stören, Kinder, die keine Lust hatten an
dem Programm teilzunehmen, an einer Programmstation halten zu
müssen. Ich finde, dass Kinder das Recht haben eine Freizeitaktivität
abzulehnen, zudem waren Schulferien, die ihnen keine Freude
bereitet. Man kann versuchen sie zu motivieren, kann versuche
sie in die Gruppe zu integrieren, aber es gefällt mir nicht
sie zum Programmangebot zu zwingen. In diesem Sinne war das
Programm kein Angebot, sondern eine zwangsverordnete und zwangsverschriebene
Erziehungsmaßnahme, in der die Initiatoren und die Heimleitung
eine förderliche und fördernde Wohltat sahen, unabhängig
davon, ob es den Kindern wohl tat, gefiel oder nicht.
Kinder haben ihren eigenen Willen und den sollen sie auch haben.
Wenn die Kinder nicht zur Teilnahme zu bewegen sind, dann sollen
sie es eben lassen. Dann gehört es meinem Verständnis
nach aber auch zur Programmstruktur, dass diese Kinder in spezieller
Weise aufgefangen werden. Die Zwangsteilnahme beeinflusst die
Gruppendynamik sicherlich nicht positiv. Ich bin weder ein Gefängniswärter
noch bereitet es mir Freude ständig Kindern hinterher zu
laufen, nur weil die Programminitiatoren alle Kinder beschäftigt
wissen wollen.
Allerdings ist auch zu berücksichtigen, dass der Umstand,
dass Kinder fortliefen nicht automatisch den Rückschluss
zulässt, dass sie lustlos sind. Das wäre schlecht
beobachtet und so war es sicher auch nicht. Einerseits waren
die Kinder durch die vielen neuen Gesichter in einem hohen Maße
aufgedreht, so wie es ihnen sonst nicht zu Eigen ist und wie
sie es nach der Abreise der Freiwilligen auch nicht wieder waren.
Diese „Aufgekratzheit“ hat sicherlich Verhaltensänderungen
bewirkt.
Andererseits ging mir sehr schnell auf, dass es für einige
Kinder ein lustiges Spiel war, aber auch eine inneres Bedürfnis
zu sein schien, fortzulaufen, um sich von mir oder einem Anderen
wieder eingefangen zu lassen. Sie genossen die Aufmerksamkeit,
die ihnen zuteil wurde, standen sie doch im Mittelpunkt des
Interesses und hatten sie doch zudem die Erfahrung gemacht,
dass die Konsequenz, die sie erwartete lediglich darin bestand,
dass man freundlich zu ihnen sagte, dass sie doch nicht wieder
fortlaufen mögen. Dererlei macht auf die Kinder im Heim,
wohl auf die wenigsten Kinder, keinen Eindruck und wird keine
Verhaltensänderung bewirken, weil sie ganz anderes gewohnt
sind. Warum sollten sie also nicht wiederholen, was ihnen Spaß
bereitete und Beachtung schenkte. Sind doch selbst die Worte
an sie, ihr Verhalten zu verändern, mehr als eine Ansprache,
wird ihnen doch auch in diesem Augenblick Zeit gewidmet und
Aufmerksamkeit zuteil und zwar in einer Art und Dauer, die sie
sonst nicht erhalten und das genießen sie – ich
denke zu Recht. Und so scheint es auch nicht weiter verwunderlich,
dass sie erneut und gerne wegliefen.
So beobachtet und für mich geklärt, wurde ich nun
zum Spielverderber und begann mein Verhalten zu verändern.
Ich ließ die Kinder einfach mal laufen, lief ihnen nicht
hinterher, sondern rief ihnen La Revedere, Auf Wiedersehen,
hinterher, was sie verwunderte und mich freute. Viele zog es
von ganz alleine zur Gruppe zurück, was wohl daran lag,
dass sie nicht die Aufmerksamkeit erhielten, die sie sich erhofft
hatten, und wohl auch darin Begründung findet, dass sie
alleine waren, waren doch die meisten anderen Kinder in das
Programm eingebunden. Allein sind die Kinder hier fast nie.
Das sind sie weder gewohnt, noch wollen sie es sein, was sie
oftmals von ganz alleine zur Gruppe zurückgeführt
hat.
Andererseits habe ich auch damit begonnen, anstatt fortwährend,
wie so viele andere der Freiwilligen, ihnen beständig gut
zuzureden, sie mögen das doch bitte sein lassen, das ging
mir regelrecht auf die Nerven, energisch zu agieren und so habe
ich Störenfriede, die die Arbeit der Gruppe beeinträchtigten,
kurzerhand hinausgeworfen. Das behagte ihnen natürlich
nicht, ich hätte mir auch Schöneres vorstellen können,
aber es gibt Grenzen und die müssen sie erkennen und auch
anerkennen. In der gleichen Weise müssen sie mich auch
als Betreuungsperson akzeptieren, denn ich bin nicht ihr Spielgefährte.
So habe ich ein Mädchen, das fortwährend störte
hinaus befördert, indem ich sie regelrecht hinaus zerrte.
Dabei hatte sie die Wahl ohne zu stören zu bleiben, zu
bleiben und zu malen oder zu gehen. Aber zu bleiben und zu stören,
geht nicht, und dann setze ich, ich bin ein Egoist, ich schrieb
es bereits im ersten Bericht, meinen Willen durch, anstatt mich
ihrem Willen zu beugen. Kinder haben ihren eigenen Willen, das
ist gut, doch geht es nicht dahin, dass sie mir ihren Willen
aufzwängen, zumal wenn sie nicht in der Lage sind mich
argumentativ zu überzeugen und umzustimmen, sie es gar
nicht versuchen, sie nur ihren Willen durchsetzen wollen, aber
über keine Argumente verfügen. Das ist mir dann doch
zu wenig. Und dann muss ich eben auch damit leben, dass das
Mädchen aus Wut und Verärgerung, das verstehe ich
gut, weil sie nicht machen konnte, was sie wollte, beginnt mich
mit Steinen zu bewerfen und mit einer Latte zu randalieren.
Doch fiel mir durchaus auf, dass sie lediglich Steine in meine
Richtung warf, mich hätte treffen können, so sie mich
hätte treffen wollen, es aber nicht tat, weil sie lediglich
ihren Unwillen zeigen wollte, mich aber eben doch auch respektierte,
denn ein anderes Kind hätte sie sicherlich getroffen. Doch
kam das Mädchen am Abend zu mir, warb um mich, denn es
war ihr ein Bedürfnis mit mir Ball zu spielen, eben sich
auf ihre Art mit mir zu versöhnen. Und wir spielten.
Ich gestehe aber auch offen ein, dass sich mein Verhalten in
noch eine andere Richtung wandelte: War ich anfänglich
ständig bei den Schulstunden anwesend, so habe ich im Späteren
die Gruppe auch mal Gruppe sein lassen, führte sie zu ihren
Angeboten, und ging immer einmal wieder hinaus, um mich in die
Sonne zu setzen oder fand es gar schön, so ein Kind fehlte
und ich die Gelegenheit nutzten konnte, um es zu suchen. Ob
ich das Kind fand, war mir nicht so wichtig, so ich es fand,
versuchte ich zu motivieren, doch ließ ich es auch stehen,
so es nicht wollte, denn das Programm der englisch-rumänischen
Gruppe war nicht mein Programm und ich fühlte mich ihm
nicht verbunden.
Zeugniskonferenz
Was ich als Schwachstelle der Programmgestaltung erlebte, war
die Ausrichtung des Programms auf kindliche Belange, gab es
doch auch Jugendliche, die 16, 17 oder 18 Jahre alt waren, und
auch über eine altersgemäße Entwicklungsreife
verfügten, und verständlicher Weise keine Lust auf
Basteln und Malen haben. Andererseits waren einige der Kinder
meiner Gruppe eben auch überfordert. Die über- und
die unterforderten Kinder und Jugendlichen aufzufangen, sie
zu betreuen und zu fördern oder in anderen Aktivitäten
zu beschäftigen, gelang dem Programm nicht und derart griff
bei diesen Kindern auch die Förderung nicht.
Mir gefällt nicht, dass die Kinder und Jugendlichen nicht
gefragt wurden, wozu sie denn eigentlich Lust haben, sondern
ein Programm am Lehrerpult entworfen wurde bei dem die Kinder
und Jugendlichen ihre Wünsche und Vorstellungen nicht einbringen
konnten. Vielleicht lassen sich nicht alle Wünsche der
Kinder erfüllen, doch gefällt mir der Gedanke, Kinder
dazu zu motivieren in sich zu blicken, um von sich zu geben,
was ihnen wichtig ist. Ebenso behagt mir der Gedanke, Kinder
schon im Vorfeld an der Programmplanung zu beteiligen, weil
es sonst zu leicht dazu kommt, dass den Kindern lediglich etwas,
die Vorstellungen anderer, übergestülpt werden, was
sich dadurch noch verschärft, wenn die Programmkoordinatoren,
die beständig mit einem Mäppchen von a nach b nach
c liefen oder fotografierten, darauf verharren, dass alle Kinder
an dem Programm teilnehmen, ob sie Lust haben oder nicht. Ich
finde es wichtig, Raum zu geben, eigene Ideen entstehen zu lassen
und zu entwickeln.
Zudem bilde ich die Meinung, dass Kinder das Recht haben, zu
entscheiden, ob sie an einem Programm teilnehmen wollen oder
nicht, zumal wenn ein Programm in den Schulferien gestartet
wird. Überhaupt erschien mir das Programm viel zu verschult,
was nicht wundert, ist doch von Lehrern entworfen, erinnert
mich im Aufbau an einen Stundenplan, an genau die zeitliche
Abfolge, es ist wohl so gewollt, die die Kinder in der Schulzeit
gewohnt sind, ist in seiner Struktur zu starr, auch wenn in
den unterrichtsfreien Stunden am Abend Freiräume entstanden
sind.
Für meinen Geschmack hatte das Programm auch nicht die
Substanz für 2 Wochen. Eine Woche hätte genügt,
zumal das Programm nicht gerade durch seinen Abwechselungsreichtum
glänzte, von fünf Stationen wurden täglich vier
durchlaufen, es zu Wiederholungen und Überschneidungen
kam, etwa wenn an zwei Stationen das gleiche Spiel gespielt
wurde.
Ich frage mich, in Anbetracht der großen Heimanlage und
der naturhaft schönen Umgebung, warum nicht Aktivitäten
entfacht werden, die mehr Bewegung und Erleben im Freien bieten?
Wo bleibt das sinnliche Naturerleben? Warum bastelt man nicht
im Freien und sammelt zuvor Materialien im Wald? Viele Kinder
können viel zu selten das Heim verlassen, einige waren
bislang nicht einmal im Wald, ich hoffe das verändert zu
haben, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Waldspaziergang
ein besonderes Erlebnis für die Kinder ist, denn sie fragten
mich täglich, ob wir wieder in den Wald gehen. In dieser
Weise fragten sie das englische Programm nicht nach. Zudem gibt
es viel von und in, aber auch über die Natur zu lernen
und das Lernen kann erlebt und erfahren werden, ist vielseitig,
ist anfassbar, ist zu sehen, zu schmecken und zu riechen. Natürlich
kann man auch Basteln und Malen sinnlich erfahren, aber mir
ist der Naturbezug in seiner ganzheitlichen Betrachtung näher
und lieber. Warum keine selbst gebauten Musikinstrumente, einfache
Trommel, anstatt den Kindern eine Trommel vorzusetzen? Warum
kein improvisiertes Spiel auf des Waldes Bühne? Masken
aus Holz? Warum nicht grillen? Warum kein Lagerfeuer? Sind genug
Betreuer anwesend kann man derartiges auch mit “komplizierten”
Kindern unternehmen. Ein Lagerfeuer am letzten Tag nur für
die Freiwilligen zu machen, finde ich ein wenig dürftig
und zu wenig.
Das Positive an dem Besuch und dem Programm war nicht das Programm
selbst, sondern der Umstand, dass die Kinder zwei Wochen lang
im Mittelpunkt standen, Aufmerksamkeit in einem Maße erhielten,
dass sie sonst nicht erhalten, Kontakte zu anderen Menschen
knüpfen konnten und andere Menschen lieb gewannen. Das
Programm an sich bewegte mich nicht sonderlich, was nicht besagt,
dass es schlecht war, sondern lediglich bedeutet, dass ich andere
Vorstellungen und Vorlieben in mir trage, die ich in dem Programm
nicht fand. Aber mir gefiel der engagierte Einsatz und die kooperative
Zusammenarbeit zwischen rumänischen und englischen Freiwilligen.
Vielen Dank.
Überhaupt denke ich, dass man nicht den Fehler begehen
sollte, ein derartiges Programm isoliert zu betrachten. Genauso
verkürzt erscheint mir die Sichtweise lediglich meine Tätigkeit
in Bradet Berücksichtigung finden zu lassen. Es ist die
Gesamtheit der Aktivitäten, die erkannt und beleuchtet
werden will und zwar aller sich dort engagierenden Menschen,
weil sich erst dann ein Bild fügt, das aussagekräftig
ist. Wer lediglich einen Aspekt beleuchtet, dessen Blick wird
nicht in die Tiefe dringen, sondern oberflächlich verhaftet
bleiben. Ob italienische Zahnärzte, die die Zähne
der Kinder untersuchen, ob die Kinder einer englische Abschlussklasse,
die eine Woche lang fünf Stunden täglich mit den Kindern
spielen, ob Franzosen oder Holländer auf Kurzbesuch, die
Fußball spielen oder Kinder auf ihren Motorrädern
mitnehmen, ob englisch und rumänisches Freiwillige, die
zwei Wochen lang ein Programm durchführen, ob deutsche
Praktikanten, die halbjährig bleiben, ob die Angebote des
Heimes selbst, etwa eine Ferienfreizeit am Schwarzen Meer, ob
Kinder anderer Heime, die zu Besuch kommen, ob rumänische
Vereine, die die Kinder informieren, ob eine Musikband, die
Zeit mit den Kindern verbringt, ob der Priester, der die Schule
einweiht oder einen Arbeitsanzug überstreift und mit einigen
Kindern eine kleine Kapelle baut . . . Die Gesamtheit ist maßgeblich,
nicht ein einzelnes Angebot. Die Vielzahl der Angebote sinnvoll
zu verzahnen, sie zu analysieren, nicht nur auf den Sommer zu
begrenzen, erscheint mir eine sinnvolle und wichtige Aufgabe,
die ich mir nicht zuschreibe, sondern als Aufgabenfeld der Heimleitung
sehe.
Und ist es nicht auch interessant sich klar zu machen, dass
ein jeder Aktivist eigene Ideen und Schwerpunkte, Vorstellungen
und Gewichtungen in sich trägt, die seiner lebenslang spezifisch
geprägten Persönlichkeit entspringen, die eben so
vielschichtig erscheinen, wie das Leben vielseitig ist. Mir
gefällt die Vielseitigkeit und das Engagement, mit dem
sich Aktivisten einbringen, aber auch das Wissen, dass hinter
jedem Freiwilligen wiederum eine Vielzahl unterschiedlichster
Organisationen und Menschen zu finden sind, die wiederum ihre
eigenen Schwerpunkte und Ideen zur Tat heben, auf ihre Art unterstützen
und letztendlich ein unglaublich feinmaschiges und unüberschaubares
Gewebe bilden, indem Menschen miteinander verbunden sind, die
sich nicht kennen, nie voneinander hörten und sich nie
gesehen haben.
Ich drifte mal kurz ab:
Natürlich kann es nicht gelingen, es sprengte den Rahmen,
was gar nicht schlecht wäre, weil dann frei fließen
kann, was aufgestaut ruht, die Gesamtheit der Beziehungen an
sich zu betrachten. Doch erscheint ein Ausflug in das wechselseitige
Beziehungsgeflecht durchaus interessant. Ich begebe mich einmal
auf meine ganz eigene Weise auf den Weg und rate den Menschen,
die diesen Text fanden und zu lesen begannen, an, an anderer
Stelle weiter zu lesen:
Buddhistisch betrachtet, sind wir alle, alles Leben und auch
all unsere Gedanken und Taten dem Prozess des bedingten Entstehens
entsprossen. Nichts entsteht von sich aus, aus sich selbst heraus,
von allein, sondern ist dem Kausalitätsprinzip unterworfen,
steht zeit- und raumübergreifend in Verbindung mit und
zu allen und allem, wenn auch oftmals nicht erkennbar, doch
verknüpft über unzählige Millionen Maschen ein
und desselben Gewebes, sind wir doch alle in ein und demselben
Netz untrennbar miteinander verbunden.
In diesem Sinne sind Freiheit und Individualität eine Illusion,
zumal sich Individualität an eine Ich-Haftigkeit und Ich-Identität
knüpft, ein eigenständiges Selbst zu Grunde legt,
dass es in dieser Betrachtungsweise gar nicht geben kann, weil
nicht nur die Entstehung des Lebens und die Erschaffung des
Universums in uns fort lebt, als Maschen im Netz verwoben sind,
denen immer eine oder mehrere Maschen vorausgingen und auch
folgen, sowie auch die Entwicklung von Sprache und Schrift,
jegliches über Generationen weiter gereichtes Wissen, der
Austausch und der Kontakt mit Eltern und Freunden, der gesamte
begrifflich bestimmte Prozess der Sozialisation, die gesamte
kulturelle und biologische Dimension, die in uns wirksam ist,
die wir nicht schufen, aber unser Gehirn in seiner Vernetzungsstruktur
zu ganz spezifischen neuronalen Prägungen ermunterte, ganz
bestimmte Denkmuster entstehen ließ, die eine ganz bestimmte
Wirklichkeitsausformung ausbildete, uns zu dem werden ließen,
was wir glauben eigenständig zu sein, obwohl wir letztendlich
lediglich bedingt entstandene Maschen ein und desselben Gewebes
sind. Und mache man sich doch einmal klar, das ist wirklich
unglaublich, aber Hirnforschung und interessant, dass Neuronen
Gedanken bilden, sie bereits gebildet haben, bevor sie uns ins
Bewusstsein dringen. Unglaublich. Wer kann da schon behaupten
frei gedacht zu haben? Uns ist kein eigenständiges Selbst
zu Eigen, obwohl ich glaube, das eine Kontrollinstanz in uns
wohnt, die nicht im Gehirn verankert ist, dort aber Bewusstsein
schafft, in unglaubliche Tiefen reicht, doch auch zum Höhenflug
sich anschickt. Das, was wir eigenständig zu bilden glauben,
so unser Selbst, erscheint eher als Bündelung, Spiegelung
und Speicher der unterschiedlichsten Entwicklungslinien, die
uns vielfältig um- und verwoben haben.
Hätten wir ein eigenständiges Selbst, dass uns von
Geburt an begleitete und zu eigen ist, dann machte es auch keinen
Unterschied, ob wir in Deutschland, Rumänien, Kenia oder
Indien geboren werden und aufgewachsen, ob wir arm oder reich
sind, gesund oder krank, weil wir dann zu dem würden, was
uns als Wesen und Selbst in die Wiege gelegt worden ist. Lege
ich mir ein eigenständiges Selbst zu Grunde und wäre
ich mit den gleichen Anlage geboren, die mein Wesen bei meiner
Geburt bildeten, doch auf einer Müllkippe in Mexiko-City
groß geworden, so denke ich schon, dass ich mich anders
entwickelt hätte. Das, was ich dann für mein Selbst
hielte, wäre etwas gänzlich anderes, obwohl ich es
wohl für eigenständig hielte.
Ich glaube, dass ich vielschichtig und vielseitig geprägt
bin und in der Beleuchtung dieser Prägung mir ein Selbst
zuschreibe, indem ich die Eigenschaften, die aus dieser Prägung
entstanden, mir und meinem Selbst als unverkennbar und eindeutig
meinem Ich zuordne. Ich glaube nicht an ein eigenständiges
Selbst, zumal mir dies viel zu starr erscheint, da ich mich
doch beständig verändere und wandle, nicht bin, sondern
mich im Werden begriffen fühle, glaube aber daran, dass
ich die Fäden meiner Entwicklung in den Händen halte,
sie so gut es geht selbst verstricken kann, auch wenn sich unzählige
andere Fäden darum winden, was nur dann gelingen kann,
wenn ich mich achtsam begleitete und das Netz betrachte und
beleuchte, das mich umgibt, dem ich entsprang und in das ich
verwoben bin und aus dem ich mir nur zu gern ein eigenes Selbst
häkele.
So man sich ein eigenständiges Selbst klöppelt, stellt
sich die Frage, wie man dieses Selbst mit Inhalten füllt,
was es denn nun ist, was uns selbst ausmacht. Die Fäden
der Prägung müssen immer erkannt werden, Selbst hin,
Selbst her, weil man sich sonst nie erkennen wird. Dabei gilt
es für mich zu unterscheiden, zu klären und zu erfahren:
Was ist dir zu Eigen? Und: Wer bist du? Das ist sicherlich nicht
das Gleiche. Ich will das hier nicht weiten, doch erscheint
es mir absonderlich, mein Ego, das ich leider noch immer viel
zu oft verspüre, das lediglich Antwort auf die Frage gibt,
was mir zu eigen ist, nicht jedoch besagt, wer ich bin, also
oberflächlich argumentiert und nicht auf das Zentrum des
Seins verweisend ist, für meines Wesens Innerstes zu halten
und darin meines Wesens Kern zu sehen.
Betrachte ich den Wesenskern meiner selbst und nicht das Ego,
dass sich denkend begründet und aufrecht erhält und
wichtig nimmt, so lande ich, ganz unbuddhistisch, aber eigen,
unweigerlich bei meiner Seele, die nicht eigenständig mein
ist, weil sie sich mit allem und allen verbunden fühlt,
sich weder an eine Ich-Zuschreibung klammert, noch sich überhaupt
dafür interessiert, aber mir ins Bewusstsein dringt, sich
gar ungebunden von dem mir gerade zur Verfügung stehenden
Leib mit dem darin denkenden Geist fühlt, obwohl sie mich
zur Einheit mahnt und meine Körper-Seele-Geist-Einheit
zur Dreifaltigkeit hebt. Vielleicht, auch wenn es ein wenig
verzerrend ist, kann ich formulieren, dass ich nicht Teil des
Ganzen bin, sondern die Ganzheit in mir trage, die es zu erfahren,
zu bilden und zu leben gilt. Natürlich kann ich auch schreiben:
Ich will in Gott ein- und aufgeh`n. Oder wie wär`s es damit:
Ich würde mich so gern verlieren, um mich im Nirvana zu
finden.
Gedankensplitter zum Ende: Wenn es kein eigenständiges
Selbst gibt, gibt es logisch betrachtet auch keinen Grund sich
wichtig zu nehmen, sich in Eitelkeiten, Ängsten, Verletzungen,
Kränkungen, Enttäuschungen und Wünschen zu verstricken.
Das ist sowohl beruhigend, als auch befreiend. Das Paradoxe
ist, dass mir die Lösung aus dem egohaft denkend gebildeten
Ich als Freiheit erscheint, die es doch eigentlich gar nicht
gibt.
Vielleicht macht es auch Sinn das Denken vom Ego zu unterscheiden,
auch wenn das Ego sich denkend bildet. Gedanken, die zur Konstruktion
der Wirklichkeit maßgeblich beitragen, können sowohl
zur Fessel gereichen, als auch Luft zum Atmen schenken oder
zur Erkenntnis führen. Den Menschen ist Geist gegeben,
und sie sind zum Denken befähigt und sie erschaffen sich
die Welt in der sie leben, indem sie diese über Sinneseindrücke
und Gedanken bilden. Daher ist es uns auch gegeben, zu entscheiden,
in welcher Welt wir leben wollen und wie wir darin agieren mögen.
Vielleicht klingt das provokant, doch so ist es nicht gemeint,
glaube ich doch vielmehr daran, dass uns viel mehr zu eigen
ist, als die meisten Menschen sich vorstellen können, obwohl
wir alle Meister der Wirklichkeitskonstruktion sind:
Wem seine Welt nicht gefällt, der möge sich eben
eine Neue erschaffen.
Er muss sie nur neu konstruieren. Das ist alles. Er muss lediglich
das tun, was er ohnehin beständig und immer tut, nur in
einer bewusst gesteuerten und achtsamen Weise. Ich kann an Liebe
denken oder sie leben. Wir haben die Wahl. Ich kann am Leid
zergehen oder daran wachsen. Wir entscheiden selbst. Ich kann
Reichtum sehnen oder denken: Wenn ich reich wäre, würde
ich mein Geld verschenken. Wir klären uns selbst. Ich kann
den Wald vor Bäumen nicht sehen oder ihn bewusst wahrnehmen
und erleben. Wir bilden den Grad der Achtsamkeit. Ich kann die
Minuten, Stunden und Tage zählen oder einen gelebten Augenblick,
und mich dazu, zur Unendlichkeit heben.
Unser Gehirn freut sich über jede Abwechselung, will es
doch nicht immer in ein und der gleichen Weise Informationen
verarbeiten, denken und die Wirklichkeit bilden. Wir müssen
uns entscheiden, was wir wollen und dann einfach einen Fuß
vor den anderen setzen und uns dabei achtsam beobachten. Alles
andere kommt von ganz allein.
Jetzt ist aber Schluss: Der Geist der Vernunft darf sich nicht
um die Erkenntnisdimension des Herzens betrügen, bleibt
doch ohne Gefühl Verstandeskraft matt. Wer lernt mit dem
Herzen zu denken und die Einsicht des Herzens zur Tat zu heben,
wird die Welt neu und sich selbst lichtreich erleben.
Manchmal würd` mich schon interessieren, womit sich andere
beschäftigen und was sie dann denken. Doch manchmal bin
ich auch froh, es nicht zu erfahren zu müssen. Ende.
Auch wenn ich mich teils wiederhole, so ist dies kein Schade,
zudem eine Fortschreibung: Energisch zu handeln, ist gar nicht
leicht
Im ersten Bericht erwähnte ich, dass es mir wichtig und
unabdingbar erscheint, so dies Situationen erfordern, energisch
einzugreifen und energisch zu intervenieren; sprachlich, soweit
mir möglich, sowie auch körperlich. Ich würde
lieber anders wirken wollen, doch leider geht das hier nicht
immer, ist es doch nun einmal so, dass ich in einer vorgefundenen
Struktur agieren muss. Diese Struktur ist durch die Verhaltensweisen
und Gewohnheitsmuster der Kinder untereinander, aber auch des
Beaufsichtigungspersonal den Kindern gegenüber, bestimmt
und die sind oftmals alles andere als geduldig und ruhig, sondern
rau, etwa so ich erlebe, dass eine Kollegin ein Mädchen
in einen Schrank einsperrte, weil sie Kleidung beschädigte
und fünf andere Mädchen tags drauf aus dem gleichen
Grund auf steinernem Boden, die Arme in die Höhe hebend,
knien müssen und die Kollegin einer Gefängnisaufseherin
gleich, ihre Macht scheinbar genießend, mit einem Lineal
bewaffnet, auf den Treppengeländer sitzend, die Strafaktion
im Auge behält.
Es ist einfach bedauerlich, es gefällt mir auch nicht,
dass man auf manche Kinder nur dann einwirken kann, letztendlich
bewirkt man sie nur, man nur dann erst genommen wird und eine
Verhaltensweise nur dann zumindest für den Augenblick aufgegeben
wird, wenn man als Autoritätsperson auftritt und für
meine Begriffe schon nahezu grob agiert. Das gesprochene Wort,
die Erklärung und Vermittlung macht auf die Kinder keinen
Eindruck und interessiert sie nicht, zumal viel zu selten versucht
wird sie sprachlich und argumentativ zu überzeugen und
es einer längeren Überzeugungsarbeit, wohl aber auch
einer neu definierten Beziehungsarbeit, bedarf, um die Kinder,
aber auch die Mitarbeiter aus der Stagnation ihrer ritualisierten
Gewohnheitsmuster zu befreien.
Meine rumänischen Sprachfertigkeiten sind noch immer schlecht
entwickelt, das vermindert sicherlich meine Überzeugungskraft,
zudem bin und bleibe ich nicht lange genug im Heim, um hier
Verhaltensänderungen zu bewirken. Ich kann nur Akzente
setzen. Die Situationen, in denen versucht wurde die Kinder
sprachlich zu überzeugen, eigentlich wurde weitest gehend
auf sie eingeredet, so etwa als die Direktorin, der Psychologe
und ein Priester 90 Minuten lang etwa 15 Jungen ins Gewissen
redeten, verliefen fruchtlos. Bewegt hat es nichts, doch den
Versuch heiße ich gut.
Letztendlich sind die Einheiten hier viel zu groß: 100
Kinder auf einem Haufen und wenig Personal, dass sich zudem
weder richtig für die Kinder noch für die Arbeit interessiert
und auch nicht dafür ausgebildet ist. Das kann nicht funktionieren.
Natürlich sind einige Kinder durchaus einsichtig, sind
zu bewegen, sind verständig, sind zu überzeugen, doch
eben nicht alle. Schwierig wird es dann, wenn selbst ein energisches
Eingreifen an den Jugendlichen vorbei geht, wenn die Gewohnheitsmuster
derart ausgeprägt und verfestigt sind, dass der Zugang
zu ihnen verwehrt ist und bleibt. Manchmal ist es auch so, dass
fällt mir insbesondere bei den jüngeren Kindern auf,
dass sie es nahezu genießen, wenn ich energisch eingreife,
selbst Grobheiten als Spiel ansehen, weil sie in dem Augenblick,
indem ich mich energisch an sie wende, meine ganze Aufmerksamkeit
genießen, wonach sie sich sehnen.
Andererseits ist es auch so, dass die Kinder letztendlich meine
Arbeitseinstellung und mein Verhalten falsch interpretieren,
einschätzen und deuten. Sie sind es nicht gewohnt, dass
man in einer freundschaftlich gestimmten und lockeren Art und
Weise mit ihnen verkehrt, aber dennoch nicht ihr Freund und
Spielgefährte ist, auch wenn einige von ihnen zu mir sagen,
dass ich ihr Freund bin, sondern ich als sozialpädagogischer
Betreuer eine berufliche Funktion ausübe, die ich versuche
mit meinen Wesensmerkmalen und Prägungen zu füllen.
Die Kinder kennen Befehl und Gehorsam und Strafe bei Vergehen
in einer stark ausgeprägten Hierarchie und sind am ehesten
zu bewegen, so sie sich einen Vorteil von der Aufgabe oder Wandlung
einer Verhaltensweise versprechen, was an ihrer Einstellung
jedoch nichts verändert. Mein Verhalten hat bei den Kindern
Fehleinschätzungen hervorgerufen und ich bedauere mittlerweile,
dass ich anfänglich nicht darauf bestanden habe, mich mit
Domnu’ Jens, Herr Jens, wie es hier im Heim sonst üblich
ist, und von der Direktorin unter Hinweis auf die Heimregeln
auch verlangt wird, anreden zu lassen, nicht weil es mir gefällt,
sondern um von Anfang an einen Orientierungspunkt in der Beziehung
zu definieren und zu setzen.
Eine Schwierigkeit entstand sicherlich dadurch, dass ich nicht
von Beginn an konsequent genug war, was zu diesem Zeitpunkt
aber auch gar nicht in der Art nötig erschien, doch in
der zweiten Praktikumshälfte verstärkt nötig
wurde, weil ich mein Verhalten veränderte, indem ich die
mir selbst zugeschriebene Rolle und das darin einfließenden
Rollenverständnis neu definierte. War ich anfänglich
eher Spielgefährte, Beobachter und derjenige, der mit den
Kindern zum Baden ging, also für das Unterhaltungsprogramm
zuständig, so hat sich, gerade auch durch das Programm
der Engländer, meine Funktion und mein Verständnis
gewandelt. Wenn ich so will habe ich mich und meine Aufgabe
hier neu formuliert und ein neues Selbstverständnis entwickelt
und daraus resultiert offen betrachtet eine Schwierigkeit:
Die Kinder haben sich ein Bild über mich und von mir gemacht
und haben mich nach diesem Bilde in sich wirklich werden lassen.
Doch in dieses Bild passe ich nun nicht mehr. Ich sprenge den
Rahmen. Sie müssen erst begreifen, dass sich mein Rollenverständnis
verändert hat und das tun sie auch. Zudem müssen sie
ihre Verhaltensweisen mir gegenüber den neuen Gegebenheiten
anpassen, und da findet jedes Kind je nach seiner wesenhaften
Formung seine ganz eigene Ausdrucksweise. Einige Kinder hätten
in der ersten Hälfte sicherlich nicht zu tuscheln begonnen,
so sie auf mein Zurufen ihr Verhalten zu ändern oder es
aufzugeben nicht reagiert haben und ich auf sie zu gehe, um
deutlicher zu werden, was ich verändert sehen will: "Achtung,
Jens kommt!".
Der Inhalt der Flüsterei gefällt mir sicherlich nicht,
lieber wäre es mir, die Kinder freuten sich, so ich käme,
doch bin ich nicht allein für das Unterhaltungsprogramm
der Kinder zuständig und es geht mir auch nicht darum liebkind
bei den Kindern zu werden und zu sein, nichts dagegen einzuwenden,
und oft genug bin ich es auch, sondern auch ernsthaft zu sein
und zu bleiben, so es die Situation erfordert. Das ist mir wichtig.
Und auch wenn ich gar keine Lust verspüre die Stimme energisch
zu formen oder ernst zu blicken und ernst zu bleiben, wenn die
Kinder versuchen sich aus der Situation und Verantwortung zu
schleichen, indem sie lachen oder mich anlächeln, so weiß
ich doch, so sehe es zumindest ich, dass ich in der Situation
verloren habe, wenn ich das Lachen aufnehme und erwidere, weil
dann ins Alberne gezogen wird, was ich vermitteln will und zum
Spaß gerät, was mir wichtig ist und derart keine
Verhaltensänderung entstehen kann, ich aber zum Clown werde,
den man nicht ernst nimmt.
Manchmal mache ich mich unbeliebt, so wenn ich mich nicht auf
das einlasse, was die Kinder wollen oder einen Jungen fortschicke,
so er bei der Gartenarbeit nicht mitarbeiten will. Und der Umstand,
dass der Junge geht, zeigt mir, dass er mich mit meinem neuen
Rollenverständnis anerkannt hat. Ich zwinge kein Kind zur
Gartenarbeit. Mir ist die Freiwilligkeit lieb und wenn er nicht
mitarbeiten will, so ist dies sein gutes Recht, doch hat er
kein Recht dazu, andere von ihrer Tätigkeit abzuhalten,
indem er andere Kinder beschwatzt oder den Verlauf des Projekts
stört. Und dann muss er eben auch damit leben, dass ich
sage, dass es am Nachmittag kein Fahrrad für ihn gibt,
wohl aber für die anderen Kinder, die sich engagiert haben.
So ist es eben.
Bei der Gartenarbeit ist reichlich Platz für Plauderei
und Spaß, zumal ohnehin nicht genügend Gartengeräte
verfügbar sind, doch geht es in erster Linie um ein körperliches
und kooperatives Programm, dass eine Struktur aufweist, den
Tagesablauf gliedert, Kontinuität vermittelt und den Kindern
die Gelegenheit gibt, ihre Energie auf eine sinnvolle Art gestaltend
wirken zu lassen. Doch ist es auch so, und auch das ist mir
wichtig, dass ich nichts dagegen hatte, ganz im Gegenteil, so
der Junge nach 10 Minuten wiederkehrt, sich wieder integriert
und engagiert, auch wenn es vielleicht nur zurück gekehrt
ist, weil er sich langweilte, weil er alleine war, da seine
Gefährten im Garten sind oder er erst einmal seine Überraschung
über mein Verhalten ihm gegenüber verdauen musste.
Ich ließ dem Jungen die Wahl und er hat entschieden.
Windbewegt
Die Lustlosigkeit nicht energisch sein zu wollen, führt
mich zu dem Gedanken, oder führt der Gedanke mich zu mir?,
wie auch immer, meine Wesenheit mit den Eigenschaften des Windes
in Beziehung zu setzen. Gleiche ich, so will ich mich selbst
beschreiben, über weite Atemzüge des Windes ruhiger
Brise, so ist des Windes Wesen ebenso vielfältig wie Erscheinungsformen
mich spiegeln. Zuweilen bin ich verspielt wie er und tolle jauchzend
durch Wälder, Felder und Wiesen oder geleite steigende
Drachen lachend in den Himmel. Ich kann wie ein zarter Windhauch
zärtlich streicheln. Ich kann als gestillter Atem Trost
spenden. Ich kann kühlen, erfrischen und lindern. Ich kann
in verdorrtem Geäst, aber auch überall sonst, sehnsuchtsvoll
knistern. Ich kann die Glut der Liebe schüren. Bin ich
wie der Wind still, so bin ich in mir versunken. Ich bin voll
Kraft, kann Dinge verwandeln, wenn meine Energien sinnvoll fließen.
Ich kann formen. Ich kann bewegen. Ich bin in der Bewegung Form
gebend. Wohl aber vermag ich auch stürmisch zu brausen,
doch bin ich auch des Sturmes Auge, dem es gelingt, wenn auch
nicht immer, einerseits stürme ich zu wenig, um des Sturmes
Auge zur Übungseinheit zu erheben, andererseits bin ich
eher bemüht des Windes gebeulte Backen durch gezielte Atemzüge
zu beruhigen, selbst im stürmischen Brausen den geäugten
Apfel auf mich zu richten.
Obwohl ich das Energische nicht mag, mir der Sinn eher nach
Ruhe steht, so bin ich hier sogar in Situationen getreten, in
denen ich das Gefühl hatte, zu energisch agiert zu haben;
letztendlich nur für meine Begriffe, für hiesige Verhältnisse
sicher nicht. Im energischen Handeln Gleichmut, Gelassenheit
und Besonnenheit zu wahren, ist nicht nur wichtig und wertvoll,
sondern erscheint mir eine hohe Kunst, die es zu erlernen gilt.
Wenn ich mich unbesonnen aus Empörung über das Verhalten
eines Kindes zu einer impulsiven Handlung hinreißen lasse,
entsteht die Gefahr die Grenze des für mich vertretbaren
zu überschreiten. Mir ist es wichtig die Grenze zu definieren,
sie zu erkennen und zu wahren, mich im Grenzgebiet nicht aus
den Augen zu verlieren und die Gefahr des Grenzübertritts
im Bewusstsein zu etablieren. Und so ich in Grenznähe gekommen
bin, war es mir immer Bedürfnis und auch Tat, nach einem
kurzen Abstand, nicht zu früh und nicht zu spät, Energie
will wirken, auf die Kinder zu zu gehen, ihnen die Hand zu reichen,
ihnen in die Augen zu blicken, pace, Frieden zu sagen und versuche
zu erklären, warum ich so energisch war, eigentlich um
Verständnis werbe und die Situation auf diesem Wege entspanne
und wohl auch kläre.
Eine Verhärtung birgt die Gefahr von Trotzreaktionen,
kann mein Verhalten ebenso die des Kindes verändern, was
nicht von Nutzen ist, weil die Frucht der Arbeit und Beziehung
wurmstichig wird. Ich verliere den Zugang zum Kinde, das energische
Handeln wäre völlig umsonst und meine Energie wäre
verschwendet. Die Versöhnung, sie gleicht der Wandlung
von negativ geformter Energie unbesonnenen Handelns zu einer
positiv wirkenden Kraft, tut beiden Seiten gut und gleicht einem
Dünger der den Boden der Beziehung fruchtbar macht.
Es gibt auch Kinder, die auf mich zugehen, so ich sie zu recht
wies, vielleicht nur durch eine kleine Geste oder aber auch,
indem sie, nahezu unverständlich für mich, meine Nähe
verstärkt suchen, mich vielfach ansprechen, in einer Art,
in der sie es vorher nicht taten. Würden sie schmollen
und verärgert auf mich sein, so wäre mir dies Verhalten
vertrauter, was wohl daran liegt, das diese Verhaltensweise
mir durchaus zu eigen ist, auch wenn ich sie nicht lange halte,
weil es mich ärgert, dass mein verletztes Ego, obwohl es
sich nur aus und in meinen Neuronen konstruiert, die Oberhand
über mich gewinnt und mir eine Verhaltensweise diktiert,
die völlig nutzlos ist. Und es gefällt mir ausgeschrieben
gut, dass die Kinder, das ist vielleicht eher Erwachsenen zu
eigen, nicht im Geringsten nachtragend sind. Zudem hatte ich
das Gefühl, dass die Kinder nicht nur erleichtert über
die Handreichung waren, sondern vor allem auch erstaunt und
überrascht waren, dass ich ihnen die Hand reichte, weil
sie dies hier nicht so oft erleben. Einer Versöhnung, der
eine Überraschung zu Eigen ist, selbst den ersten Schritt
zur Aussöhnung zu gehen, die Hand als Friedenszeichen,
wohnt ein entwaffnender Zauber inne, dem man sich nicht so leicht
entzieht.
Im Garten
Nachdem das Gartenprojekt mit dem Anlegen eines Gemüsebeetes
Vortrieb nahm, lag es lange brach, ebenso das Beet, und ich
dachte schon, dass es zu Ende ging, bevor es richtig begann.
Doch nach einer Pause fand das Projekt in den Fluss zurück
und die Kinder haben regelmäßig vormittags fleißig
gewirkt, haben hohe Wiesen gefällt, haben umgegraben, gekarrt,
gehakt und gehackt. Zu aller Überraschung kamen die Wege
einer alten Parkanlage zum Vorschein, die von den Kindern in
mühseliger und emsiger Arbeit freigelegt werden. Aus den
Wegen der alten Parkanlage soll einmal eine Fahrradpiste werden,
auch wenn dieses Vorhaben dieses Jahr sicherlich nicht zu realisieren
ist. Doch der erste Schritt ist getan, und das ist wichtig,
denn wer sich nicht bewegt, bleibt stehen, stagniert, betrügt
sich selbst um seine Chancen, um das was möglich wird und
das, was in und aus der Bewegung heraus entsteht, und findet
auch nicht zum nächsten Schritt. Dabei kann jeder Schritt
eine Überraschung zu Tage fördern und neue Wege in
ungeahnte Richtungen sichtbar werden lassen, die man zuvor für
unmöglich, undenkbar oder unauffindbar hielt.
Die Idee des Kollegen, der das Projekt initiierte, besteht
darin, die Kinder aktiv werden zu lassen, sie einen Rhythmus
finden zu lassen, gemeinsam im und als Team zu arbeiten, Energien
zu kanalisieren, etwas entstehen und wachsen zu lassen und die
Kinder nach einem Arbeitstag zu belohnen, so etwa mit ein Ausflug
mit Fahrrädern, daran kann ich leider nicht teilnehmen,
die Räder sind einfach zu klein für mich, oder ein
Lagerfeuer, ganz nach rumänischer Art, im Garten zu entfachen
und ein paar Kilo Kartoffeln darin zu backen. Im Verlauf von
Jahren soll ein großes Gelände erschlossen werden,
mehr Gemüse angebaut werden, Obstbäume gepflanzt und
Blockhäuser errichtet werden und, und, und.
Es ist schon zu erleben, wie sich die Verhaltensweisen der
Kinder, die sich anfänglich um das Gartengerät stritten,
veränderten, wie sie die Arbeit teilten, sich tüchtig
ins Zeug legten, gar Ehrgeiz entwickelten und morgens fragten,
ob heute wieder im Garten gearbeitet wird. Die Arbeit ist nicht
leicht, das Werkszeug ist nicht sonderlich gut, vieles ging
zu Bruch und es ist im Sommer brütend heiß, doch
ist es manchen tags so, dass mehr Kinder im Garten arbeiten
wollen, als Geräte und Arbeit zur Verfügung stehen.
Was ich nicht ganz so glücklich finde, ist der Umstand,
dass nur zwei Mädchen am Projekt teilnehmen, die nicht
dazu gebeten wurden, sondern eigenständig kamen und auch
blieben, sehr willensstarke Mädchen, ehemalige Straßenkinder,
die sich durchzusetzen wissen. Der Grossteil der Gartenkinder
besteht aus Jungen. Doch sehe ich sehr wohl, dass gerade die
Jungen ein größeres Energieproblem haben als die
Mädchen und die Gartenarbeit für sie eine treffliche
Möglichkeit darstellt ihre Energie fließen zu lassen.
Bedauerlich ist, dass hauptsächlich die Kinder im Garten
aktiv sind, die den körperlichen und geistigen Voraussetzungen
nach einen Arbeitsauftrag schnell erfassen und umsetzen können.
Die Integration von Kindern und Jugendlichen mit körperlichen
oder geistigen Handicaps ist sicherlich möglich, ist wichtig,
bedürfte aber der intensiveren Betreuung, da man 20 oder
30 Mal zeigen und erklären muss, wie man einen Spaten in
das Erdreich tauchen lässt, wie man Erde hochführt
und wohin man sie wirft und nach der Erklärung vor jedem
Spatenstich gefragt wird, ob die Stelle, an der das Kind den
Spaten erneut ins Erdreich dringen lassen will auch wirklich
die Richtige ist. Doch dafür bedarf es genügend Personals,
dass es gibt, aber die Kollegen interessieren sich nicht für
das Projekt, geben sich lieber einem Sonnenbad und Kaffee hin
und der Projektinitiator und ein Praktikant sind für diese
Aufgabe zu wenig.
Das einzige Interesse das viele Kollegen an dem Projekt zeigen,
besteht darin, in den angelegten Garten zu gehen und sich für
das Essen einige Lauchzwiebeln aus dem Boden zu ziehen. Ansonsten
habe ich außer einem, dem langweilig war, der sich aber
auch nicht engagierte, keinen Kollegen gesehen. Nicht nur, das
sie sich nicht an dem Projekt beteiligen, dabei hätten
sie die Zeit dafür, nein, sie zeigen nicht das geringste
Interesse, erfragen nichts, wollen nichts erfahren und auch
nicht sehen, was im Garten vor sich geht und wie er gedeiht.
Bedauerlich. Es reichte aus, sie säßen nicht sieben
Stunden in der Sonne, sondern nur fünf und verbrächten
dafür zwei Stunden im Garten. Doch selbst so sie es täten,
hätte ich die Befürchtung, dass sie lediglich einem
Feldwebel gleich ihren Befehle erteilten, jedoch kein Verständnis
für die Arbeit und das Projekt an sich zeigten. Zudem ist
es auch erforderlich mitzuarbeiten, etwas vorzumachen, sich
selbst einzubringen, geht es doch um Teamarbeit und eine Vorbildfunktion.
Dazu sind die Kollegen nicht bereit und einige wohl auch nicht
befähigt. Warum die Direktorin, die das Projekt stützt
und lobt nicht das Personal anweist sich daran zu beteiligen,
ist mir unverständlich und bleibt mir rätselhaft.
Über die notwendige Autorität und Durchsetzungskraft
verfügt sie sicherlich.
Das Schöne am Gartenprojekt ist für mich die körperliche
Aktivität, die sich mit einem Programmziel vermengt, ist
die frische Luft, die Naturnähe und der Umstand etwas wachsen
zu sehen, etwas entstehen zu lassen und zu erleben, dass die
Kinder Fortschritte machen. In dieses Projekt fühle ich
mich, ganz im Gegenteil zu dem englischen Projekt, wohl und
eingebunden und teile seine Struktur und Zielsetzung und finde
es im höchsten Maße unterstützendwert. Und mir
gefällt es auch, wenn der alleingelassene Programminitiator
trotz aller Schwierigkeiten den ersten Schritt geht und in aller
Ruhe zu berichten weiß: Geht es auch langsam voran, so
macht das nichts, ich habe Zeit, bin ich doch noch 30 Jahre
hier. Er hat Ideen, Tatenkraft, einen langen Atem und bleibt
in Bewegung. Das gefällt mir gut.
Ein trauriges Bild
Der Junge, ich schrieb im letzten Bericht über ihn, der
in eine psychiatrische Klinik in Brasov eingewiesen wurde, ist
zu meinem Erstaunen nach relativ kurzer Zeit ins Heim zurückgekehrt.
Leider haben sich meine Befürchtungen bestätigt, denn
der Junge wird nicht psychologisch betreut, das ist leider in
seinem Zustand auch gar nicht möglich, denn ihm werden
Medikamente verabreicht, die er körperlich nicht verträgt
und so stark wirken, dass man keinen Zugang zu ihm findet. Er
wurde ruhig gestellt, steht unter Drogen und es ist traurig
zu sehen, nicht was aus ihm geworden ist, sondern was man aus
ihm machte:
Sein Gang ist schwankend und unsicher, manchmal wird er gestützt.
Seine Sprache ist lallend, doch spricht er wenig. Ein Gespräch
mit ihm ist nur ab und an möglich. Er ist kraftlos. Seine
Augen sind getrübt. Er schläft viel. Er isst langsam
und mühselig, oftmals wird ihm das Essen in den Schlafraum
gebracht.
Das geht nun schon seit Wochen so, und ich frage mich des Öfteren,
was das bringen und wie lange dies noch andauern soll.
Was mich zu entsetzen wusste,
ist der Umstand, dass zwei Kolleginnen der Meinung sind, eine
studiert gar Psychologie, ich glaub’s fast nicht, dass
der Junge ein Schauspieler sei. So halten sie sein Verhalten
etwa dann für schauspielerisches Talent, wenn er mit geballten
Fäusten zu Boden fällt. Ein Junge, der derart zu Boden
stürzt, das ist doch nicht normal, so fällt doch sonst
niemand, muss ein Schauspieler sein, war die Argumentation.
Es ist mir unverständlich, wie man den Jungen für
einen Schauspielern halten kann und ich finde es bedauerlich,
dass ich bei den Kolleginnen kein Mitgefühl mit dem Jungen
und seiner Situation verspürte.
Was ist schon verwunderlich daran, wenn ein Junge, der psychische
Probleme hat, der schon bevor er unter Drogen gesetzt wurde
aggressives Verhalten zeigte, so als er in der Küche Regale
umwarf, der mit seinem Leben und seiner Situation unzufrieden
ist, die Fäuste ballt und zu Boden geht. Das ist ja nahezu
ein Sinnbild: Ein Mensch ballt die Fäuste, bäumt sich
kraftlos auf, stürzt haltlos nieder und liegt am Boden.
Der Junge ist krank, unzufrieden und hilfebedürftig. Er
benötigt keine harten Drogen, die ihn gänzlich außer
Gefecht setzen, sondern psychologische und therapeutische Unterstützung,
die durchaus medikamentös begleitet sein kann. Doch diese
Form der Hilfe erhält er nicht.
Der Wald ist ruhig und geduldig, doch in der Küche dampft
es brodelnd
Ich erkundigte mich bei der Direktorin, ob es möglich
sei, mit einigen Kindern in den Wald zu gehen, Pilze zu sammeln,
um diese dann gemeinsam in der Küche zuzubereiten. Sie
gab ihr Einverständnis, nachdem sie mich fragte, ob ich
die Pilze kenne, die sich sammeln will. Da ich ohnehin vor hatte
nur die Pilze zu sammeln, die mir vertraut sind, ich beschränkte
mich auf Pfifferlinge, andere mir bekannte und bekömmliche
Pilze sah ich nicht, gab es keine Probleme.
So gingen wir also in den Wald, nahmen ein paar Hunde mit,
und die Kinder hatten ihre Freude und ihren Spaß, sowie
auch ich. Noch mehr freuten sie sich auf die Pilzmahlzeit, denn
Hunger haben die Kinder ohnehin immer.
So ging ich zu den Küchenfrauen, verabredete mit ihnen
eine Zeit für den nächsten Tag und glaubte auch verstanden
worden zu sein, was wohl ein Irrtum war. Denn als ich tags darauf
mit den Kindern, es waren nur vier, eben weil ich wusste, dass
die Küchenfrauen immer ein wenig gereizt reagieren, wenn
Kinder ihr Reich betreten, in der Küche erschien, sah ich
mit bekümmern, dass die Pilze bereits gewaschen und geschnitten
waren, ebenso Zwiebeln, die schon in einem Topf auf dem Herd
dünstend schwitzten.
Dabei war es doch gerade meine Vorhaben die Kinder nach dem
Naturerleben, das kochen zu lassen, was sie fanden und gesammelt
hatten, zähle ich doch auch dies zum sinnlichen Erfahren.
Zudem ist es kein Schade Kochen zu lernen und sich eine Mahlzeit
selbst bereiten zu können. Es gehört zur Selbständigkeit
und hier im Heim wird ihnen diese Arbeit beständig abgenommen.
Sie kochen nicht, sie gehen nicht einkaufen, dürfen das
Heim nur mit Genehmigung verlassen, sie waschen ihre Wäsche
nicht und vielen wird die ihre Bekleidung gereicht, obwohl sie
fähig wären, sich selbst einzukleiden. Meiner Meinung
nach wird ihnen zuviel abgenommen und derart die Fähigkeit
zum Erlernen von Selbständigkeit genommen.
Doch kam es gar noch schlimmer, denn die Küchenfrauen
reagierten ausgeschrieben gereizt. Sie waren nicht böse,
sie handelten lediglich in den ihnen vertrauten Verhaltensweisen
und Gewohnheitsmustern, und fauchten die Kinder lauthals an,
was natürlich ihren Widerwillen und ihr Wort weckte, was
die Situation nicht entspannte, bis die Kinder schließlich
vergrault waren. Mir war das Verhalten der Küchenfrauen
unangenehm, gar peinlich, und ich entschuldigte mich bei den
Kindern, worauf sie mich anlächelten und sagten: ‚Kein
Problem’, was mich zum Lachen brachten, weil ich das sonst
oftmals sage.
So kochte ich alleine, doch hatte ich nicht das Gefühl,
als verstünden die Küchenfrauen, warum ich das tat.
Schon gar nicht verstanden sie, dass ich den Kindern auch noch
etwas von der Mahlzeit abgeben wollte. Ich lud die Küchenfrauen
zu einer kleinen Mahlzeit ein, und sie ihrerseits, das fand
ich ein wenig dreist, Kollegen, die ich nahezu nicht kannte.
Ich musste Acht geben, dass noch genügend für die
Kinder übrig blieb, die ich holte, um ihnen ihr Essen im
Speisesaal zu servieren, war die Küche doch für sie
zum Sperrgebiet erklärt worden und wollte ich nicht riskieren,
dass die küchenfrauliche Miene sich zur Mine wandelt, scharf
macht und explodiert.
Jens Steinberger am 08. Oktober des Jahres 2006. 18:40. Österreich.
Steiermark.
Kontakt: JensSteinberger@web.de
|